Ostkurve Der geile Tod

Christoph Dieckmann beobachtet den Medien-Totalitarismus

Er hieß Jim Morgan und lebte 33 Jahre. Millionen sahen seinen Tod. Er starb 1981 in Cortina d’Ampezzo, bei der Viererbob-Weltmeisterschaft. Der USA-Schlitten raste ins Ziel, kippte an die rechte Bande und brach Morgan das Genick. Die Tagesschau zeigte es immer wieder, ich sah immer wieder hin. Solche Bilder waren damals unerhört.

Zwanzig Jahre später starben dreitausend Amerikaner in New Yorks World Trade Center. Milliarden sahen ihren Tod, weltweit, als TV-Endlosschleife. Ich sah es einmal, zweimal, dann schloss ich die Augen – bis heute, wenn unterhaltungsgerecht gestorben wird. Der Spanner verliert seine Seele. Lukrez schrieb: Süß ist’s, fremder Not bei tosendem Kampf der Winde / Auf hochwogigem Meer vom fernen Ufer zu schaun / Nicht, als könnte man sich am Unfall andrer ergötzen / Sondern weil man sieht, von welcher Bedrängnis man frei. Derlei Glück bietet der Medien-Totalitarismus bis zum Exzess. Das prägt. Jungmänner in Berliner Straßenbahnen kennen zwei Themen: Gewalt und superstarke Tötungsfilme. Unlängst war ich Zeuge, wie eine Schülerin vom Bus angefahren wurde. Die männliche Klassenkameradschaft bejubelte das saugeile Erlebnis: Schade, Alter, dass er die Kuh nich breitjemacht hat!

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Trösten mag sich das Jungvolk mit frischem Futter. Der Tod des georgischen Olympia-Rodlers dürfte auf YouTube ein Renner werden. Die Süddeutsche Zeitung druckte ein brillantes Farbposter der letzten Lebenssekunde, zur Schlagzeile: Mit 144,3 km/h in den Tod. Darunter, winzig und schwarz-weiß, das Passporträt eines melancholischen Jungen – wahrlich kein Rodlergesicht. Das Bildchen hebe ich auf. Der Junge hieß Nodar Kumaritaschwili und lebte 21 Jahre.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
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    • Schlagworte Christoph Dieckmann | Tagesschau | Band
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