Chopin in Warschau Hier spielt die Musik

Vor 200 Jahren wurde Frédéric Chopin in der Nähe von Warschau geboren. Lange geblieben ist er nicht. Umso entschlossener feiert ihn die Stadt. Selbst aus den Bänken auf der Straße klimpern seine Mazurken.

Abenddämmerung über der vereisten Weichsel

Abenddämmerung über der vereisten Weichsel

Zimmer 334 im zweiten Stock der Warschauer Musikhochschule, an der Tür steht: "Jerzy Sterczyński, Dekan für Klavier, Cembalo und Orgel". Professor Sterczyński verwaltet ein berühmtes Erbe. Hätte er vor 178 Jahren an gleicher Stelle unterrichtet, wäre ein bleicher Jüngling namens Frédéric Chopin sein Schüler gewesen. Der Professor überhört das Klopfen. Man trifft ihn geistesabwesend in seinem Unterrichtszimmer an, Rücken und Hinterkopf gegen die Wand gelehnt, der Blick geht ins Leere. So verharrt er einen Moment, bevor er sich erhebt und den Gast begrüßt.

"Herr Sterczyński, ich möchte mit Ihnen über Chopin reden und das Bild, das sich die Polen im Jubiläumsjahr von ihm machen." "Alles Zerrbilder", sagt der Professor. "Vergessen Sie es. Es gibt kein zutreffendes Bild von Chopin. Er ist der Künstler, der vollständig hinter seiner Musik verschwindet." Sterczyński macht eine elegische Geste. Er ist 52 Jahre alt, hat mittelgescheiteltes graues Haar, seine Augenlider sehen entzündet aus. "Ich spiele Chopin ein Leben lang. Man gräbt und gräbt in den Noten, entdeckt immer wieder Neues, und trotzdem bleibt man ein Suchender. Ein Freund, der unendlich viele Konzerte gehört hat, sagt: Chopins Musik ist bis heute unaufgeführt."

Anzeige

Hat der Klavierprofessor nicht recht? Ist Frédéric Chopin nicht das Extrembeispiel eines Künstlers, der von jeher so populär war, dass er – umschwärmt, überhöht und verniedlicht – hinter den Retuschen seiner Bewunderer kaum mehr zu erkennen ist? Wer sich in Warschau auf die Suche nach seinen Spuren macht, folgt einem Phantom. Die Stadt feiert den 200. Geburtstag ihres berühmten Sohns im großen Stil mit renovierten Gedenkstätten, Festivals, Konzerten, Kongressen und dem traditionsreichen Klavierwettbewerb im Herbst. Aber schon die neuen Chopin-Sitzbänke in der Innenstadt haben etwas Unwirkliches. Sie sind aus dem schwarzen polierten Marmor, aus dem man Ehrenmale für Friedhöfe macht. Man hat sie pünktlich zum Jubiläum an vierzehn Stellen unter freiem Himmel aufgestellt. Die eingravierten Hinweistexte erklären den Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Ort und dem Leben des Komponisten. Und auf Knopfdruck erklingt von irgendwoher zart scheppernd eine Mazurka, ein Walzer oder ein Nocturne. Als niste in Warschau Chopinsche Klaviermusik in jeder Bordsteinfuge.

Sein Herz brachte die Schwester nach Polen zurück, eingelegt in Cognac

Vor der ehemaligen Königlich Sächsischen Post am oberen Teil des Königswegs, der als Warschaus zentraler Prachtboulevard das Schloss im Norden mit den königlichen Sommerresidenzen im Süden verbindet, ist Chopins Kutsche am 2. November 1830 ohne Wiederkehr in Richtung Paris abgefahren. Das Gebäude steht noch – was in dem von den Nazis total zerstörten Warschau fast immer heißt: Es wurde an gleicher Stelle wieder originalgetreu aufgebaut.

Zwanzig Jahre alt war Chopin, als er die Kutsche bestieg – und eine Warschauer Berühmtheit. Er hatte als Klavierwunderkind bereits glanzvoll Karriere gemacht und war die musikalische Attraktion in den Palais der angesehensten Fürstenfamilien. Er verließ die Stadt, um seine Karriere jenseits der Heimat zu vollenden. Die Freunde überreichten ihm am letzten Abend einen Silberpokal mit polnischer Erde und sangen ihm am Stadtrand noch ein Abschiedslied, das von der Ehre handelte, die er Polen eintragen werde. Chopin war fortan der große Warschauer Abwesende. Mit der Entfernung wuchs die Verbundenheit zwischen dem Künstler und seiner Heimat. Chopin fühlte sich im fernen Paris entwurzelt. Die Polen drückten ihn immer inniger an die nationale Brust und vernahmen in seinen Stücken eine unbändige Heimatliebe. Der Komponist war ein glühender Patriot und ganz aufseiten des Widerstands gegen das zaristische Russland, das Polen besetzt hielt. Das schloss seine Rückkehr zu Lebzeiten aus.

