Genomanalyse Evas KinderSeite 5/5

Nach genetischen und linguistischen Untersuchungen der amerikanischen Populationsgenetikerin Sarah Tishkoff scheinen die San sich schon vor 35.000 Jahren von einer uralten Menschengruppe abgespalten zu haben, aus der auch die Pygmäen und zwei weitere Völkerschaften hervorgingen. Auf ihrer Reise in die Gegenwart haben die San eine Menge genetischer Veränderungen durchgemacht. !Gubi besitzt rund eine Million kleine Unterschiede in seinen Erbmolekülen, die bei keinem anderen Menschen zuvor gefunden wurden. Und trotz der tiefen Verwurzelung der Buschmänner im menschlichen Stammbaum sind diese genetischen Besonderheiten erst in jüngerer Zeit neu entstanden.

Für die Wissenschaft sind diese Befunde wichtig. Sie zeigen, wie ungeahnt groß der genetische Reichtum der Menschheit in Wahrheit ist. Für die San hingegen könnte eine andere Erkenntnis bedeutender sein: Sie sind, das beweisen ihre Gendaten, ausgesprochen moderne Menschen. »!Gubi«, sagt die amerikanische Populationsgenetikerin Katherine Pollard von den Gladstone Institutes an der University of California in San Francisco, »ist alles andere als ein genetisches Fossil.« Sein Erbgut sei ebenso wie das anderer Menschen ein Resultat dramatischer Wandlungen seit der Entstehung unserer Spezies.

Anzeige

Tausend Kilometer von !Gubis Rundhütte entfernt, am Nordende der Kalahari, liegt Tsumkwe. Die Verwaltungshauptstadt des Distrikts, der den Ju/’hoansi-Buschleuten zugeteilt wurde, ist ein staubiges Nest; Polizei, Gericht, Klinik, Tankstelle, Kirchen, Funkmast, zwei Läden. Am Rande der Siedlung treffen wir D#kgao, die Testperson TK1.

Ein paar Windschirme aus zerschlissenen Decken, der dürre Busch ringsum übersät mit Müll, Plastiktüten, Scherben, rostigen Blechteilen – das Camp sieht verwahrlost wie ein Notlager aus. D#kgao erhält pro Monat 450 namibische Dollar Altersrente, rund 45 Euro. Das muss für seine vier Söhne, drei Töchter und eine Schar von Enkelkindern reichen. Hin und wieder geht ein Springbock in eine der Eisenfallen, die Frauen verkaufen Schmuck an Touristen, irgendwie kommt man durch.

D#kgao, ein drahtiger Alter, aus dessen Augen der Schalk blitzt, ist jedenfalls ganz zufrieden. Es klingt auch nicht larmoyant, wenn er beklagt, dass die Jungen vergessen haben, wie man jagt und sammelt. So ist die neue Zeit eben, das moderne Leben in Tsumkwe. Die Leute schauen Fernsehen, kurven in Geländewagen herum, essen tiefgefrorene Kudu-Steaks, trinken Alkohol. 120 Shebeens, illegale Kneipen, soll es in Tsumkwe geben.

Welche Folgen das hat, konnten wir bei unserem letzten Besuch studieren. Es war gerade Zahltag, die Buschleute kamen aus dem Umland, um ihre Rente abzuholen – und marschierten mit ihrer Gefolgschaft schnurstracks in eine der Freiluftschenken, die meistens Herero-Frauen betreiben. Binnen zehn Minuten waren die Zecher sturzbesoffen. Sie torkelten, lallten, stammelten, schrien, prügelten sich – und irgendwann sanken sie mit irrem Grinsen in den Staub. Sesshaftigkeit und Sucht zerstören ihre Kultur.

»So viel Blut haben sie genommen«, erzählt D#kgao und zeigt zwei Glieder seines Zeigefingers. »Sie sagten, dass sie es mit dem Blut der Weißen vergleichen werden. Sie wollen herausfinden, wer die stärksten Menschen sind.« D#kgao ist sehr gespannt auf das Ergebnis. »Die Forscher haben versprochen wiederzukommen.«

Ihr Versprechen haben die Forscher gehalten. Sie kehrten zurück und erzählten D#kgao, !Gubi und den anderen, was sie herausgefunden haben, all das Neue, das sie nun wissen, über die Buschmänner und alle anderen Menschen. Eigentlich ist es eine ganz einfache Wahrheit: Jeder Mensch, ob ein Jäger und Sammler in der Kalahari, ein Filmstar in Hollywood oder ein Banker in London, ist etwas ganz Besonderes. Und doch sind sie alle gleich.

Die Reise in die Frühzeit endet 2000 Kilometer südlich von Tsumkwe, in Kapstadt, im Büro des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu. Der Vorkämpfer gegen die Apartheid ist die Testperson ABT, sein Genom wurde stellvertretend für afrikanische Bantu-Völker untersucht. Das Ergebnis überrascht ihn nicht. »Die Menschheit ist eine große Familie. Jetzt ist wissenschaftlich bewiesen, was wir Theologen immer gesagt haben.« Der 78-jährige Kirchenmann wippt vergnügt in seinem Stuhl auf und ab. »Wir sind die Regenbogennation« prangt auf einem bunten Wandteppich hinter ihm – die multiethnische Vision von Nelson Mandela. »Die San sind unsere Ahnen, und dafür müssen wir dankbar sein.« Desmond Tutu, unter dessen Vorfahren müttelicherseits eine San-Frau gewesen sein muss, wird diese Woche dabei sein, wenn in Namibia die Resultate der Weltöffentlichkeit präsentiert werden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. ob sich Menschen im Erbgut unterscheiden oder in der Blutgruppe oder in der Schuhgröße, wen interessiert das schon? Die Menschen schauen, aller Wissenschaft zum Trotz, auf Äußerlichkeiten, wie sie es seit Jahrtausenden tun und auch in Zukunft tun werden. Das liegt nun mal in der Natur des Menschen.

