Dies ist eine lange Reise. Sie führt weit in die Vergangenheit Afrikas , bis in die Altsteinzeit, und von dort zurück in die Gegenwart, ins Büro des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu . Sie beginnt in der Wüste Kalahari, wo sechs mit Rinden gedeckte Rundhütten stehen. Hier lebt der Buschmann !Gubi mit seiner Sippe. Seine Frau und die Töchter sitzen im Halbkreis und nähen Lendenschurze aus Wildhäuten. Nackte, staubüberpuderte Kinder mustern die hellhäutigen Besucher misstrauisch. /Aaban, der älteste Sohn von !Gubi, prüft die Spitzen seiner Giftpfeile. Er will auf die Jagd gehen, die 14-köpfige Großfamilie hat seit zehn Tagen kein frisches Fleisch mehr gegessen. Noch sind die Schatten zu kurz an diesem glutheißen Nachmittag.

Kam //’ai, die älteste Tochter, kichert, weil wir uns ständig die Zunge brechen. Wir können die Namen der Buschleute nicht aussprechen und nur mit Hilfszeichen schreiben. Die stehen für Klicklaute, die wie das Schnalzen der Fuhrknechte oder das Ploppen von Korken klingen.

!Gubi hat sich unter einem blühenden Mangettibaum niedergelassen, ein klein gewachsener, feingliedriger Mann mit straffen Muskeln. Er mag 80 Jahre alt sein, nur in seinem Gesicht kann man das Alter ahnen. Wann genau er geboren wurde, kann er nicht sagen, in der Kultur seines Volkes, der San, wird Zeit nicht nach Jahren gemessen. Doch eines Tages kamen die Weißen und mit ihnen ein namibischer Arzt, der ihm Blut abzapfte.

Erst dachte er, sie führten die üblichen Gesundheitstests gegen Infektionskrankheiten durch: Tuberkulose oder HIV. Aber diesmal ging es um etwas ganz anderes. "Sie wollten wissen, wie mein Blut aussieht", sagt !Gubi. Er deutet auf seine Armbeuge. "Hier haben sie hineingestochen." Jetzt gehört er als erster Buschmann zu einem exklusiven Klub von bisher acht Menschen weltweit, deren vollständiges Erbgut entziffert wurde, zu denen auch berühmte Forscher wie Craig Venter oder James Watson zählen.

 

Erst nach zähen Verhandlungen mit der namibischen Regierung, mit Stammesältesten und nachdem sie !Gubi und drei weitere Buschleute über ihre Absichten aufgeklärt und deren Einwilligung erhalten hatten, durften die Forscher die Blutproben nehmen. Das Ergebnis, die erste Totalentschlüsselung des Erbguts der Buschmänner, veröffentlicht das Fachblatt Nature in dieser Woche. Zum Vergleich auch die Erbinformationen von Erzbischof Desmond Tutu. Der Friedensnobelpreisträger hatte sich den Forschern als Kontrollperson zur Verfügung gestellt – ein sicherlich nicht unwillkommener PR-Coup, der dem Projekt Schlagzeilen garantiert.

Die Gendaten der afrikanischen Jäger und Sammler sind nicht nur ein Gewinn für die Wissenschaft. Sie können den San etwas zurückgeben, was sie wohl dringender benötigen als alles andere: Würde. Und Stolz auf ihre Herkunft. Die Botschaft aus den Erbmolekülen lautet: Die Menschen mit der Klicksprache sind gleichsam Adams und Evas Kinder.

Sehen Sie in unserer Karte, wie weit sich der Lebensraum der Buschmänner erstreckt.

Natürlich sind die Buschmänner Afrikas moderne Menschen wie alle Afrikaner, Asiaten und Europäer. Auch sie haben 200.000 Jahre evolutionärer Veränderung hinter sich, seit sich die Spezies Homo sapiens in Afrika formierte. Doch in ihren Erbmolekülen, das zeigen die Tests der Forscher nun, schlummert ein besonderer Schatz: Sie tragen viel von der ursprünglichen genetischen Vielfalt unserer Urahnen in sich. !Gubi repräsentiert die älteste Abstammungslinie der Menschheit.

