Die Subprime-Krise in den USA löste die weltweite Wirtschaftskrise aus © Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

"This time is different!" – das ist der gefährlichste Rat, den Anlageberater ihren Kunden geben können. Diesmal ist alles anders! Börsenmakler und Investmentbanker argumentieren so, wenn sie Umsatz machen und Boni verdienen wollen. Sie möchten den Anlegern einreden, sie könnten unbesorgt weiter in Aktien, Immobilien oder Gold investieren, selbst wenn Kurse und Preise längst schwindelerregende Höhen erreicht haben.

This time is different: Die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben ein Buch dieses Titels geschrieben. Es befasst sich, wie es im Untertitel heißt, mit acht Jahrhunderten finanzieller Narretei ("financial follies") und dürfte zur neuen Pflichtlektüre für alle werden, die wissen möchten, wie Finanzkrisen entstehen und welche Folgen sie haben.

Im 19. Jahrhundert, zur Zeit, als der Goldstandard galt, traten Finanzkrisen regelmäßig auf. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber gab es in den reichen Volkswirtschaften nur fünf große Krisen: in Spanien, Norwegen, Finnland, Schweden und Japan. Davon erwies sich lediglich die japanische Krise als hartnäckig und relevant für den Rest der Welt. Die übrigen Krisen ereigneten sich in Entwicklungsländern und waren meist schnell wieder vergessen.

"This Time is different" von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff ist im Verlag Princeton University Press erschienen © Princeton University Press

So hatten Wissenschaft und Öffentlichkeit im Laufe der Jahre verdrängt, dass Finanzkrisen eine große Gefahr für Wachstum und Wohlstand darstellen. Die Volkswirtschaften erschienen als robuste Maschinen, die zuverlässig Wohlstand produzierten – solange man nur an den richtigen Schrauben drehte. Und sollte eine Reparatur nötig sein, so verfügten Zentralbanken und Regierungen über einen wohlgefüllten Werkzeugkasten.

Eine Sichtweise, die sich als Illusion erwiesen hat – und als Anmaßung. Aber woher kam die Krise, und woher rührte die Überheblichkeit jener Ökonomen, die nie an sie glauben wollten?

Am Anfang stehe immer die Zuversicht, schreiben Reinhart und Rogoff. Der Glaube an immerwährendes Wachstum bei niedriger Arbeitslosigkeit und stabilen Preisen führt dazu, dass die Zentralbanken die Zinsen niedrig halten. Wodurch sich Finanzinvestoren billig Geld leihen, mit dem sie Aktien und Immobilien kaufen. Bis am Ende an den Finanz- und Immobilienmärkten riesige Blasen entstehen, die dann schließlich platzen.

Sobald die Wertpapierkurse und Immobilienpreise fallen, ist der Traum zu Ende. Die auf Pump erworbenen "Werte" sind auf einmal weniger wert als die Verbindlichkeiten gegenüber den Gläubigern, also den Banken. Plötzlich ist alle Welt verschuldet. Dann heißt es sparen, weniger konsumieren, Arbeitskräfte entlassen. Die Rezession beginnt.

Eine wichtige Schlussfolgerung von Reinhart und Rogoff ist, dass solche Einbrüche viel schlimmer sind als "normale" Konjunkturkrisen. Das zeigt der internationale Vergleich: Vom jeweiligen Höhepunkt einer Finanzkrise aus gerechnet, sinken die (realen) Immobilienpreise im Durchschnitt sechs Jahre lang, und zwar um 35 Prozent, die Aktienkurse über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren sogar um 56 Prozent, während die Arbeitslosenquote in vier Jahren um nicht weniger als sieben Prozentpunkte ansteigt, also etwa von fünf Prozent auf zwölf Prozent. Der Schuldenstand des Staates verdoppelt sich fast.

Wohlgemerkt, diese Zahlen sind Mittelwerte. In ihre Berechnung gingen auch die Krisen in Entwicklungs- und Schwellenländern mit ein. Die Finanzkrise in Japan aber begann in den frühen neunziger Jahren nach einem Aktien- und Immobilienboom ohnegleichen. Heute, 20 Jahre später, ist sie noch immer nicht ausgestanden! Auf beängstigende Weise ähnelt sie der aktuellen globalen Krise.

Leider scheuen sich Reinhart und Rogoff vor einem solchen Vergleich. Auch wagen sie keine Prognose, wie es mit der Weltwirtschaft nun weitergehen könnte. Vielleicht waren ihnen die naheliegenden Schlussfolgerungen zu unerfreulich.