Shakespeares Kaufmann von Venedig hat sich bei Marlowes Jew of Malta versorgt. Die Sintflut in der Genesis haben die Juden auch nicht erfunden. Wir finden sie schon im Gilgamesch-Epos . Thomas Mann – hat der nicht Joseph und seine Brüder wiederum aus der Bibel geklaut?

Seitdem die Menschheit erzählt, "borgt" und "stiehlt" sie. Aber dann entstand die Idee des "geistigen Eigentums" und des "Plagiats". Erfunden hat es der römische Dichter Marcus Valerius Martialis, der den Fidentinus bezichtigte, seine Gedichte abgekupfert zu haben. Der Mann sei ein plagiarus, ein "Menschenräuber", der sich Gedanken gegriffen habe, als seien sie freigelassene Sklaven.

Vom 18. Jahrhundert an aber waren Worte nicht mehr umsonst zu haben; sie gehörten dem Autor, und so entstanden Copyright und Urheberrecht. Den Chinesen werfen wir zu Recht das Raubkopieren vor – und Google das Scannen von Millionen von Büchern. Worte sind Eigentum – wie Patente und Häuser. Das Plagiat ist die schlimmste Sünde, die ein Wissenschaftler begehen kann.

Warum tun wir uns dann so schwer in der Causa Hegemann, das Ding beim Namen zu nennen? Wegen des "Literaturvorbehalts"? Weil die Autorin aus ganzen Sätzen und Absätzen etwas anderes, Besseres gemacht habe? Wir leben nicht mehr in Venedig, und selbst dort mussten Schulden mit dem "Pfund Fleisch" bezahlt werden. Warum führen wir Prozesse gegen Google, wo es auch um Literatur geht? Warum muss ein Autor bei längeren Zitaten die Erlaubnis einholen?

Der Kritiker Georg Diez meint: "Literatur richtet sich nicht nach den Zutaten." Ijoma Mangold: "Die Plagiatsvorwürfe ändern an meinem künstlerischen Urteil über das Buch nichts." Beides ist bedenkenswert, löst aber das Problem nicht. Denn es geht nicht um die Qualität von Axolotl Roadkill, sondern um die verweislose Aneignung, um es ganz nüchtern auszudrücken.

Von der Autorin wünscht man sich ein Quantum an Zerknirschung oder, wie es früher hieß: "Wohlanständigkeit". Stattdessen bemüht sie das Vokabular der Postmoderne, als hätte sie ihre ganzen 17 Jahre im Foucault-Seminar verbracht. Sie empfinde es nicht als "geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe". Ist der Vergaser nicht geklaut, wenn ich ihn in mein Auto einbaue?

 

Bei einem Roman über die nuller Jahre müsse auch "anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren". Das ist die "Umwertung aller Werte", die Nietzsche für das 20. Jahrhundert vorausgesagt hat. Die Umstände – die "Vorgehensweisen" – sind schuld; was ist mein Lapsus gegen das größere Verbrechen namens "Urheberrechtsexzess"? Ob ein Richter den Autodieb freisprechen würde, der ein Fanal gegen den "Eigentumsrechtsexzess" setzen wollte?

Warum dann zwischen geistigem und materiellem Eigentum unterscheiden? Weil’s Literatur ist? Die Trennung lässt sich nicht durchhalten, nicht in einer Welt, in der die Leistung einer Wirtschaft nur noch zu zwanzig Prozent aus "Dingen" – Autos, Äpfeln, iPods – besteht. Die anderen achtzig Prozent im weitesten Sinne "geistiges Eigentum" sind, die Hauptwertschöpfer des 21. Jahrhunderts.

Ist der Teenager zu jung, um das zu verstehen? Sie beherrscht das Schuldabweisungsvokabular wie zwei hoch bezahlte Altadvokaten. Sie ist ein Kind unserer Zeit, in der Art von Lewis Carrolls Humpty Dumpty, der in Alice im Wunderland dozierte: "Wenn ich ein Wort benutze, hat es just die Bedeutung, die ich ihm gebe." Und das ist das Problem.