Das ist nicht ihr "Verdienst", sondern eher ein Resultat des tragischen Schicksals der San-Stämme: Sie haben sich kaum vermischt, erst weil sie geografisch isoliert lebten, dann weil sie nicht nur von den Weißen, sondern ebenso von den anderen Afrikanern diskriminiert wurden. Bei einer der Blutabnahmen erkundigt sich eine Frau misstrauisch: "Wollt ihr etwa beweisen, dass wir Affen sind?" Bis heute, klagen die Forscher, würden die San in Afrika als "Paviane" beschimpft.

Seit Jahrtausenden wandern die Buschleute durch die Wüsten, Savannen und karstigen Gebirge im Süden Afrikas. Sie folgen dem Mondlicht und den Sternen, den Regenwolken, Trockenflussläufen und Tierfährten, und sie hinterlassen grandiose Felsmalereien.

Die Männer jagen mit Pfeil und Bogen nach Giraffen, Antilopen oder Gürteltieren. Die Frauen und Mädchen gehen mit ihren Grabstöcken in den Busch und sammeln Wurzeln, Zwiebeln, Beeren, Zuckerpflaumen, Nüsse, Bohnen, Kräuter, Trüffeln und wasserhaltige Tsama-Melonen, außerdem Vogeleier, Würmer, Larven, Käfer, Echsen. Die Wildnis ist für sie ein Garten, die San verfügen über das Wissen, selbst in trockensten Regionen Wasser zu finden.

 

Vor rund tausend Jahren, als Bantu-Stämme aus dem Norden einwanderten und um Land und Nahrung konkurrierten, wurde das Leben der Jäger und Sammler beschwerlicher. Im 19. Jahrhundert kamen aus dem Süden die weißen Invasoren: Missionare und Kolonialoffiziere, Diamantensucher, Elfenbeinhändler, Großwildjäger, Farmer.

Die Ureinwohner hatten der geballten Macht der Europäer und Afrikaner nichts entgegenzusetzen. Sie wurden abgedrängt in unwirtliche Randzonen der Kalahari. Sie verloren ihre Jagdgründe, ihre Wasserstellen – und ihre Zukunft. Viele ihrer nach Sprachen und Dialekten unterteilten Gruppen haben sich an die Kulturen schwarzer Ackerbauern und Viehzüchter angepasst, sie treiben Handel mit ihnen und übernehmen deren Wirtschaftsweisen, soziale Hierarchien und Glaubensrituale. Doch die letzten traditionellen Sippen leben nach wie vor in egalitären Gemeinschaften, Männer und Frauen haben feste Aufgaben und Rollen, sind aber gleichgestellt. Alle müssen alles teilen, um in ihrer extremen Umwelt zu überleben.

Die sesshaften Buschleute hausen in slumartigen Dörfern in Botsuana , Südafrika oder Namibia . Oder in Reservaten, in die sie zwangsumgesiedelt wurden, weil man auf ihrem Territorium Bodenschätze entdeckt hatte. Sie werden von vielen Afrikanern als Menschen zweiter Klasse angesehen und oft als Sklaven ausgebeutet. Trotz ihrer Zehntausende Jahre alten Kultur gehören die San zu den bedrohten Völkern, die keine politische Stimme haben. Sie zählen nur noch rund 100.000 Menschen. Die Mehrheit ist bitterarm und kann weder lesen noch schreiben – freie Nomaden, herabgewürdigt zu Sozialhilfeempfängern.

!Gubi verdrießt besonders, dass er nicht mehr jagen kann. Das liegt an seinen lädierten Knien, vor allem aber daran, dass er keine n!ore mehr hat. Dieses Wort bezeichnet den "Platz, der dir Nahrung und Wasser gibt". Das Land wird jetzt von weißen Farmern oder der Regierung beansprucht, die es schwarzen Volksgruppen wie den Herero oder Tswana zugeteilt hat. Landbesitz? Das klingt in den Ohren von !Gubi so absurd, als würde jemand die Sonnenstrahlen sein Eigen nennen.

