Dass die Medienwelt eine Männerwelt ist, lehrt uns der Blick ins Impressum. Dass der Zutritt der Frauen in die Medienwelt eine von Mannes Gnaden ist, ergibt sich daraus zwangsläufig. Natürlich gibt es auch in der Medienwelt so etwas wie Frauenförderung. Doch ist sie hier, was sie in der Männerwelt meistens ist – eine Art erweitertes Balz- und Brutpflegeverhalten. Und dass ist beinahe auch schon alles, was junge Frauen von der Medienwelt erwarten können. Denn überall in Deutschland sieht es in den Ressortleiterkonferenzen noch immer aus wie im jemenitischen Teehaus.

Helene Hegemann schien zunächst ins patriarchale Frauenpflegeprogramm aufs Schönste integrierbar. Siebzehn Jahr, langes Haar, schwierige Kindheit, eine Leidensblume aus dem Berliner Sumpf, weder bedrohlich noch bedeutsam, ein Fall fürs gehobene Jugendfeuilleton. Erst als herauskam, dass die junge Frau ihre literarischen Einkünfte nicht korrekt versteuert, mithin eine philologische Straftat begangen hatte, änderte sich alles. Plötzlich ist Helene Hegemann kein Spielball mehr fürs kulturelle Frauenförderprogramm. Plötzlich ist sie ein böses Mädchen, das in einen Hochsicherheitstrakt eingebrochen ist. Damit wird sie zum Fall für das leitende Herrenfeuilleton, das sich aufführt wie die Kirchenväter, die ein besonders perfides junges Weibsstück der Hexerei überführt haben.

In denselben Blättern, in denen Helene Hegemann zuvor zur Heroine der Jugendkultur erklärt wurde – zum Wunderkind, zur Performancekünstlerin, zu einer Autorin von ungeheuerlicher erzählerischer Kraft –, wird sie von einem Tag zum anderen demontiert und mit unerhörtem paternalistischem Tschingderassa als Autorin zu Grabe getragen. Altmeister Willi Winkler schreibt in der Süddeutschen Zeitung scheinväterlich besorgt, »das junge Ding« sei von der Kulturindustrie »in die Medien geschickt« worden. Doch das »Ding« könne nichts dafür, wenn es in »den Medien« nun umkomme, es sei ja erst siebzehn Jahre alt und könne »es nicht besser«. Jürgen Kaube spricht Helene Hegemann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung jede eigene Autorenschaft ab, erklärt sie zum »Model«, das fremde Kleider trägt, degradiert sie zum bloßen »Produkt selben Namens«, witzelt gönnerhaft über das »junge Célinchen« und versteigt sich zu Vermutungen darüber, wer dem Luder wohl die Feder geführt haben könnte: natürlich ein Mann, der Vater und »Theorieschwadroneur« Carl Hegemann. Thomas Steinfeld kommt in der Süddeutschen Zeitung ebenfalls zu der Erkenntnis, dass Helene Hegemann gar nicht über »die Sprache verfügt, um überhaupt einen Roman schreiben zu können«. Weil der »naseweise Teenager«, der »nach Geltung giert«, es dennoch versucht hat, das »kleine Buch« zu schreiben, hält Steinfeld als Letzter in der Herrenrunde das Streichholz an den Scheiterhaufen. Helene wird exkommuniziert. Aber was macht das schon. Sie ist doch nur ein »Ding« (Winkler), ein »Model« und ein bloßes »Produkt« (Kaube) des Mannes, und ihr Buch alles Mögliche, jedenfalls »keine Literatur« (Steinfeld).

Reden wir nicht davon, dass die ansonsten beträchtliche ästhetische Urteilskraft der Herren im Fall dieser begabten jungen Frau blind zu sein scheint. Reden wir nur von dem unerhörten, in die Zeit der Backenbärte zurückweisenden misogynen Ton, mit dem das männliche Establishment eine bedrohlich junge, bedrohlich virtuose und bedrohlich bedenkenlose Autorin aus seinem Hoheitsbereich verbannen möchte. Vorbilder für eine solche Exkommunikation unregierbarer und unliebsamer Frauen gibt es genug. Selbst die berühmte Elke Heidenreich wurde, als sie zu frech und zu vorlaut wurde, von Marcel Reich-Ranicki wie ein unartiges Schulmädchen getadelt (»Elke hat sich miserabel benommen«) und aus dem Männerfernsehzirkus ausgeschlossen.

Die Komplettauslöschung der jungen Autorin wird dem Kommando Otto Weininger, das sich gegen Helene Hegemann im Feuilleton zusammengefunden hat, indess nicht gelingen. Denn die Frage, warum Hegemanns Datendiebstahl und ihre Jelineksche, in der Tat schrille und hochnervöse Sprachperformance die Fußnoten-Wächter derartig gegen sich aufbrachte, ist mehr als nur ein Fall für den Gleichberechtigungsbeauftragten. Sie ist symptomatisch für die Kollision zweier Medienkulturen, die bisher wie zwei luftdicht verschlossene Monaden nebeneinanderher existierten: die eine nahezu rein männlich, akademisch legitimiert und schon etwas in die Jahre gekommen, die andere ein wenig jünger, ein wenig weiblicher und viel autodidaktischer; beide hoch spezialisiert und jede auf ihre Weise betriebsblind für die andere. Dass ausgerechnet einer so jungen und sprachbegabten Frau die Rolle der schwarzen Botin und Grenzverletzerin zufiel, hat die Torwächter der alten Medien derartig aus der Fassung gebracht, dass sie sogar die einfachsten Gentlemangebote ihrer Herkunftskultur vergaßen.

Hegemanns wichtigstes Vergehen besteht nämlich nicht darin, dass sie ihre Quellen verschwiegen und das Vokabular der Drastik manchmal ein wenig zu kokett eingesetzt hat. Das würde für einen patriarchalischen Radau wie den stattgehabten kaum ausreichen. Ihr Vergehen besteht vielmehr darin, das Chaos und die Bedenkenlosigkeit einer noch nicht hierarchisierten, noch nicht durch Männerkartelle kontrollierten Medienkultur in den Machtbereich der alten literarischen Leitkultur überführt und dabei einen ziemlichen Auffahrunfall provoziert zu haben. Hegemanns Beharren darauf, aus einem Milieu der Postpostauthentizität und der ungeregelten Lebensperformance zu entstammen, ist nur als Notlüge, als nachgereichte Entschuldigung aus Papas Volksbühnen-Programmheften abgetan worden. Dabei war der Kitsch, der ihr von ihren Anklägern vorgehalten wurde – sie wolle mit beiden Händen ins echte, verruchte Jugendleben greifen –, nur der Kitsch der allzu flüchtigen Leser. Wenn man ihr etwas glauben darf, dann ist es vielleicht einzig dies: dass das Verschwinden des Authentizitätsgefühls in der Kultur, für die sie steht, mehr als eine Derridasche Stilübung ist. Von uns aus gesehen, von der Welt der Subjektphilosophie, der Eigentumsrechte und der mündigen Bürger ist das eine Tragödie. Von ihr aus gesehen eine Notwendigkeit.