Baltikum Litauen räumt auf

Christian Schmidt-Häuer berichtet über die neue Bescheidenheit und Aufklärung im Baltikum

Die Fahne Litauens: Nationalfeiertag  in Vilnius

Die Fahne Litauens: Nationalfeiertag in Vilnius

Vergessen wir mal die Schwindler oder Verschwender an den Rändern Europas. Lassen wir die Börse der schlechten Nachrichten geschlossen für einen kleinen Feiertag. Gratulieren wir Litauen, das sich schon etwas länger als andere Länder ehrlich zu machen versucht.

Litauen? Hat die EU-Kommission nicht noch kürzlich befürchtet, dort werde demnächst das Staatsdefizit den Maastrichter Grenzwert von drei Prozent gleich um das Dreifache übersteigen? So war es, im vergangenen Herbst. Gleich danach haben die Litauer in aller Stille den Gürtel enger geschnallt. So eng, dass Ministerpräsident Andrius Kubilius dieser Tage vor Journalisten frohlockte: »Was man der Bevölkerung zumuten kann, wird im Norden und im Süden der EU offenbar sehr unterschiedlich gesehen… Und als Lettland Hilfe vom Internationalen Währungsfonds brauchte, war das für uns erst recht Ansporn, es ohne Hilfe zu schaffen.«

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Man muss wohl auch von Litauens historischem Schicksal geprägt sein, um die Selbstüberschätzung in Brüssel so ironisch sehen zu können wie der Premier: »Das in Lissabon vereinbarte Ziel, die EU solle bis 2010 der ›wettbewerbsfähigste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt‹ sein, hat mich immer ein wenig an die Parolen erinnert, die Nikita Chruschtschow in den fünfziger und sechziger Jahren in der Sowjetunion ausgegeben hat. Wir tun gut daran, bescheiden zu werden.«

Bescheiden zu werden, hatten die Litauer schon vor genau zwanzig Jahren Michail Gorbatschow empfohlen. Der Kremlchef war in die damalige baltische Sowjetrepublik gekommen, um sie zum Verbleiben in der UdSSR zu überreden. Friedlicher als die Völker im Süden ließen die litauischen Bürger Bitten und Zornausbrüche über sich ergehen. Doch dann ertönte eine Stimme aus der Menge: »Es wird, Michail Sergejewitsch, nicht mehr möglich sein, nur bunte Farben an das Gefängnis der Völker zu tünchen!«

Diese Szene fiel mir wieder ein, als Litauen jetzt wegen eines schwarzen Gefängnisses Farbe bekennen musste. Im Reiterhof Antaviliai am Stadtrand der Hauptstadt Vilnius hatten englisch sprechende Arbeiter für die CIA 2004 einen Verhörkeller mit nur zum US-Stromnetz passenden Steckern eingerichtet. Das kam im vergangenen Herbst ans Tageslicht, nachdem europäische und internationale Institutionen bereits vor zwei Jahren von Polen und Rumänien Aufklärung über dortige geheime US-Verliese für Terrorverdächtige verlangt hatten. Die Rumänen antworteten glatt, sie hätten niemals einen ausländischen Flugpassagier unkontrolliert auf ihren Boden gelassen. Polen versteckt sich bisher hinter seinen Untersuchungen, die schon seit 19 Monaten unter strikter Geheimhaltung laufen.

Litauen, im vergangenen August von US-Medien an den Pranger gestellt, setzte im November einen Untersuchungsausschuss ein, der noch im Dezember seinen Bericht vorlegte. Der Geheimdienstchef und sein Vorgänger, der Botschafter in Georgien geworden war, verloren ihre Ämter. Auch dem Außenminister, der den Skandal herunterspielte, strich die Staatspräsidentin und frühere EU-Haushaltskommissarin Dalia Grybauskaite den Job.

