Martenstein Der Big Brother Deutschlands
Harald Martenstein fühlt sich verfolgt. Überall in Deutschland sieht er das riesige Gesicht eines bestimmten Mannes
Das alles kommt mir wie ein Traum vor, und doch ist es wirklich geschehen. Vor vielen Jahren, die Welt und diese Kolumne waren noch ganz neu, wurde ich zu einer Lesung ins Brandenburgische eingeladen. Es war zur Wintersonnwende, in jener Zeit, zu der Trolle, Elfen und Werwölfe uns Menschen näher sind als sonst.
Ich las stehend in einem ungeheizten Zelt, an dem die Winde seufzend rüttelten. Nach der Lesung trat aus der Dunkelheit ein unbekannter Mann in schwarzem Umhang, altertümlicher Kleidung und mit auffällig blassem Teint auf mich zu. Er sagte, er komme von sehr weit her. »Das war schön vorgelesen«, flüsterte er und verschwand so plötzlich, als sei er in der Erde versunken.
Es war sehr sonderbar. Seitdem begegne ich diesem Mann ständig. Berlin ist groß, ich treffe fast niemals zufällig jemanden, den ich kenne. Wenn ich aber ins Theater oder ins Varieté gehe, dann sitzt er am Nebentisch – schon drei Mal! Wenn ich mit meinem Sohn in Kreuzberg spazieren gehe, dann kommt er mit dem Fahrrad vorbei, hält an und plaudert mit uns. Ein netter Typ so weit. Ich wurde von einem Unternehmer zum Essen eingeladen, ich dachte, da kenne ich keinen, aber nein, der Typ saß neben mir und erzählte. Ich gehe zur Buchmessenparty – wer lehnt lächelnd an der Bar-Theke? Das ist mir immer unheimlicher geworden.
Aber es war nur der Anfang. Seit ein oder zwei Jahren kann ich keine Zeitung oder Zeitschrift mehr aufschlagen, ohne dass dort ein Foto von genau diesem Typ zu sehen ist. Welt, Brigitte, Playboy, Apotheken-Umschau, egal was. Ich kann nichts mehr tun, nichts mehr lesen, ohne dass er mich anschaut!
Ich bin durch die Stadt gegangen – überall hingen Plakate, sein riesiges Gesicht, er lächelte mich an wie Big Brother. Ich bin in eine Buchhandlung hineingerannt. Sie hatten einen gigantischen Stapel mit Büchern, die alle auf dem Cover sein Gesicht zeigten. Er war Nummer eins der Bestsellerliste. Ich rannte zu den CDs. Bei den CDs stand er ebenfalls auf Platz eins. Ich dachte, ich drehe durch. Am Abend, in der Bar jeder Vernunft, saß er wieder am Nebentisch. Er lächelte und grüßte.
Ich konnte lange mit niemandem darüber reden. Ich schlug, zur Entspannung, den stern auf, suchte nach den Kolumnen – Heilige Mutter Gottes, wieder das Foto, ER schrieb dort die Kolumnen! Wenn ich auf Lesereisen nachts aus dem Hotelfenster blickte, sah ich wieder ihn, das Plakat, er trat immer in genau dieser Stadt demnächst auf. Wenn ich den Fernseher anmachte, sah ich ihn, er war Moderator aller Talkshows, in die ich beim Zappen hineingeriet, und wenn ein anderer moderierte, dann war er zumindest Gast.
- Datum 15.02.2010 - 16:32 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 18.02.2010 Nr. 08
- Kommentare 2
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Kann mich nur anschließen.
Übertragen auf die Fernseh-Ebene fürchte ich mich zusätzlich vor KERNER, JAUCH und---natürlich HORST LICHTER, das neue Mainzelmännchen vom ZDF!
Das hätte mich bis in Bruder Mixas Hölle für Sexschweinchen hinein nicht interessiert, was hier bei Martenstein als Pointe fofen, äh: offen bleibt:
Der Glücks-Prophet von Hirschhausen promovierte 1994 magna cum laude an irgendeiner süddeutschen Universität zum Vor-Schweinegrippen-Vorthema „Wirksamkeit einer intravenösen Immunglobulintherapie in der hyperdynamen Phase der Endotoxinämie beim Schwein“.
– Immunglobulin war schon 20 Jahre vorher in Kinderkliniken – unter genauester Laborkontrolle- getestet worden an Kleinkindern mit schweren Infektionen. Die vielen Fälle von Autismus, die damals auftreten, haben natürlich keinen Glückszusammenhang mit solchen Viechereien.
Das interessiert kein Schwein, wenn man es nicht als berechnete Feuilleton-Suchaufgabe serviert kriegt.
Feuilletonismus statt Autismus.
Oder ist das Einunddasselbe?
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