 

Auch die Vorstellung von Zäunen und Grenzen läuft seinem Weltbild zuwider – zum Beispiel die Grenze zwischen Botsuana und Namibia, die vom Lagerplatz seiner Großfamilie nur ein paar Kilometer entfernt ist. "Die Bäume, die Büsche, die Tiere, alles ist gleich. Eine Grenze ist erst da, wo ich nicht mehr weitergehen kann, am Ufer des Meeres oder in den hohen Bergen." Neulich wurde sein Sohn /Aaban am Sperrzaun von botsuanischen Soldaten festgenommen; er hatte einen Springbock im Nachbarland erlegt. Sie konfiszierten die Beute und sperrten ihn ein. "Mein Großvater hat mir erzählt, dass wir die allerersten Menschen hier waren", sagt !Gubi. "Wie kann das, was wir schon immer getan haben, ein Verbrechen sein?"

Blasiert, kühl, misstrauisch, fantasielos. Aber auch: mutig, entschlossen, zäh. Diese Charakterlehre stammt vom Wiener Naturhistoriker Viktor Lebzelter, der die Buschmänner 1926 bis 1928 heimsuchte. Dreißig Jahre später lieferte Laurens van der Post das Gegenstück. Der Südafrikaner schwärmte von den "herzensreinen" Steinzeitmenschen, von ihrer "wilden Tierhaftigkeit", von der "echten Weiblichkeit" der Frauen. Und manche dieser edlen Wilden mit dem lustigen Pfefferkornhaar, der braunen Haut und dem dunklen Augengrund von Antilopen schienen gar einen Heiligenschein zu tragen. Ethnokitsch pur, nachzulesen im Buch Die verlorene Welt der Kalahari. Immerhin belegt es: Die Romantik ist eine Tochter der Zerstörung.

Unterdessen dämmert es, die riesige glutrote Sonnenscheibe versinkt im Busch. Sie setzt sich zum Essen auf die Erde, sagen die Buschleute. !Gubi kauert am Feuer und schmaucht seine Pfeife. Sein größter Wunsch? Er muss nicht lange überlegen. "Ein Platz, an dem wir in Frieden gelassen werden."

Seit mindestens 200.000 Jahren ist Afrika die Heimat des Menschen, weit länger als jeder andere Kontinent. Deshalb sind Afrikaner genetisch, kulturell und sprachlich so besonders vielfältig – der Erdteil beherbergt bis heute Menschen aus 2000 ethnischen Gruppen und ein Drittel der bekannten Sprachen.

Die gesamte nichtafrikanische Weltbevölkerung dagegen stammt von kleinen Exilantengruppen ab, die vor höchstens 100.000 Jahren aus ihrer Heimat auswanderten und nur einen kleinen Teil des biologischen und kulturellen Reichtums mit sich nahmen. "Das ist, als wenn man aus einem Topf mit Tausenden verschiedenfarbigen Kugeln eine Handvoll herausnimmt", sagt Wolfgang Enard vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig .

Bislang haben die Wissenschaftler sich vor allem mit dieser Stichprobe befasst – den Genen von Europäern und Asiaten. Mit der Decodierung der Buschmanngene blicken sie nun erstmals in den ganzen Topf. "Wir sehen, dass die Unterschiede zwischen zwei Buschmännern größer sind als zwischen einem Europäer und einem Asiaten", sagt Enard. "Es ist sehr wichtig, die genetische Variation der gesamten Menschheit zu sammeln."

 

Nach genetischen und linguistischen Untersuchungen der amerikanischen Populationsgenetikerin Sarah Tishkoff scheinen die San sich schon vor 35.000 Jahren von einer uralten Menschengruppe abgespalten zu haben, aus der auch die Pygmäen und zwei weitere Völkerschaften hervorgingen. Auf ihrer Reise in die Gegenwart haben die San eine Menge genetischer Veränderungen durchgemacht. !Gubi besitzt rund eine Million kleine Unterschiede in seinen Erbmolekülen, die bei keinem anderen Menschen zuvor gefunden wurden. Und trotz der tiefen Verwurzelung der Buschmänner im menschlichen Stammbaum sind diese genetischen Besonderheiten erst in jüngerer Zeit neu entstanden.

Für die Wissenschaft sind diese Befunde wichtig. Sie zeigen, wie ungeahnt groß der genetische Reichtum der Menschheit in Wahrheit ist. Für die San hingegen könnte eine andere Erkenntnis bedeutender sein: Sie sind, das beweisen ihre Gendaten, ausgesprochen moderne Menschen. "!Gubi", sagt die amerikanische Populationsgenetikerin Katherine Pollard von den Gladstone Institutes an der University of California in San Francisco, "ist alles andere als ein genetisches Fossil." Sein Erbgut sei ebenso wie das anderer Menschen ein Resultat dramatischer Wandlungen seit der Entstehung unserer Spezies.