Leicht ist es dem EU-Mitglied gewiss nicht gefallen, auf diese Art auch mit den Amerikanern ins Gericht zu gehen. Durch Terror und Krieg, die das Land seit 1940 unter Stalin, den Deutschen und erneut unter der Sowjetunion erleiden musste, verlor Litauen fast ein Drittel seiner Bevölkerung. Ein Trauma, das die meisten der heute 3,4 Millionen Bürger den ersten Garanten ihrer Freiheit in Washington sehen lässt. Umso mehr Respekt verdienen Mut und Demokratieverständnis, mit denen Ministerpräsident Kubilius mahnt: »Die USA sind zwar einer unserer wichtigsten Partner. Aber das rechtfertigt nicht, dass man mit im Grunde sowjetischen Methoden vorgeht.«

 
Leser-Kommentare
  1. das wenigstens einer was macht. Leider werden die US-Amerikaner nichts daraus lernen.

  2. 2. Schön

    Ein schönes Beispiel für konsequentes Handeln.
    Sowas sollte viel mehr Aufmerksamkeit bekommen ;)

  3. Aus diesem Holz müssten mehrere Länder gestrickt sein,dieses Volk verdient die Hochachtung aller EU (..aber was ist schon die EU...eine Verein Fußkranker und Invaliden im übertragenden Sinn...(ich entschuldige mich hiermit bei allen Körperbehinderten für die Verwendung dieses Vergleichs)...da können sich unsere südländischen EU Partner mal eine gehörige Portion Nachhilfe holen...mein Kompliment...aber Litauen kann den Karren der verfahren EU Politik allein nicht aus dem Drecki ziehen....schade...

  4. Viel habe ich dazu nicht zu sagen.
    Ich empfinde tiefsten Respekt gegenüber einem so kleinen und ökon. verhältnismäßig schwachen Land, auf, wobei vergl. Staaten sich in einer solchen Situ. gerne von amerikanischen Repressionen zum Rechts-und Prinzipienbruch insgeheim überreden lassen, eigene Souveränität und Prinzipientreue derart beharren.
    Nun, hätten die heutigen Politiker in Deutschland den Schneid eines Adenauers oder eines prinzipienerstarkten, litauischen Politikers, dann wären die US-Atomwaffen und evtl. auch CIA-Stützp. und Militärba. längst weg. Aber in Deutschland bleibt es bei kurzen Ansprachen, und ernstes Vorgehen gegen die USA war in der BRD ja leider noch nie vorhan.
    Ich finde es nur schön, wenn auch ein wenig abstrak, dass sich ein Land, noch dazu ein so kleines und vergleichsweise Schwaches (vgl. USA,BRD,FR..), den USA ihre Grenzen aufzeigt.
    Denn seien wir mal ehrlich, wir EU-ler haben mehr als 2 Millionen Soldaten dauerhaft unter Waffen, die USA 1,3 Mio. . Weshalb brauchen wir denn für unseren Schutz US-Truppen?
    Wir sollten die US-Kriegspolitik mit US-Basen i.d. EU nicht unterstützen, damit machen wir unsere Hände auch schmutzig. Die USA haben doch eine gigantische Atomuboot-und Flugzeugträger Flotte, sind dadurch überall kriegsfähig. Wieso müssen dann amerik. Soldaten i.d.EU habe? Natürlich tuts der Wirtschaft gut, aber soviel kaufen die 100000 US-Soldaten in der EU auch nicht.
    Wie denkt ihr?
    Unglaublich, diesen Schlag hätte ich Lit.nicht zugetraut. :-)

  5. Hier wissen einige User nicht was Sie schreiben .

    Leider gilt das auch für Christian Schmidt - Häuer , der wahrscheinlich von dpa abschreibt noch nie einen Schritt in Richtung Litauen / Baltikum in Bewegung gesetzt hat .

    " Neue Bescheidenheit " - leck mich am Arm , wissen Sie eigentlich was im Baltikum / Osteuropa los ist ?

  6. Lieber Herr Vanagas: Dann erleuchten Sie uns doch mal. Was ist denn los? Habicht auf Litauisch heißen ist nicht genug. Sviestas pas zuvis (Butter bei die Fische)!

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