    "Die Menschheit ist eine große Familie. Jetzt ist wissenschaftlich bewiesen, was wir Theologen immer gesagt haben."

    Da kommen mir vor Rührung gleich die Tränen. Davon abgesehen, dass diese scheinheiligen Theologen in aller Welt und aller Glaubensrichtungen meist nur die als gleich(-wertig) ansehen, die den gleichen Glauben haben und den restlichen Mitgliedern der ach so großen Menschheitsfamilie hingegen mit Geringschätzung begegnen, lehrt die Geschichte.
    Und sonst? Sollen wir diesen Stamm jetzt heilig sprechen? Sollen wir alle in Jahrhunderten gewachsenen Länder- und Kulturgrenzen einreissen, weil ein Buschmann über künstliche Grenzen zwischen Ländern nur den Kopf schütteln kann?
    Es sind schon viele Völker und Kulturen in der Welt untergegangen, weil sie es nicht geschafft haben, sich anzupassen. Warum soll das bei den Buschleuten anders ablaufen?

  2. natürlich, lieber Atarius,

    kreieren wir doch gleich die 'perfekten' test tube babies. Kulturelle Diversität? Multikulti? alles quatsch, nur der stärkste überlebt.
    erzählen Sie mal einem San, der von seinem Gebiet vertrieben wurde, dass er sich anpassen soll. Meinen Sie wirklich, dass in Südafrika alle Speis und Trank, sowie gescheite Schulbildung (wenn Sie das denn mit anpassen meinen) einfach so bekommen? In einem Land, indem die Arbeitslosenquote bei über 25% liegt, die Hälfte der Bevölkerung in großer Armut lebt und es keine allgemeine Sozialhilfe gibt, ist das tägliche Leben immer noch ein Überlebenskampf, besonders für isolierte Ethnien wie die San.

    an die Autoren: Buschmänner? das ist ein Scherz, oder? Warum ein so veraltetes, ethnozentrisches und etisches Wort verwenden, anstatt die tatsächliche Bezeichnung San (welches ja auch vorkommt) oder Khoikhoi?

    • hvg
    • 21.02.2010 um 16:23 Uhr

    Die Verbreitungskarte von Evas Kinder im südlichen Africa stimmt wunderbar im Westen. Dort, in Botsuana and Namibia, sind mir die San gut bekannt aus persönliche und wissenschaftliche Begegnungen. Die San und ihre kulturelle Artefakten sind aber auch bis heute im östlichen Sud-Afrika, in den Drakensbergen, verbreitet. Nur im letztere Teilbereich gibt es die Felskunst der San bis ins koloniale Zeitalter.

    Hein van Gils; Gronau (Westfalen)

  3. Wer von "Anpassung" schreibt, ist mit den sozialen Verhältnissen in Namibia offensichtlich nicht vertraut. Anpassung für die San bedeutet in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle: Leben in Slums, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und häusliche Gewalt in furchterregendem Ausmaß.
    Eine Minderheit schafft es, entweder durch Tourismus zu überleben oder ein paar Kinder an die Hochschulen des Landes zu bringen.
    Das ist die Realität. Nach Schuldigen zu suchen, ist etwas anderes. Wie der Autor beschrieben hat, existiert ein black-against-black Rassismus in Namibia, was auch damit zu tun haben könnte, daß San den verhassten Südafrikanern im Befreiungskrieg gegen die Swapo (heute die Regierungspartei in Namibia) geholfen haben. San stehen auf der untersten sozialen Stufe in einem Land mit extremer ökonomischer Ungleichheit. Das Land ist verteilt und gehört Weißen und zunehmend auch der neuen schwarzen Elite (zu denen die San nicht gehören). Die Regionen im Osten und Süden werden bei Infrastrukturmaßnahmen vernachlässigt; Geld, Positionen und ökonomische Partizipation fließen vor allem in den Netzwerken der herrschenden Elite.

    Es sieht also schlecht aus für die San. Langfristig Abhilfe schaffen kann hier m.E. nur massive Bemühungen um einen verbesserten Zugang zu Bildungsangeboten für die Jugend. Die San, die ich persönlich kenne, wollen vor allem eines: Bildung und Arbeit.

  4. "Kulturgrenzen wachsen" nicht - sie werden von Eliten gemacht und sind ideologische Konstrukte. Auch die SAN sind ein solches Konstrukt, genau wie DIE DEUTSCHEN.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    vor allem durch die gemeinsame Sprache. Die Deutschen sind genausowenig eine Konstruktion wie die Dänen oder die Franzosen, sondern sie sind das Resultat einer Entwicklung!

    vor allem durch die gemeinsame Sprache. Die Deutschen sind genausowenig eine Konstruktion wie die Dänen oder die Franzosen, sondern sie sind das Resultat einer Entwicklung!

  5. vor allem durch die gemeinsame Sprache. Die Deutschen sind genausowenig eine Konstruktion wie die Dänen oder die Franzosen, sondern sie sind das Resultat einer Entwicklung!

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service