Helene Hegemann Autor und Über-Autor

Was hat Helene Hegemann mit dem deutschen Theater zu tun? Sie hat dort gelernt, den Begriff des Urhebers neu zu definieren: Der Urheber ist nur derjenige, der uns allen das »Material« liefert

In der Volksbühne verbrachte Helene Hegemann viel Zeit

In der Volksbühne verbrachte Helene Hegemann viel Zeit

Der Maler Giorgio de Chirico schrieb einmal: »Vielleicht ist die Vorahnung die außergewöhnlichste Art der Wahrnehmung, die wir vom prähistorischen Menschen geerbt haben. Die Vorahnung wird es immer geben. Sie ist der ewige Beweis für die Irrationalität des Universums. Der Urmensch muss durch eine Welt voll unheimlicher Zeichen gewandert sein. Er muss bei jedem Schritt gezittert haben.«

Und wir? Wir werden bei jedem Schritt begleitet von Vorgängern, Vorbildern, denen wir das Gehen abgeschaut haben. Der Urmensch mag bei jedem Schritt gezittert haben. Der Mensch von heute zitiert bei jedem Schritt. Wir sind nicht umstellt von Vorahnungen und unheimlichen Zeichen, sondern von Nachbildern und Ikonen.

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Wer heute ein Kunstwerk schafft, der »schreibt sich ein« ins große Palimpsest. Wer heute Künstler werden will, dessen Hauptarbeit geht dahin, all die Geistererscheinungen und Vorahnungen und unheimlichen Zeichen zu zähmen und vor seinen eigenen geisterhaften Karren zu spannen und dabei einen Stil, eine unverwechselbare Technik zu entwickeln.

Er sitzt auf dem Erbe der Klassik und versucht nun, ein Künstler-Ich zu entwickeln, dem er treu sein kann über alle Werke hinweg. Dieses Ich wäre dann sein eigenes Werk. Ein Geniekult, der sich so beschreiben ließe: Die Größe eines Künstlers liegt nicht mehr in seinem Handeln, seinen Entscheidungen, seinen Einfällen, sondern darin, wie er sich verhält zu den Vorgeschichten – welche Geschmacksfestung er sich baut aus alldem. Anstelle des Originaleinfalls die Compilation; anstelle von Stil die Eingrenzung des eigenen und die Diffamierung von unterlegenem Geschmack, anstelle von Haltung die Bildung von Kanons und das Erstellen von Listen. Was ich gesehen, gelesen, wozu ich getanzt und was ich getrunken habe, macht mich aus: Ich kam, sah und holte es mir. Was ich davon weiterverwende, ist mein Stoff. Wie ich ihn verteidige, macht meinen Künstlermut aus.

Was will man sein: Das verhüllte oder das nackte Genie?

Ungefähr so könnte man sich erklären, wie die 17jährige Autorin Helene Hegemann zu ihrem ersten Roman Axolotl Roadkill gekommen ist. Als vor einigen Tagen klar wurde, dass dieser Roman zu einem gewissen Maß aus Fremdmaterial besteht, vor allem aus Passagen des Berliner Bloggers Airen, ging Helene Hegemann mit einem Statement an die Öffentlichkeit. Darin verteidigt sie ihre Arbeitsweise mit dem Hinweis, »dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit.«

Das regiemäßige Drangehen an die Welt – was ist gemeint? Tatsächlich hat Helene Hegemann viel Zeit im Theater zugebracht, vor allem in der Berliner Volksbühne, wo ihr Vater Carl Dramaturg war. Das Verfahren, das sie in Axolotl verwendet hat, könnte sie dort gelernt haben.

Im deutschen Theaterbetrieb hat der Begriff des Autors einen beispielhaften Bedeutungswandel erfahren. In früheren Zeiten war der Theaterautor der oberste Mann in der Hierarchie, er gab dem Betrieb die Figuren, die Worte, den Sinn, all das, was der Betrieb dann in szenisches Leben übersetzen durfte. Heute ist der Autor, frei nach Heiner Müller, ein Lieferant von Material, aus welchem der Regisseur herausholt, was er »spannend« findet und was ihn »interessiert«: Der Regisseur selbst ist zum Überautor des deutschen Theaters geworden. Er ist jene Instanz, die den von großen Toten überlieferten Text »kurzschließt« mit anderem Material. Es gehört zum Spiel, dass man die verwendeten Zitate nicht kenntlich macht, sondern dass man literarische Dritt- bis Elftmittel aus Stücken, Filmen, Romanen unmarkiert mitschwimmen lässt im Bedeutungsstrom. Alles andere wäre akademisch: Fußnotenkrampf. Und darum geht es nicht. Es geht vielmehr, wie der methodisch und stilistisch ungemein einflussreiche Dichter und Raver Rainald Goetz immer betont hat, um Weltmitschrift.