Tausend Kilometer von !Gubis Rundhütte entfernt, am Nordende der Kalahari, liegt Tsumkwe. Die Verwaltungshauptstadt des Distrikts, der den Ju/’hoansi-Buschleuten zugeteilt wurde, ist ein staubiges Nest; Polizei, Gericht, Klinik, Tankstelle, Kirchen, Funkmast, zwei Läden. Am Rande der Siedlung treffen wir D#kgao, die Testperson TK1.

Ein paar Windschirme aus zerschlissenen Decken, der dürre Busch ringsum übersät mit Müll, Plastiktüten, Scherben, rostigen Blechteilen – das Camp sieht verwahrlost wie ein Notlager aus. D#kgao erhält pro Monat 450 namibische Dollar Altersrente, rund 45 Euro. Das muss für seine vier Söhne, drei Töchter und eine Schar von Enkelkindern reichen. Hin und wieder geht ein Springbock in eine der Eisenfallen, die Frauen verkaufen Schmuck an Touristen, irgendwie kommt man durch.

D#kgao, ein drahtiger Alter, aus dessen Augen der Schalk blitzt, ist jedenfalls ganz zufrieden. Es klingt auch nicht larmoyant, wenn er beklagt, dass die Jungen vergessen haben, wie man jagt und sammelt. So ist die neue Zeit eben, das moderne Leben in Tsumkwe. Die Leute schauen Fernsehen, kurven in Geländewagen herum, essen tiefgefrorene Kudu-Steaks, trinken Alkohol. 120 Shebeens, illegale Kneipen, soll es in Tsumkwe geben.

Welche Folgen das hat, konnten wir bei unserem letzten Besuch studieren. Es war gerade Zahltag, die Buschleute kamen aus dem Umland, um ihre Rente abzuholen – und marschierten mit ihrer Gefolgschaft schnurstracks in eine der Freiluftschenken, die meistens Herero-Frauen betreiben. Binnen zehn Minuten waren die Zecher sturzbesoffen. Sie torkelten, lallten, stammelten, schrien, prügelten sich – und irgendwann sanken sie mit irrem Grinsen in den Staub. Sesshaftigkeit und Sucht zerstören ihre Kultur.

"So viel Blut haben sie genommen", erzählt D#kgao und zeigt zwei Glieder seines Zeigefingers. "Sie sagten, dass sie es mit dem Blut der Weißen vergleichen werden. Sie wollen herausfinden, wer die stärksten Menschen sind." D#kgao ist sehr gespannt auf das Ergebnis. "Die Forscher haben versprochen wiederzukommen."

Ihr Versprechen haben die Forscher gehalten. Sie kehrten zurück und erzählten D#kgao, !Gubi und den anderen, was sie herausgefunden haben, all das Neue, das sie nun wissen, über die Buschmänner und alle anderen Menschen. Eigentlich ist es eine ganz einfache Wahrheit: Jeder Mensch, ob ein Jäger und Sammler in der Kalahari, ein Filmstar in Hollywood oder ein Banker in London , ist etwas ganz Besonderes. Und doch sind sie alle gleich.

Die Reise in die Frühzeit endet 2000 Kilometer südlich von Tsumkwe, in Kapstadt, im Büro des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu. Der Vorkämpfer gegen die Apartheid ist die Testperson ABT, sein Genom wurde stellvertretend für afrikanische Bantu-Völker untersucht. Das Ergebnis überrascht ihn nicht. "Die Menschheit ist eine große Familie. Jetzt ist wissenschaftlich bewiesen, was wir Theologen immer gesagt haben." Der 78-jährige Kirchenmann wippt vergnügt in seinem Stuhl auf und ab. "Wir sind die Regenbogennation" prangt auf einem bunten Wandteppich hinter ihm – die multiethnische Vision von Nelson Mandela . "Die San sind unsere Ahnen, und dafür müssen wir dankbar sein." Desmond Tutu, unter dessen Vorfahren müttelicherseits eine San-Frau gewesen sein muss, wird diese Woche dabei sein, wenn in Namibia die Resultate der Weltöffentlichkeit präsentiert werden.

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