Der ZEIT-Museumsführer Auge in Auge mit Eizon

Der ZEIT-Museumsführer (41): Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln

Plötzlich diese Stille, gleich neben einer der meistbefahrenen Straßenkreuzungen der Kölner City. Gesichtslose Verwaltungsetagen säumen die eine, Hochschulgebäude und eine Weinhandlung die andere Straßenseite. Dazwischen aber duckt sich eine Oase der Ruhe und Kontemplation an den Rand eines schmalen Grüngürtels. Über flache Stufen betritt der Besucher das große Foyer des Museums für Ostasiatische Kunst und findet sich alsbald wieder in hellen Räumen, die um einen Innenhofgarten gruppiert sind.

Es war eine mutige Entscheidung, das vom japanischen Corbusier-Schüler Kunio Maekawa entworfene Museum zwischen 1973 und 1977 auf das Geviert am Rand der Ausfallstraßen zu setzen. Das Gelände ist geschichtsträchtig. 1912 entstand hier ein provisorischer Bau für die legendäre Sonderbund-Ausstellung, die gegen den reaktionären Kaiser mit van Gogh, Cézanne und Munch die Moderne in Deutschland durchsetzte. 1920 ließ die Stadt dann einen Park und den Aachener Weiher anlegen. An der fast quadratischen Form dieses künstlichen Sees orientieren sich heute in ihren Proportionen die Kuben des eleganten Maekawa-Flachbaus.

Anzeige

So unprätentiös wie hier zeigt kaum ein anderes deutsches Völkerkundemuseum seine Sammlung: keine Spur von jener kolonialistisch oder missionarisch geprägten Didaktik, die viele andere Häuser nach wie vor pflegen. Kein Gedanke daran, so wie im nahe gelegenen römisch-germanischen Museum auf Masse statt auf Qualität zu setzen und den Besucher mit viel zu vielen Artefakten allein zu lassen. Im Museum für Ostasiatische Kunst wird erklärt, aber behutsam. Die ausgestellten Werke aus China, Japan und Korea vertreten als selbstbewusste Botschafter die Kultur ihrer Länder. Nicht als exotische Fremdlinge oder als Dokumente werden die gezeigten Arbeiten missverstanden, vielmehr zeigt das Museum sie als autonome Werke. Frei, ohne Absperrkordeln oder Glasvitrinen, stehen buddhistische Skulpturen vor Wandbildern mitten im Raum. Der Porträtstatue des Priesters Eizon auf ihrem Sockel aus schwarzem Stein kann man in die orange leuchtenden Augen blicken, ohne dass Alarmsirenen schrillen oder das Wachpersonal nervös wird. 400 Jahre früher, im 12. Jahrhundert, entstand der beeindruckend grimmige und ebenfalls japanische Weltenhüter, der auf einem besiegten Dämon steht und gemeinsam mit ursprünglich drei Kollegen die Aufgabe hatte, in den Tempelhallen die vier Himmelsrichtungen zu bewachen.

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

Wie so viele Museen im Rheinland verdankt auch dieses seine Gründung bürgerlichem Stiftergeist. Als der Privatgelehrte Adolf Fischer und seine Frau Frieda der Stadt 1912 ihre Ostasiatika-Sammlungen übergaben, baute die Stadt dafür ein Museum am Hansaring und quartierte Kunstgewerbe und die Mittelaltersammlung Schnütgen gleich unter demselben Dach mit ein. Nachdem das Haus 1944 zerstört worden war, gab es lange keinen festen Platz für diese Sammlungen. Erst Anfang der Siebziger rang sich die Stadt dann dazu durch, für die ostasiatische Kunst in der Nähe zur Universität einen Neubau zu bezahlen. Die Entscheidung hatte Signalwirkung: Zahlreiche Ankäufe und Stiftungen folgten – darunter ein von Peter Ludwig geschenktes bronzenes Glockenspiel aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, das noch immer perfekt klingt. Auch die Sammlung chinesischer Sakralbronzen für Speise- und Trankopfer und die fast hauchzarten Keramikarbeiten, die bis in die Gegenwart das Vorbild für moderne Entwürfe sein könnten, sind in Europa einzigartig. Heute zählt das Kölner Museum zu den bedeutendsten Häusern in Europa.

Mit der Ruhe an der Kölner Universitätsstraße ist es von dieser Woche an allerdings für drei Monate vorbei. Bis Ende Mai zeigt das Museum für Ostasiatische Kunst als einzige Station in Deutschland eine Ausstellung, die schon in Paris als Sensation gefeiert wurde. Zu sehen sind 117 Kunstobjekte aus zwölf Jahrhunderten, die in Klöstern und Tempeln des Königreichs Bhutan bis heute in buddhistischen Ritualen eingesetzt werden – zweimal täglich nun auch in der Kölner Ausstellung.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service