Politthriller "Ghostwriter" Ein Premier ganz unten
Tödliche Schuld: Roman Polanskis Thriller "Der Ghostwriter" über einen Politiker, der Tony Blair ähnlich sieht.
Zwei Männer haben mit zwei Ländern noch eine Rechnung offen, und beide haben sich, wie auch immer, vor Jahren glücklich gefunden. Der eine ist der Brite Robert Harris, der in seinem früheren Leben als Journalist gearbeitet und sich dann auf die Herstellung süffiger Bestsellerprosa (Pompeji) verlegt hat. Der andere ist der polnisch-französische Regisseur Roman Polanski (Rosemaries Baby). Er lebt derzeit in der Schweiz, in einem Chalet am Ortsrand von Gstaad, genauer gesagt: Er steht unter Hausarrest und muss eine elektronische Fußfessel tragen. Sobald er versucht, sich in die Büsche zu schlagen, schlägt das Ding Alarm und ruft die Polizei herbei. Gegen Polanski läuft seit 1977 in den USA ein Verfahren wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen. Die Amerikaner wollen Polanski dringend vor Gericht stellen, und die Schweiz will ihn, nicht ganz so dringend, auch ausliefern.
Robert Harris hat Polanski die Vorlage für seinen neuen Film Der Ghostwriter geliefert, das heißt, er hat seinen Roman Ghost auf ein griffiges Drehbuch zusammenschnurren lassen. Dieser Roman ist die wütende Abrechnung mit einem englischen Premierminister, der sein Land nach Strich und Faden belogen, die Truppen in den Irakkrieg geschickt und das große stolze Britannien zum winselnden Schoßhündchen der Bush-Cheney-Wolfowitz-Clique herabgewürdigt hat. Der berüchtigte Politiker, dessen Name so leicht zu erraten ist wie der Fluss, der durch London führt, trägt im Film den Namen Adam Lang (Pierce Brosnan), und seine Kriegsrhetorik ist so schneidend wie die Reitpeitsche seines britischen Kolonialoffiziers auf dem Rücken eines Eingeborenen. Adam Lang alias Tony Blair lügt mit der Wahrheit und simuliert Aufrichtigkeit. Er betet zu Gott, er spricht von Menschenrechten – und will betrügen.
Polanski zeigt Adam Lang nach dem Ende seiner Amtszeit im selbst gewählten amerikanischen Exil, nur noch ein Schatten seiner selbst. Eingesperrt, wie mit Fußfesseln an sein Schicksal gekettet, lebt er in einem Hochsicherheitstrakt auf der US-Insel Martha’s Vineyard, begleitet von seiner Frau Ruth (Olivia Williams) und einer Handvoll bewährter Speichellecker. Daheim in Europa schlagen die Wellen hoch. Adam Lang soll britische Staatsbürger als Terrorverdächtige festgenommen und an Bushs Folterknechte ausgeliefert haben. Damit gehörte er als Kriegsverbrecher in Den Haag vors Gericht. Mit einem Wort: Der Mann ist ganz unten, und nun bleibt ihm nur eins – für viel Geld einen Ghostwriter (Ewan McGregor) anzuwerben, um mit marzipansüßen Memoiren die Weltmeinung auf seine Seite zu ziehen.
Roman Polanski hat aus der Vorlage einen achtbaren Thriller gedreht, der Harris Roman allerdings eine plakative Pointe voraus hat. Das betonmoderne Stranddomizil, in das sich Lang verbunkert, gleicht einer düsteren Allegorie – einer Allegorie auf den Westen, der durch den Irakkrieg seine Ideale verraten und Berge von Schuld auf sich geladen hat. Adam Lang, der Untermieter Amerikas, wird sich unheimlich, so wie sich Polanskis frühere Figuren auch unheimlich geworden sind. Er ist paranoid und feindselig, bis in die Träume verfolgt von den verbitterten Eltern gefallener Soldaten, in seiner kalten Einsamkeit von Wunsch zerfressen, vor der Geschichte und den Toten doch noch Recht zu bekommen. Hier gelingen Polanski, dem Meister der filmischen Klaustrophobie, die besten Szenen, und sie sagen immer nur das eine: Der Irakkrieg war ein Krieg, den Amerika und England gegen sich selbst führten und an dessen Ende die Koalition der Willigen sich nicht mehr wiedererkennen wird. Der Rest des Films erfüllt die Gesetze des Thrillers. Hinter allem Geschehen steht ein Komplott, und womöglich spielt eine Frau darin eine entscheidende Rolle, wer weiß. In früheren Zeiten wäre sie die Königin gewesen, und dass immer die Frauen schuld sind, diese Auffassung soll unter Englands Männern historisch recht verbreitet sein.
- Datum 18.02.2010 - 15:33 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
- Kommentare 4
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Harris schreibt keine Trhillernebenbei erfährt man nämlich, wie die meisten Biographien großer Persönlichkeiten zustande kommen, mit Ghost-Writern. Thriller würde ich Harris Bücher nicht nennen, sie kommen eher ruhig daher.
Schön gefilmt, gut gespielt aber ein Film der 80er Jahre, voll 20. Jahrhundert wie die Jungen sagen.
Der Plot ist absolut unlogisch an der Grenze zum Hanebüchenen. Spike Lee hätte daraus etwas Anständiges gemacht.
Gut gemachte Unterhaltung, wenn auch tatsächlich mit einigen Ungereimtheiten. Unbegreiflich ist mir nur, weshalb in Kritiken so gern das Ende eines Films verraten wird. Das war in diesem Fall ein echter Killer.
diesen Text könnte man auch für eine UNverschämtheit halten. Wenn Sie doch keine Lust hatten, ihn zu schreiben, weshalb haben Sie das dann nicht der tollen Frau Nicodemus überlassen, die davon auch noch etwas versteht. Und falls die wegen Berlinale usw. keine Zeit gehabt hat, hätte man auch ein, zwei Ausgaben warten können -- eben bis sie Zeit gehabt und es gewiss auch gern getan hätte. Wie man eine Filmrezension schreibt, und noch dazu eine zu Polanskis Film, können Sie sehen auf: http://www.sfgate.com/cgi.... Nehmen Sie sich an Mick LaSalle ein Beispiel.
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