Roger Köppel ist ein Mensch, der Freude empfindet, wenn man ihn beleidigt. Er sagt: "Früher regte ich mich auf, wenn man schlecht über mich redete, heute habe ich diese lästige Eigenschaft abgelegt." Mehr noch, Roger Köppel ist ein Mensch, der aus einer Beleidigung pekuniäre Vorteile schlägt. Und das geht dann zum Beispiel so: Da bezeichnet der Chefpublizist des Schweizer Ringier-Verlages, Frank A. Meyer, im Sonntagsblick die Weltwoche als "rechtsradikales Sektenblatt". Das ist justiziabel. Was aber tut der Verleger und Chefredakteur des beleidigten Blattes? Er setzt sich mit Marc Walder, dem Chef von Ringier Schweiz, zusammen und handelt aus, dass der Verlag im "Sektenblatt" fünf Inserate zum Vollpreis schaltet. Im Gegenzug verzichtet Köppel auf eine Klage.

Spätestens seit dem Sommer 2006, seit seiner Rückkehr aus Berlin, wo er zwei Jahre lang Chefredakteur der Springer-Zeitung Die Welt war, erregt Roger Köppel wie kein anderer Journalist im deutschsprachigen Raum die Gemüter. Damals konnte der heute 44-jährige Schweizer aus der fluglärmgeplagten Zürcher Vorstadt Kloten dem rechtsliberalen Tessiner Finanzier Tito Tettamanti die Weltwoche zu einem Spottpreis abkaufen. Er investierte dazu den größten Teil seines Privatvermögens und bekam günstige Kredite von Credit Suisse und der BZ Bank. (Er selbst möchte dies "in Berufung aufs Bankgeheimnis so nicht bestätigen".) Das Geld stammt also nicht, wie immer noch kolportiert wird, von Köppels Freund Christoph Blocher, dem ehemaligen Bundesrat und Übervater der Schweizerischen Volkspartei (SVP). So dumm ist der Jungspund nicht, als dass er sich ausgerechnet vom umstrittensten Mann der Schweiz aushalten ließe. Denn Köppel ist dabei, aus dem Schatten Blochers zu treten. Nichts fasziniert ihn mehr als erfolgreiche, ältere Männer. An ihren Lippen hängt er, um zu lernen. Er ist ein Musterschüler. Aber sein Ziehvater, mit dem er seit einem Interview im Jahre 2000 über militärische Führungstechniken eine geistige Standleitung unterhält, hat sich verbraucht. Köppels Stunde naht. Er will zu den Mächtigen gehören. In die Politik allerdings wolle er "im Moment nicht".

Kampagnen gegen Ausländer, Feminismus und Entwicklungshilfe

Köppel hat seine Weltwoche, ein einst linksliberales, aber hoch defizitäres Blatt, zur Speerspitze des Populismus gemacht, er spielt gezielt mit den Ängsten der Menschen. Dass die Haltungen von Weltwoche und SVP fast immer deckungsgleich sind, ist nachgerade zwangsläufig. Köppel wie Blocher sind Aufsteigernaturen kleinbürgerlicher Herkunft, die dem Schweizer Establishment zeigen wollen, wer die Deutungshoheit im Land hat. Der ehemalige Philosophiestudent, der seine journalistische Karriere als Sportredakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung und als Kulturredakteur beim linksliberalen Tagesanzeiger begann, sagt solche Sätze: "Die Kernaufgaben des Staates umfassen Justiz, Polizei und Armee. Alles andere ist verhandelbar und nicht in Stein gemeißelt." Muss denn der Staat nicht auch für so etwas wie soziale Gerechtigkeit besorgt sein? "Der Staat sollte darauf achten, dass die Leute an ihrer Entfaltung nicht gehindert werden. Das ist für mich gerecht. Natürlich muss man zu denen schauen, die dem Teufel vom Karren gefallen sind. Aber selbst das ist nicht zwingend Aufgabe des Staates. Nein, der Staat neigt zum Interventionismus, zum Wachstum, zum Monopol. Deshalb ist es die heilige Pflicht eines Journalisten, diesen Moloch zu überwachen." Damit formuliert Köppel eine Zeitenwende. Sah sich früher der Journalist als kritischer Beobachter der Wirtschaft, soll er heute ein Wadenbeißer des Staates sein.

