Der Maler Giorgio de Chirico schrieb einmal: »Vielleicht ist die Vorahnung die außergewöhnlichste Art der Wahrnehmung, die wir vom prähistorischen Menschen geerbt haben. Die Vorahnung wird es immer geben. Sie ist der ewige Beweis für die Irrationalität des Universums. Der Urmensch muss durch eine Welt voll unheimlicher Zeichen gewandert sein. Er muss bei jedem Schritt gezittert haben.«

Und wir? Wir werden bei jedem Schritt begleitet von Vorgängern, Vorbildern, denen wir das Gehen abgeschaut haben. Der Urmensch mag bei jedem Schritt gezittert haben. Der Mensch von heute zitiert bei jedem Schritt. Wir sind nicht umstellt von Vorahnungen und unheimlichen Zeichen, sondern von Nachbildern und Ikonen.

Wer heute ein Kunstwerk schafft, der »schreibt sich ein« ins große Palimpsest. Wer heute Künstler werden will, dessen Hauptarbeit geht dahin, all die Geistererscheinungen und Vorahnungen und unheimlichen Zeichen zu zähmen und vor seinen eigenen geisterhaften Karren zu spannen und dabei einen Stil, eine unverwechselbare Technik zu entwickeln.

Er sitzt auf dem Erbe der Klassik und versucht nun, ein Künstler-Ich zu entwickeln, dem er treu sein kann über alle Werke hinweg. Dieses Ich wäre dann sein eigenes Werk. Ein Geniekult, der sich so beschreiben ließe: Die Größe eines Künstlers liegt nicht mehr in seinem Handeln, seinen Entscheidungen, seinen Einfällen, sondern darin, wie er sich verhält zu den Vorgeschichten – welche Geschmacksfestung er sich baut aus alldem. Anstelle des Originaleinfalls die Compilation; anstelle von Stil die Eingrenzung des eigenen und die Diffamierung von unterlegenem Geschmack, anstelle von Haltung die Bildung von Kanons und das Erstellen von Listen. Was ich gesehen, gelesen, wozu ich getanzt und was ich getrunken habe, macht mich aus: Ich kam, sah und holte es mir. Was ich davon weiterverwende, ist mein Stoff. Wie ich ihn verteidige, macht meinen Künstlermut aus.

Was will man sein: Das verhüllte oder das nackte Genie?

Ungefähr so könnte man sich erklären, wie die 17jährige Autorin Helene Hegemann zu ihrem ersten Roman Axolotl Roadkill gekommen ist. Als vor einigen Tagen klar wurde, dass dieser Roman zu einem gewissen Maß aus Fremdmaterial besteht, vor allem aus Passagen des Berliner Bloggers Airen, ging Helene Hegemann mit einem Statement an die Öffentlichkeit. Darin verteidigt sie ihre Arbeitsweise mit dem Hinweis, »dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit.«

Das regiemäßige Drangehen an die Welt – was ist gemeint? Tatsächlich hat Helene Hegemann viel Zeit im Theater zugebracht, vor allem in der Berliner Volksbühne, wo ihr Vater Carl Dramaturg war. Das Verfahren, das sie in Axolotl verwendet hat, könnte sie dort gelernt haben.

Im deutschen Theaterbetrieb hat der Begriff des Autors einen beispielhaften Bedeutungswandel erfahren. In früheren Zeiten war der Theaterautor der oberste Mann in der Hierarchie, er gab dem Betrieb die Figuren, die Worte, den Sinn, all das, was der Betrieb dann in szenisches Leben übersetzen durfte. Heute ist der Autor, frei nach Heiner Müller, ein Lieferant von Material, aus welchem der Regisseur herausholt, was er »spannend« findet und was ihn »interessiert«: Der Regisseur selbst ist zum Überautor des deutschen Theaters geworden. Er ist jene Instanz, die den von großen Toten überlieferten Text »kurzschließt« mit anderem Material. Es gehört zum Spiel, dass man die verwendeten Zitate nicht kenntlich macht, sondern dass man literarische Dritt- bis Elftmittel aus Stücken, Filmen, Romanen unmarkiert mitschwimmen lässt im Bedeutungsstrom. Alles andere wäre akademisch: Fußnotenkrampf. Und darum geht es nicht. Es geht vielmehr, wie der methodisch und stilistisch ungemein einflussreiche Dichter und Raver Rainald Goetz immer betont hat, um Weltmitschrift.