Leser-Kommentare
  1. Dieses Mädchen hat ihr zusammengeklautes Material als Bericht eigener Lebenserfahrung zu verkaufen versucht (vermutlich unter nicht zu knapper Mithilfe ihres Papas, der als Dramaturg über entsprechende Verlagskontakte verfügt). Künstlerisch belanglos, ökonomisch ausgeschlachtet.
    And thats it! Literarisch weit unterdurchschnittlich, thematisch / inhaltlich bei Leuten wie dem zitierten Rainald Götz weitaus substanzieller nachzulesen, bleibt der erhellende Blick auf die Gier des Literaturbetriebs nach Stars und Sternchen: DSDS - Deutschland sucht die Superautorin!

  2. Nach der Lektüre des Buches dachte ich: Schlechter Roman einer extrem talentierten Siebzehnjährigen. Ähnliche Texte schlummern vermutlich in Tausenden von Schubladen (oder, bei Exhibitionisten, in Blogs). Drei bis vier Jahre Reife, Förderung und ehrliche Kritik - und dann kann sie vielleicht den Roman schreiben, der das Jahrzehnt definiert.

    Das Buch ist stilistisch mangelhaft, die Metaphern würgen einander zu Tode, der Satzbau ist abstrus, die Sprache unmusikalisch, noch ohne Gefühl vom Rhythmus; und der "Schaut mal, was für tolle schmutzige Wörte ich kann"-Schock-Overkill lässt den Leser irgendwann abstumpfen. Was an dem Buch so begeisternd sein soll, ist mir ein Rätsel.

    Haben nicht viele mit Siebzehn so geschrieben? Damals, als wir in der Bibliothek der Eltern den Henry Miller, den Bukowski, oder auch den de Sade oder Bataille fanden? Dachten wir nicht alle, dass guter Stil bedeutet, möglichst geschraubt zu schreiben? Und ist es nicht auch gut, dass diese Texte nicht veröffentlicht wurden?

    Ihre Anfängermacken hätte die Autorin durch ein paar weitere Jahre verlieren können. Und dann wären die wirklich wuchtigen Szenen des Buches, die jetzt im Metaphernbombardement und im unreflektierten Intellektuellengeschwafel untergehen, deutlich hervorgetreten.

    Dass Helene Hegemann künstlerische Power hat, hat sie bereits mit ihrem Spielfilm bewiesen. Und sicher hätte sie das Zeug zu mehr. Doch diese Chance wird sie vermutlich nicht erhalten. Schade.

  3. Die kleine Textdiebin hat sich selbst ein fremdes Leben mit Drogen- und Sexeskapaden angedichtet.

    Noch peinlicher und lahmer geht es kaum.

    So etwas tun Teenager, die ihr banales Leben etwas aufprollen möchten - und machen sich damit lächerlich.

    Noch peinlicher sind nur die Feuilletons mit ihren Rechtfertigungskrämpfen.

  4. Vor allen Dingen HÄTTE man auf die Veröffentlichung dieses zusammengeklauten "Werks" verzichten können. HAT man aber nicht. Man HÄTTE sich auch die peinlichen Rechtfertigungs-Arien der vermeintlichen Literaturkritiker sparen können. HAT man aber nicht.
    Allein der einfältige Leser (oder Konsument?) ist demnach Schuld, wenn er die schier unglaubliche Genialität der H.H. (die sie HÄTTE haben können) nicht zu erkennen vermag...

    • Yroc
    • 21.02.2010 um 21:35 Uhr

    Gibt es nun jeden Tag einen Artikel über dieses "Wunder"kind?

  5. ...um in diesen "Skandal" überschüssige Geisteskraft zu investieren.
    Leicht übergewichtiger Teenie möchte auch mal was irgendwie Wichtiges machen, klaut sichs zusammen, deklariert das flugs zum Stilmittel um als es rauskommt und kassiert jetzt kräftig ab. Tolle Sache.
    Es ist schön zu beobachten, wie diese ganze Maschine aus überflüssigen Dummschwätzern sich darauf stürzt, um auch mal ganz kurz im Rampenlicht zu stehen. Klaut Euch Eure eigenen Texte zusammen, Ihr Eunuchen ;o)

  6. ...sich mit Blößen gepanzert. Der Laserstrahl des diamantscharfen Autorenverstandes beschämt all uns mit Logik belasteten Kleingeister. So hat er sich wohl gedacht, aber ich denke, das ist einfach gequirlte Rattens...

  7. darüber nachdenken, Artikel über die Autorin und ihr ach so sprachgewaltiges Buch mit einem Vermerk zu versehen:

    "Anzeige"

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