Leser-Kommentare
  1. Abgefahren aus Warschau für immer im Jahre 1830 hätte er kaum vor 178 Jahren (1832) dort Musikschüler sein können.

    • WIHE
    • 25.02.2010 um 16:12 Uhr

    Hieß Chopin wirklich Chopin oder doch vielleicht eher Chopinski? Chopin klingt so französisch, dabei war er doch von Hause aus Pole.

  2. Chopin war bestenfalls Halbpole, der Vater war Franzose wie schon der Name zeigt. Aber unsere polnischen Freunde sind ohnehin schnell bei der Sache wenn es darum geht alles zu "polonisieren". Kopernikus' Muttersprache war astreines Deutsch, was den Polen natuerlich nicht irritiert. Kopernikus gilt ihnen zweifelsfrei als Pole.

    Marie Curie nannte das angeblich von ihr und nicht ihrem Mann entdeckte neue Element "Polonium"...man stelle sich vor wir haetten ein von uns entdecktes Element "Germanium" genannt...Empoerung!

    Der Nationalstolz der Polen hat etwas Laecherliches und Zwanghaftes.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da ich mir nicht ganz sicher bin, ob ihr Kommentar ironisch sein soll, hab ich für den Fall der Fälle (das er es nicht ist) hier eine kleine Klugkoterei mitgebracht:

    http://de.wikipedia.org/w...

    @Falkenhayn: sorry, aber mit Hintergrundwissen brillieren Sie wirklich nicht, und ihr Beitrag beschränkt sich nur auf Ignoranz und Polemik. Aber Sie stossen eine Interessante Diskussion an - warum der übertriebene, von anderen Völkern vielleicht wenig verstandene Nationalstolz der Polen?

    Mit Sicherheit hat Chopin französisches Blut - von seinem Vater, der Polen ja als seine Wahlheimat gewählt hat. Was Sie aber nicht verleugnen können ist die Tatsache, dass Chopin polnische Grundwerte, Tradition etc. vermittelt wurden, was sich schliesslich in seinen Kompositionen wiederpiegelt. Marie Curie Sklodowska - mit Sicherheit ging sie nach Frankreich und konnte mit Hilfe ihres Mannes Curie Forschungen betreiben... Ach.. vergessen wir die Details, lesen Sie doch darüber nach, und auch wie schwierig es damals für Frauen war, ihre Entdeckungen kundzutun, trotzdem wurden ihre voll anerkannt..

    Und nun zum Nationalstolz, der diese beiden Persönlichkeiten verbunden hat - Stand nicht Polen unter Besatzung bestimmter Länder? Haben sie nicht deswegen in Exil gelebt und ihren Nationalstolz gepflegt? Genau dieser Nationalstolz, der zu überleben half, wurde bis zum heutigen Tage kolportiert. Vielleicht etwas krankhaft oder übertrieben für Aussenstehende. Vielleicht können Sie es nicht verstehen, weil in Ihrer Familie keine/r durch Kriegstreiberei anderer Länder gestorben ist... Aber in diesem Puncto höre ich auf sonst werde ich noch polemisch.

    ... und was Kopernikus angeht - mit Sicherheit hatte seine Familie (zum geringen Teil) germanische Wurzeln, aber warum hat er an einer polnischen Uni studiert, warum hat sein Vater das Land gegen die Teutonen verteidigt etc.?

    Das ist ja so, als ob die Polen den Deutschen (welche die beiden ausgebildet etc. haben) jetzt verbieten würden, auf Podolski und Klose stolz zu sein...

    In diesem Sinne einen guten Abend, und seien Sie doch stolz auf das, von dem Herrn Winkler entdeckte Germanium oder finden Sie das auch albern?

    Da ich mir nicht ganz sicher bin, ob ihr Kommentar ironisch sein soll, hab ich für den Fall der Fälle (das er es nicht ist) hier eine kleine Klugkoterei mitgebracht:

    http://de.wikipedia.org/w...

    @Falkenhayn: sorry, aber mit Hintergrundwissen brillieren Sie wirklich nicht, und ihr Beitrag beschränkt sich nur auf Ignoranz und Polemik. Aber Sie stossen eine Interessante Diskussion an - warum der übertriebene, von anderen Völkern vielleicht wenig verstandene Nationalstolz der Polen?

    Mit Sicherheit hat Chopin französisches Blut - von seinem Vater, der Polen ja als seine Wahlheimat gewählt hat. Was Sie aber nicht verleugnen können ist die Tatsache, dass Chopin polnische Grundwerte, Tradition etc. vermittelt wurden, was sich schliesslich in seinen Kompositionen wiederpiegelt. Marie Curie Sklodowska - mit Sicherheit ging sie nach Frankreich und konnte mit Hilfe ihres Mannes Curie Forschungen betreiben... Ach.. vergessen wir die Details, lesen Sie doch darüber nach, und auch wie schwierig es damals für Frauen war, ihre Entdeckungen kundzutun, trotzdem wurden ihre voll anerkannt..

