Siebeck Worüber Winzer so streiten
Wolfram Siebeck trinkt gerne guten Wein. Dabei ist ihm ganz egal, auf welchem Boden er gewachsen ist.
Damit wir nicht einschlafen in unserer satten Selbstzufriedenheit, greifen wir gern zu harten Mitteln. Wir dopen uns mit der Frage, ob die Erde sich tatsächlich erwärmt oder nicht, wir berauschen uns am Trainerwechsel in der Fußballbundesliga. Ja, wir nehmen starke Drogen: Die Regierung entscheidet sich fürs Schuldenmachen und gegen Einsparungen, und auch Fragen wie die, ob sich Deutschland mehr in Afghanistan engagieren solle oder weniger, ob nun Sloterdijk oder Sarrazin den klügeren Kopf habe und schließlich: ob man dem Finanzamt freiwillig vom Geld in der Schweiz erzählen solle, verhindern die Schläfrigkeit, welche uns angesichts der Berliner Wohnküchen-Koalition heimzusuchen droht.
Vor allem die Feinschmecker unter uns kriegen kaum ein Auge zu. Warum sind die Barolos so teuer, wo doch ein erstklassiger Blauburgunder schon für 25 Euro zu haben ist? Wieso gefährden Kühe mit ihren Blähungen unsere Erde und nicht auch die Konferenzteilnehmer in Kopenhagen? Lauter Fragen ohne Antworten! Wie sollen wir da eine Meinung zu der Streitfrage haben, deretwegen sich unsere Winzer in den Haaren liegen?
Es geht dabei um nichts Geringeres als die Frage, wie entscheidend das Terroir für die Qualität eines Weins ist. »Terroir« ist französisch und heißt »Gegend«. Gemeint sind der Boden, in den die Weinbauern ihre Reben stecken, aber auch das Mikroklima in der Gegend und die Traditionen, nach denen die Menschen dort die Trauben ernten und Wein aus ihnen machen. Die Franzosen zum Beispiel sind sich sicher: Nur aus einer erstklassigen Gegend kann ein erstklassiger Wein kommen, weshalb sie ihren Kult mit den Premier-Cru- und Grand-Cru-Lagen betreiben.
»Alles Kokolores!«, sagen andere Winzer. »Mit der entsprechenden Kellertechnik und modernen Methoden lässt sich auch aus durchschnittlichen Trauben ein guter Wein machen. Schaut sie euch an, unsere Kollegen in Australien und Amerika: Die ahmen euer Terroir einfach durch Bewässerung und Klimasysteme nach!«
Was ihre Kollegen von der wieder anderen Fraktion furchtbar aufregt. Sie wollen bei der Definition von »Terroir« nichts wissen vom Menschen und von seinen weinbaulichen und kellerwirtschaftlichen Eingriffen. Schieferboden ist Schieferboden, und Steillage bedeutet hohe Sonneneinstrahlung – und damit basta!
»Apropos Sonneneinstrahlung«, sagen da die nächsten Winzer, »das Wetter ist jedes Jahr anders. Und deshalb ist logischerweise der Jahrgang eines Weines viel entscheidender für seine Qualität als die Gegend, aus der er kommt!«
Wir Weintrinker stehen dabei wie der Ochs vorm Berge und fragen uns, ob nicht jeder Wein seine Existenz einem Schöpfer verdankt, der je nach Religion einen weißen Bart hat oder seinen Leuten einen Harem erlaubt. Der Schöpfer also hat der Menschheit den Wein geschenkt, weshalb wir ja auch von »Gottesgabe« sprechen und voller Dankbarkeit singen: »Hosianna!«
- Datum 17.02.2010 - 16:47 Uhr
- Serie Siebeck
- Quelle ZEITmagazin, 18.02.2010 Nr. 08
- Kommentare 3
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Grundsätzlich gebe ich Herrn Siebeck Recht, aber der Schluss kommt doch etwas zu überraschend- auch wenn der Wein eine Gottesgabe ist, trägt doch der Mensch seinen Teil dazu bei wie er wird. Und das mit dem weißen Bart ist ja wohl nicht ernst gemeint ?
@hominustra
selbst mal was interessantes schreiben.
Über Wein lässt sich (nicht) streiten
Grüße kommtpost1
ich kommentiere auch gerne, aber manchmal muss man harmlose kommentare ruhig mal ihren weg gehen lassen.
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