Roman Aus Lustschloss wird Luftschloss
Anne Weber hat einen eleganten und sehr komischen Roman über eine missglückte Familiengründung geschrieben
Nur ein Buchstabe trennt die Lust von der Luft. Eine der peinlichsten Erfahrungen des Menschseins ist die, dass die Lust, die doch laut Nietzsche Ewigkeit will, sich über Nacht in Luft auflösen kann. Und dass die Liebe, die beim Apostel Paulus nimmer aufhört, in ihrer irdischen Variante allzu oft wie eine Luftblase zerplatzt. In Anne Webers neuem Roman entpuppt sich ein Lustschloss als Luftschloss, und leidenschaftliche Liebesschwüre werden als heiße Luft enttarnt. Ein gründlich ausgeweidetes Thema, gewiss, aber so luftig-elegant wird nicht alle Tage davon erzählt.
Bei früheren Büchern der aus Offenbach stammenden Autorin, die seit fast dreißig Jahren in Paris lebt und ihre Werke parallel auf Deutsch und Französisch verfasst, hatte man häufig den Eindruck, sie würde sich in den Schlingen ihrer Sprachgelehrsamkeit verfangen und über ihren eigenen intellektuellen Anspruch stolpern. Jetzt hat sie zu einer Natürlichkeit gefunden, die sie zu einer glänzenden Vertreterin des »leichten« Genres macht, ohne dass sie ihren stilistischen Ehrgeiz dabei aufgegeben hätte.
Eines freilich bringt sie noch nicht über sich – umstandslos in eine Geschichte einzusteigen. Luft und Liebe beginnt mit einer etwas umstandskrämerischen Volte, die ein misslungenes und vernichtetes Romanmanuskript namens Armer Ritter umkreist und die Erzählerin in drei Teile aufspaltet: die Heldin jenes fiktiven Romans, die Léa heißt, die Ichfigur des vorliegenden, eher einer Novelle gleichenden Werks und schließlich deren Vertreterin in der dritten Person, die spöttisch als »Märchenprinzessin« bezeichnet wird. Léa muss anfangs in Schlüsselszenen die beiden anderen noch vertreten, und das Ich bleibt sowohl mit ihr als auch mit dem Leser in ständigem Dialog, nicht zuletzt um immer wieder den Vorgang des Schreibens, des schriftstellerischen Lebensgefühls und der Delegation der eigenen Biografie an Romangestalten thematisieren zu können. Solche Manöver rufen geradezu sentimentale Erinnerungen an die Spielereien der Postmoderne wach, von denen Anne Weber zu Beginn ihrer literarischen Karriere geprägt worden sein dürfte.
Hat sich der Erzählfluss erst einmal befreit, zieht er uns auf durchaus unprätentiöse Weise in seine Strömung und in ein zartfarbig ausgemaltes französisches Ambiente hinein. Die Erzählerin, deutsche Schriftstellerin in Paris, wird nach dem Ende einer dramatisch aufreibenden Beziehung von einem Herrn aus zwar traditionsreichem, aber verarmtem Adel umworben, dessen Beschreibung kurios an Sibylle Bergs unscheinbaren Liebhaber in Der Mann schläft gemahnt: Es ist »nichts Spitzes oder Kantiges an ihm, eher war er ein bisschen rundlich, aber auch das nur in Maßen, er war weder klein noch groß, weder schön noch hässlich, weder jung noch alt, weder besonders geistreich noch dumm. Er war die Unauffälligkeit und Zurückhaltung in Person. Wenn es etwas Bemerkenswertes an ihm gab, wollte er es offensichtlich nicht bemerkt wissen, und es kostete mich keinerlei Mühe, ihm diesen Gefallen zu tun.«
Nach der Devise »Stille Wasser sind tief« gelingt es ausgerechnet diesem mittel- und merkmallosen Monsieur, der allerdings über vollendete Manieren verfügt, sich die schwerromantisch veranlagte Literatin mehr als gewogen zu machen: Plötzlich und unerwartet findet sie sich in der Rolle der rettungslos verliebten »Märchenprinzessin« wieder, die sich dazu ausersehen wähnt, ihrem »Ritter« auf sein Schloss zu folgen und bis ans Ende ihrer Tage glücklich mit ihm zu leben.
Die Schilderungen jenes leicht heruntergekommenen Châteaus, das der Chevalier anscheinend ganz allein bewohnt, und seiner verwunschenen, zedernbewachsenen Umgebung gehören zu den reizvollsten Passagen des Romans. Einschließlich der Liebesszene, die sich dort abspielt, in einem Bett, »von dessen hoher Liegefläche man auf einen gerafften, hellgrünen Himmel sah, einen engen Faltenhimmel, dessen Mitte einer Knospe oder mehr noch einem übergroßen After glich. Hinter den Mauern stießen die Pfauen gellende Schreie aus, die das ganze Haus und den Himmel draußen und den Himmel drinnen erfüllten, das Bett versank in den Falten und seufzte, ein Windspiel, das als Zwergenspielzeug in der Zeder hing, versandte seine kaum wahrnehmbare Sphärenmusik, die Zeit dehnte sich um die Himmelsachse, und die Zeder ächzte leise.« An dieser Stelle der Handlung ist die Prinzessin noch ahnungslos und blind; später wird sie das Zentrum des Betthimmels mit einem viel drastischeren Ausdruck belegen. Das Märchenschloss-Idyll wird mit der erkältenden Banalität der Moderne konfrontiert, als die ihrerseits nicht mehr ganz junge Schriftstellerin und der Ritter beschließen, ein Kind in die Welt zu setzen und sich dabei von den Errungenschaften der euphemistisch so genannten »Hoffnungsmedizin« helfen zu lassen. Als der Versuch misslingt, zerbricht nicht nur der Traum vom Familienglück, sondern es kommt nun auf kurzen Umwegen ans Licht, dass der aristokratische Liebhaber ein ziemlich unedler Luftikus ist.
So wenig originell die Geschichte anmutet, so eigenwillig, so ästhetisch kalkuliert und streckenweise hochkomisch ist sie erzählt, auch wenn der finale Rachefeldzug der Betrogenen ein wenig aus der Contenance kippt. Der alte Hang zu betulichen Wortspielen, dem die Autorin noch nicht ganz widerstehen kann, wird durch gezielte Stilbrüche kompensiert, und manchmal meint man in der Tat, hinter Anne Webers ostentativ feinsinniger Selbstironie einen neuen Sarkasmus à la Sibylle Berg hervorschimmern zu sehen. Nur die Schlusspointe, die allzu aufdringlich auf die biologische Uhr anspielt – »fünf vor zwölf«, – hätte man eventuell überdenken sollen. Und bei dem Wort »verdaddert«, das sich auf ein von Pfauen attackiertes Huhn bezieht, hat der Lektor nicht aufgepasst: So spricht und schreibt man es vielleicht in Offenbach, aber nicht beim Schriftsteller-Adel.
Anne Weber, geboren 1964, lebt in Paris
- Datum 18.02.2010 - 17:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
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