Mit einem staatsfeindlichen und wirtschaftsfreundlichen Programm besetzt der Eklektiker Köppel eine Marktlücke in Europa. Es war früher undenkbar, dass ein Medium über Monate gegen die politische Klasse, Sozialmissbrauch, Ausländerkriminalität, Feminismus, Entwicklungshilfe, Asylwesen, zu hohe Steuern, Subventionen und die vielen Deutschen im Land ins Feld zog. Köppel profitiert von einem verunsicherten Europa, von einem Kontinent, der den Anschluss zu verlieren droht. Die Schuldenlast ist enorm, die Sozialwerke drohen zu implodieren, die EU wird wohl immer Stückwerk bleiben. In diese Wunde sticht der Populist unentwegt – und vermittelt so den Eindruck, dass er wisse, wo es langgeht. Das ist verführerisch. Köppel sagt: "Ich muss die Probleme benennen, nicht die Lösungen."

Sein Blatt bereitet denen, über die geschrieben wird, die Hölle auf Erden

Und es funktioniert. Auch wenn die Weltwoche in den letzten fünf Jahren von den 400.000 Lesern (die Männer sind weit in der Überzahl), die sie in ihren besten Zeiten hatte, fast 100.000 verloren hat, verdient der Verleger gutes Geld: "Wir haben die Weltwoche aus der Verlustzone geholt, eine Konzeptänderung gemacht und trotzdem mehr Leser und Auflage als vor neun Jahren. Zudem sind wir hochprofitabel." Das ist aber aus zwei Gründen kein Wunder. Der Chef hat eine enorme Medienpräsenz, und viele Mitarbeiter haben sich, freiwillig oder unfreiwillig, vom Blatt verabschiedet. Fast keiner ist ersetzt worden. Wer neu angestellt wird, arbeitet im innenpolitischen Ressort, Gesellschaft und Kultur sind fast inexistent. Das aber bedeutet niedrige Fixkosten.

Die Weltwoche war mal ein stolzes Autorenblatt. Wer aber heute an sie denkt, denkt an Roger Köppel. Er ist das Zentralgestirn, neben dem andere nur schwer leuchten können. Das hat aber nicht nur mit dem Umstand zu tun, dass ihm alles gehört. Nein, der Mann steht einfach früher auf als die andern, meistens um 4.30 Uhr. Und vor allem ist er ein hochbegabter Rhetoriker und Schweizer Meister des Guerilla-Marketings. Vergangenen September etwa wurde er auf Druck der Freisinnigen Partei, die er gerne und häufig für ihr Anpassertum kritisiert, aus der Arena, der wichtigsten politischen Diskussionssendung des Schweizer Fernsehens, ausgeladen. Und was tat Köppel? Er ließ in Windeseile einen Werbespot produzieren, den er just vor der Sendung platzierte: "Alles, was ich heute in der Arena nicht sagen darf, lesen Sie in der nächsten Weltwoche . Herzlich, Roger Köppel." Auch der schrillen Wortwahl ist er nicht abgeneigt. Das Bauverbot von Minaretten war für ihn "ein mutiger Entscheid der Schweizer". Und zum aktuellen Streit um den "skandalösen" Kauf von geklauten Steuerdaten durch die deutsche Regierung schrieb er: "Die Schweiz sollte die deutsche Regierung anzeigen wegen Anstiftung zu Industriespionage und zu illegalen Handlungen. Die Maßnahme hätte zur Folge, dass alle deutschen Minister, die unsere Grenze überschreiten, umgehend zu verhaften wären." Mit dieser medientauglichen Botschaft und seinem bubenhaften Charme tingelt er dann durch Schweizer und deutsche Talkshows wie hart aber fair oder Münchner Runde . Er erhält jeweils, wie er begeistert berichtet, "bis zu 800 Mails von Zuschauern, und zwar zu 95 Prozent zustimmender Art. Einzelne von ihnen wünschen sich eine deutsche Weltwoche."

Die Weltwoche spricht mit ihrem "Zuerst die Schweiz"-Kurs eine eidgenössische Kundschaft an, die angesichts der Angriffe auf den Finanzplatz Schweiz und der isolierten Stellung des Landes in Europa stark verunsichert ist. Zu SVP-Veranstaltungen, an denen nicht selten auch Roger Köppel spricht, sieht man sie mit der Weltwoche unter dem Arm pilgern. Sie lesen das Blatt wie eine Bibel. Hier wird auf Hochglanzpapier das geschrieben, was sie denken, aber so nicht ausdrücken könnten. Nämlich die frohe Botschaft, dass an den Missständen immer die andern schuld sind: entweder der Staat, die Ausländer oder die umliegenden Großmächte. Für Köppel ist der Vorwurf der Nähe zur größten Partei des Landes kein Problem: "Es gibt keine institutionelle Nähe. Wir kritisieren alle Parteien. Aber ich habe im Unterschied zu anderen keine Angst, Themen aufzugreifen, die auch die SVP beschäftigen. Entscheidend ist die Relevanz des Themas."