Eva Braun Die Unsichtbare
Heike Görtemaker will mit ihrer Biografie der Eva Braun, die Hitlers Geliebte war, einen Mythos widerlegen
© Hulton Archive/Getty Images

Eva Braun und Adolf Hitler im Jahr 1940
Eine junge Frau setzt sich mit ihrem Geliebten und ausgeliehenen Kindern vor der Kamera eines Freundes in Szene, damit eine Art Familien-Bild entsteht. Nur fürs Album. Keiner sonst darf es sehen. Die Frau lässt sich gern fotografieren, sie fotografiert selbst. Sie hat diesen Geliebten ja sogar bei dem Fotografen kennengelernt, bei dem sie angestellt war und der mit seinen Fotos nationalsozialistische Machtpolitik betreibt. Aber der Mann, an dem sie hängt, Adolf Hitler, zensiert jedes Bild, das von ihm an die Öffentlichkeit gelangt, er weiß, dass Bilder mehr Macht haben als Worte. Wenn die junge Frau Eva Braun auf einem Foto zu sehen ist, lässt er sie wegretuschieren. Keiner soll von ihr wissen. Sie soll unsichtbar sein. So unsichtbar wie die Brille, die Adolf Hitler trug, die aber auf keinem Bild zu sehen sein durfte, ein Makel, der den Eindruck trüben könnte. Der Mann ist ein Aufsteiger und von großer sozialer Unsicherheit, er hat beständig Angst, sich zu decouvrieren, seine extreme Reinlichkeit, das Vegetarische, die Magenschonkost, überhaupt alles Private ist ihm vor allem peinlich.
Vor ein paar Tagen sind nun lauter Fotos von Eva Braun über die Bildermedien in die Öffentlichkeit gelangt. Die zeigen sie im Bikini und am Turnreck, bei Yoga-Übungen und beim Rudern, ganz oder nur teilweise bekleidet, mondän, alles sehr blond und jung, rank und schlank, insgesamt eine eher übliche Hübschheit, mit Freude am Zeigen und Gesehenwerden. Es gibt keinen Grund für die Veröffentlichung all dieser Body-Bilder, nur einen Anlass: dass nun die erste wissenschaftliche Biografie der Eva Braun erscheint, Leben mit Hitler, verfasst von der Historikerin Heike Görtemaker.
Auf solche Badeanzug-Fotos hat Görtemaker in ihrem Buch verzichtet: »Die Bilder, die jetzt in den Medien zu sehen sind, sind rein privater Natur, einige sind von Eva Brauns Schwester Margarete gemacht worden«, sagt die Historikerin. »Sie nähren den Mythos von der unschuldigen jungen Schönen, die durch ihre Liebe dem Bösen zum Opfer fiel. Aber diesen Mythos will meine Arbeit widerlegen.« Mit welcher Absicht diese Braun-Fotos gemacht wurden? Görtemaker ist so vorsichtig, wie es die ausgesprochen schlechte Quellenlage verlangt: »Man weiß nichts über die Umstände, unter denen diese Fotos entstanden.«
Auch die Bilder, die in Görtemakers Studie veröffentlicht sind, sollten nicht bekannt werden: Braun mit Hitler und Hunden, das Paar bei Tisch, in Abendgesellschaft, auf der Terrasse, mit verschiedenen Freunden. Diese Aufnahmen zeigen zwar weniger Haut, doch sie sind heikler, denn sie fügen dem Hitler-Bild der Forschung einen Akzent hinzu: einen privaten. Sie wurden auf dem sogenannten Berghof, Hitlers Residenz, zumeist vom Fotografen Heinrich Hoffmann gemacht, Hitlers engem Vertrauten, in dessen Atelier sich die 17-jährige Braun und der 40-jährige Hitler vermutlich im Oktober 1929 kennengelernt hatten und in dessen Archiv die Fotos sich fanden. Sie dokumentieren ein Privatleben des Paars, das Hitler in der Propaganda und also nach der Meinung seiner Zeitgenossen nicht hatte, nicht haben wollte, nicht haben durfte, weil nur das deutsche Volk seine Braut sein sollte und die einsame Askese sein Opfer für die Volksgemeinschaft.
Die Wirklichkeit sah also anders aus: Jenseits der totalisierenden Führerfigur gab es einen Mann Hitler, der in München das unstete Leben des antibürgerlichen Bohemiens in einem Zirkel enger Vertrauter fortsetzte, mit erheblichem Aufwand an Zeit und Geld fürs Private wie für den Alltag. In diesem kleinen Zirkel, zu dem neben der Familie des Leibfotografen Hoffmann der Arzt Brandt, der Architekt Speer, Hitlers Sekretär Martin Bormann, der Stellvertreter Rudolf Hess und ihre Frauen gehörten, außerdem Eva Brauns Schwester Margarete (nicht aber Göring, Ribbentrop, Himmler), wurde Eva Braun über die Jahre zu einer Art Hausherrin. Sie avancierte, unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit, zur Gastgeberin eines inneren Kreises, der seinem sogenannten »Führer« über dessen Tod und das Kriegsende hinaus die Treue hielt. Es waren bedingungslos loyale Hitler-Anhänger, Mythenvernarrte, die sich aber nach dem Krieg, zur eigenen Exkulpation, als Unpolitische bekannten. Zumal die Frauen.