    Und nun zum Nationalstolz, der diese beiden Persönlichkeiten verbunden hat - Stand nicht Polen unter Besatzung bestimmter Länder? Haben sie nicht deswegen in Exil gelebt und ihren Nationalstolz gepflegt? Genau dieser Nationalstolz, der zu überleben half, wurde bis zum heutigen Tage kolportiert. Vielleicht etwas krankhaft oder übertrieben für Aussenstehende. Vielleicht können Sie es nicht verstehen, weil in Ihrer Familie keine/r durch Kriegstreiberei anderer Länder gestorben ist... Aber in diesem Puncto höre ich auf sonst werde ich noch polemisch.

    ... und was Kopernikus angeht - mit Sicherheit hatte seine Familie (zum geringen Teil) germanische Wurzeln, aber warum hat er an einer polnischen Uni studiert, warum hat sein Vater das Land gegen die Teutonen verteidigt etc.?

    Das ist ja so, als ob die Polen den Deutschen (welche die beiden ausgebildet etc. haben) jetzt verbieten würden, auf Podolski und Klose stolz zu sein...

    In diesem Sinne einen guten Abend, und seien Sie doch stolz auf das, von dem Herrn Winkler entdeckte Germanium oder finden Sie das auch albern?

  3. Da ich mir nicht ganz sicher bin, ob ihr Kommentar ironisch sein soll, hab ich für den Fall der Fälle (das er es nicht ist) hier eine kleine Klugkoterei mitgebracht:

    http://de.wikipedia.org/w...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Potzblitz! Das wusste ich tatsaechlich nicht...da sieht man mal wie es sich jetzt raecht dass ich an Chemie (1 Jahr, 11. Klasse) nicht wirklich interessiert war...

    Insofern schwaecht sich meine Kritik am polnischen Nationalstolz tatsaechlich etwas ab...

    Potzblitz! Das wusste ich tatsaechlich nicht...da sieht man mal wie es sich jetzt raecht dass ich an Chemie (1 Jahr, 11. Klasse) nicht wirklich interessiert war...

    Insofern schwaecht sich meine Kritik am polnischen Nationalstolz tatsaechlich etwas ab...

  4. Potzblitz! Das wusste ich tatsaechlich nicht...da sieht man mal wie es sich jetzt raecht dass ich an Chemie (1 Jahr, 11. Klasse) nicht wirklich interessiert war...

    Insofern schwaecht sich meine Kritik am polnischen Nationalstolz tatsaechlich etwas ab...

    Antwort auf "Ironie?"
  5. @Falkenhayn: sorry, aber mit Hintergrundwissen brillieren Sie wirklich nicht, und ihr Beitrag beschränkt sich nur auf Ignoranz und Polemik. Aber Sie stossen eine Interessante Diskussion an - warum der übertriebene, von anderen Völkern vielleicht wenig verstandene Nationalstolz der Polen?

    Mit Sicherheit hat Chopin französisches Blut - von seinem Vater, der Polen ja als seine Wahlheimat gewählt hat. Was Sie aber nicht verleugnen können ist die Tatsache, dass Chopin polnische Grundwerte, Tradition etc. vermittelt wurden, was sich schliesslich in seinen Kompositionen wiederpiegelt. Marie Curie Sklodowska - mit Sicherheit ging sie nach Frankreich und konnte mit Hilfe ihres Mannes Curie Forschungen betreiben... Ach.. vergessen wir die Details, lesen Sie doch darüber nach, und auch wie schwierig es damals für Frauen war, ihre Entdeckungen kundzutun, trotzdem wurden ihre voll anerkannt..

  6. Und nun zum Nationalstolz, der diese beiden Persönlichkeiten verbunden hat - Stand nicht Polen unter Besatzung bestimmter Länder? Haben sie nicht deswegen in Exil gelebt und ihren Nationalstolz gepflegt? Genau dieser Nationalstolz, der zu überleben half, wurde bis zum heutigen Tage kolportiert. Vielleicht etwas krankhaft oder übertrieben für Aussenstehende. Vielleicht können Sie es nicht verstehen, weil in Ihrer Familie keine/r durch Kriegstreiberei anderer Länder gestorben ist... Aber in diesem Puncto höre ich auf sonst werde ich noch polemisch.

    ... und was Kopernikus angeht - mit Sicherheit hatte seine Familie (zum geringen Teil) germanische Wurzeln, aber warum hat er an einer polnischen Uni studiert, warum hat sein Vater das Land gegen die Teutonen verteidigt etc.?

    Das ist ja so, als ob die Polen den Deutschen (welche die beiden ausgebildet etc. haben) jetzt verbieten würden, auf Podolski und Klose stolz zu sein...

    In diesem Sinne einen guten Abend, und seien Sie doch stolz auf das, von dem Herrn Winkler entdeckte Germanium oder finden Sie das auch albern?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service