Eva Braun Die UnsichtbareSeite 2/2

Die Erzähltechnik der Autorin trägt viel dazu bei, dass der vermeintlich intime Gegenstand in der Distanz bleibt: Görtemaker führt die zeitgeschichtlichen Ereignisse und das Persönliche stets strikt parallel. Da liest man zunächst vom kleinbürgerlichen Scheidungsdrama der Eltern Braun und von den widersprüchlichen Zeugnissen darüber, wie harmonisch das Leben in dieser katholischen Berufsschullehrerfamilie wohl war. Und Schnitt, man wird in die Frage eingeführt, warum die Nationalsozialisten im München der Weimarer Republik derart fruchtbaren Nährboden fanden. Oder man erfährt vom Selbstmord Geli Raubals, der Nichte Hitlers, in der gemeinsamen Wohnung, lernt dann die unsichere Quellenlage zu den zwei Selbstmordversuchen der Eva Braun 1932 und 1935 kennen, welche die Bindung Hitlers an die todesbereite Frau vertieften – und darauf folgen unmittelbar die Verhandlungen zur Regierungsbildung in Berlin im Januar 1933. Zu dieser nüchternen Erzähltechnik passt auch, auf welche Details der Verbindung sie achtet: 1933 hat Eva Braun, die in München bei den Eltern wohnt, wie die meisten Leute kein Telefon. Am 1. Mai 1934 ist für sie ein eigener Anschluss verzeichnet, auf ihren Namen.

Es wird bei der Suche nach verlässlichen Quellen viel Alltag erkennbar, ohne dass Görtemaker ob der Widersprüche ins Spekulieren oder Psychologisieren geriete: Eva Brauns Schwester Ilse arbeitet lange bei einem jüdischen Arzt, mit dem sie befreundet ist. 1937 wechselt sie den Arbeitgeber, womöglich auf Druck, und beginnt als Sekretärin bei einem Architekten in Berlin: Albert Speer. Die andere Schwester, Margarete, wird zur steten Begleiterin und Lebensgefährtin Eva Brauns, bekommt Arbeit beim selben Fotografen Hoffmann, sie heiratet einen Mann namens Hermann Fegelein: Er gehört zum engsten Umkreis Hitlers, über ihn weiß man, dass er sich an den Filmen erfreute, welche die Hinrichtung der Verschwörer vom 20. Juli 1944 festhielten. Im Testament Hitlers vom 29. April 1945 wird der Mutter Eva Brauns eine Versorgung zugesprochen. Es sind stets Treueverhältnisse im Spiel, die einen heute noch schaudern lassen.

Mit seiner Nähe zu Eva Braun, paradox, hat der Diktator die Kultivierung seiner Unnahbarkeit befördert. Er konnte der ungebundene Einsame bleiben, während sie ihr Fotoalbum mit inszenierten Fantasiebildern vollklebte, die ein späteres gemeinsames Leben auf dem Alterssitz in Linz vorwegnehmen sollten: so weit die ins Machtpolitische tief eingewobene Geschichte zwischen einem alternden Mann und einer 23 Jahre jüngeren Frau. Über die Einzelheiten dieser Intimität, die Prüderie wohl nicht ausschloss, ist von Heike Görtemaker nichts zu erfahren. Konsequent hält sie den Abstand, um im Urteil so klar zu bleiben, wie es die Quellenlage erlaubt. Hitler sah es nicht gern, dass Eva Braun ihre politischen Auffassungen kundtat, sie sollte sich lieber weiblich verhalten. Das tat sie, mit aller Macht.

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Leser-Kommentare
  1. "Nein, die Gefahr, unbedachte Nachgeborene könnten Sympathie für die Person empfinden, die Görtemaker hier zeichnet, ist ausgesprochen gering."
    Warum ist es eine Gefahr, Sympathie fuer Eva Hitler zu empfinden?

  2. In Fachkreisen könnte Frau Görtemaker ihre Arbeit allein mit wissenschaftlich-inhaltlicher Legitimation veröffentlichen. Aber man will ja auch auf den Buchmarkt. Da muss man dann einen "Mythos" zerstören oder - auch immer gern genommen - an ein "Tabu" rühren.
    Das Buch präzisiert offenbar das historische Bild von Eva Braun. Was nicht überrascht, sonst wäre es keine wissenschaftliche Arbeit. Wenn man aber fragt, welches Bild an die Stelle des vorgeblichen Mythos rückt, steht man vor der mehrfach erwähnten knappen Datenlage, mit der sich die Autorin begnügen musste. Gut, die beim Kennenlernen mit 17 noch sehr junge Eva Braun wurde dann später auch erwachsen und war damit für die sie umgebende private und politische Szene als Erwachsene verantwortlich. Das schließt ein tiefergehendes Abhängigkeitsverhältnis zu Hitler und ein eingeschränktes einseitiges Urteilsvermögen aber keinesfalls aus. Also, wenn die historische Unschärfe des Bildes dieser Frau ein Mythos genannt werden kann, so wird dieser, soweit es Ihrem Artikel zu entnehmen ist, in keiner Weise zerstört.
    Wenn Frau Görtmakers Buch in guter Erzähltechnik die verfügbaren Quellen sichtet, ist dies verdientvoll genug. Man braucht dann nicht noch was Werbetechnisch-Mythisches.

  3. Ich sage nein.
    Der Fortschritt beruht meist auf Entdeckungen und deren Umsetzung durch die Technik und ihre Verbreitung in der Wirtschaft. Wo bleiben da die Biografien bedeutender Wissenschaftler und Techniker. Glücklicherweise haben amerikanische Frauen über Lise Meitner, Marie Curie und Max Born geschrieben. Da bedurfte es nur der Übersetzung. Interessieren sich die Deutschen nicht mehr für Naturwissenschaftler? (Sie sind, wie Riesenhuber sagte, auch nicht gebührend im Bundestag vertreten.)

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