Görtemakers Buch ist im Dickicht des Halbgaren und Halbwahren der überlieferten Anekdoten, die gern in der Nähe zum »Führer« verweilen, von einer unabgelenkten Sachlichkeit: Private Briefe ließ der Diktator vor seinem Selbstmord vernichten, die Tagebücher Brauns sind als Quelle nicht hinreichend zuverlässig, andere private Papiere, die Eva Braun für die Nachwelt gesichert wissen wollte, wurden nicht gefunden, und so gibt es außer den Fotos vor allem Nachkriegsberichte aus dem engeren Kreis des Berghofs von Leuten, die sich allesamt reinwaschen wollten. Das sind ideale Keimbedingungen für Legenden, und so darf man es eine Leistung nennen, dass Görtemaker die Mythen trockenlegt und wiederkehrend betont: Tatsächlich weiß man sehr wenig. Also ist dies kein Stoff, aus dem starke Thesen entstehen.
Dafür aber macht die Historikerin, im Unterschied zu den Hitler-Biografen Ian Kershaw und Joachim Fest, nun eine Frau sichtbarer, die an der Verfertigung der Figur Hitler aktiven Anteil hatte: durch ihre eigenen Fotos und Filme, aber besonders durch eine Treue, die dem Verantwortlichen für Abermillionen von Morden bis zuletzt erlaubte, an dem wahnhaften Kult um seine Figur festzuhalten. Diese Eva Braun wird man nicht als harmlose Mätresse exkulpieren können. Sie hat Hitler bis zur Eheschließung und der unmittelbar darauffolgenden Doppelselbsttötung als Frau an seiner Seite tätige Unterstützung gewährt. Bis zuletzt hat sie Champagner, teure Mode und Lippenstifte genossen, das ganze Programm, das weder zur nationalsozialistischen Weiblichkeitsideologie passte noch zur erbärmlichen Wirklichkeit. Nein, die Gefahr, unbedachte Nachgeborene könnten Sympathie für die Person empfinden, die Görtemaker hier zeichnet, ist ausgesprochen gering.
- Datum 26.02.2010 - 07:04 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




"Nein, die Gefahr, unbedachte Nachgeborene könnten Sympathie für die Person empfinden, die Görtemaker hier zeichnet, ist ausgesprochen gering."
Warum ist es eine Gefahr, Sympathie fuer Eva Hitler zu empfinden?
In Fachkreisen könnte Frau Görtemaker ihre Arbeit allein mit wissenschaftlich-inhaltlicher Legitimation veröffentlichen. Aber man will ja auch auf den Buchmarkt. Da muss man dann einen "Mythos" zerstören oder - auch immer gern genommen - an ein "Tabu" rühren.
Das Buch präzisiert offenbar das historische Bild von Eva Braun. Was nicht überrascht, sonst wäre es keine wissenschaftliche Arbeit. Wenn man aber fragt, welches Bild an die Stelle des vorgeblichen Mythos rückt, steht man vor der mehrfach erwähnten knappen Datenlage, mit der sich die Autorin begnügen musste. Gut, die beim Kennenlernen mit 17 noch sehr junge Eva Braun wurde dann später auch erwachsen und war damit für die sie umgebende private und politische Szene als Erwachsene verantwortlich. Das schließt ein tiefergehendes Abhängigkeitsverhältnis zu Hitler und ein eingeschränktes einseitiges Urteilsvermögen aber keinesfalls aus. Also, wenn die historische Unschärfe des Bildes dieser Frau ein Mythos genannt werden kann, so wird dieser, soweit es Ihrem Artikel zu entnehmen ist, in keiner Weise zerstört.
Wenn Frau Görtmakers Buch in guter Erzähltechnik die verfügbaren Quellen sichtet, ist dies verdientvoll genug. Man braucht dann nicht noch was Werbetechnisch-Mythisches.
Ich sage nein.
Der Fortschritt beruht meist auf Entdeckungen und deren Umsetzung durch die Technik und ihre Verbreitung in der Wirtschaft. Wo bleiben da die Biografien bedeutender Wissenschaftler und Techniker. Glücklicherweise haben amerikanische Frauen über Lise Meitner, Marie Curie und Max Born geschrieben. Da bedurfte es nur der Übersetzung. Interessieren sich die Deutschen nicht mehr für Naturwissenschaftler? (Sie sind, wie Riesenhuber sagte, auch nicht gebührend im Bundestag vertreten.)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren