ZEITmagazin: Frau Rossellini, dem Regisseur David Lynch verdanken Sie Ihre wichtigste Filmrolle, aber auch die größte Enttäuschung Ihres Lebens. Wie lernten Sie ihn kennen?

Isabella Rossellini: Das war 1985. Ich hatte nach langer Zeit wieder einen Film gedreht – White Nights. Für meine erste Rolle in einem Film der Taviani-Brüder hatte ich sehr schlechte Kritiken bekommen. Denn die Medien verglichen mich mit meiner Mutter Ingrid Bergman, und deren Fußstapfen waren ziemlich groß. Deshalb glaubte ich, die Schauspielerei würde ein zu harter Weg für mich, und arbeitete jahrelang nur als Model. Noch bevor White Nights herauskam, lernte ich David Lynch bei einem Essen mit Freunden kennen. Er erzählte mir von Blue Velvet. Am nächsten Tag fragte er mich, ob ich Probeaufnahmen machen wolle.

ZEITmagazin: So bekamen Sie die Rolle der Dorothy Vallens?

Rossellini: Ja. Als ich das Drehbuch las, begriff ich Dorothy nicht als nymphomanisch, sondern als ein Opfer mit Stockholm-Syndrom…

ZEITmagazin: Die Entführte sympathisiert mit dem Entführer?

Rossellini: Ja. David galt nach Blue Velvet als Gott und ich nur als eine Art Muse. Aber ohne ihm etwas streitig machen zu wollen: Die Idee, Dorothy mit Stockholm-Syndrom zu spielen, stammte von mir.

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ZEITmagazin: Der Film beschäftigt sich mit Gewalt und Sexualität. Fanden Sie das faszinierend?

Rossellini: Nein. Ich glaube, jede Frau hat ein gewisses Maß an Misshandlung erfahren, und wahrscheinlich ist das in der italienischen Kultur noch etwas ausgeprägter. Ich selbst habe eine solche Erfahrung gemacht, als ich ungefähr 16 war. Ich hatte einen Freund. Wir haben gestritten, es ging um Eifersucht. Er dachte, ein anderer Mann würde mich anschauen. Als echter italienischer Macho schlug er mich, und ich fiel zu Boden. Aber ich spürte weder Angst noch Schmerz. Ich glaube, so etwas erlebt man, wenn man unter Schock steht. Man ist bei Bewusstsein, hat aber keine Gefühle. Es ist eine Art Gedankenstillstand. Diese Erfahrung habe ich für meine Rolle als Dorothy eingesetzt. Wenn sie die Angst überkommt, schlägt sie sich den Kopf, weil sie weiß, dass dann die Gedanken stillstehen und sie keine Gefühle mehr hat.

ZEITmagazin: Da steckt auch viel Sadomasochismus drin.

Rossellini: Im Film, ja. Aber was mich betrifft, so weiß ich nicht, was das ist, weil ich es persönlich nie erlebt habe. Deshalb konnte ich auch keine Sadomasochistin spielen, sondern nur eine ängstliche Frau. Die Sexualität, wie sie im Film präsentiert wird, ist nicht die Sexualität, die ich in meinem Leben erfahren habe. Für David war die Spannbreite der Sexualität interessant – sie kann zärtlich und auch höchst brutal sein. Noch mehr aber interessiert ihn die Gewalt. Er ist ein sehr spiritueller Mensch, meditiert viel und stellt grundlegende Fragen, etwa nach Gut und Böse. Ich glaube, er interessiert sich deshalb für Gewalt, weil er darin das Böse sieht. Ich hätte sehr gern mehr mit ihm gearbeitet. In Wild at Heart hatte ich zwar einen kleinen Auftritt, aber ich hatte nie wieder die Gelegenheit, eine so schöne Rolle wie die der Dorothy Vallens zu spielen.