Krisengeplagter EU-Präsident: der spanische Premier José Luis Zapatero © Pierre-Philippe Marcou/AFP/Getty Images

Bei den Buchmachern steht Spanien hoch im Kurs. Zwar findet die Europameisterschaft erst 2012 statt. Doch nach der Auslosung der Qualifikationsgruppe gelten die Fußballer von der Iberischen Halbinsel als heißeste Anwärter auf den Titel. Bei Investoren auf den Kapitalmärkten ist Spanien weniger gut gelitten: Sie wetten in diesen Tagen auf eine sinkende Kreditwürdigkeit südeuropäischer Länder und setzen damit den Euro unter Druck. Die Sorge um eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands konnten die Regierungschefs der EU nach ihrem Gipfel vorige Woche abmildern. Doch ein weiteres Risiko droht beim jahrelangen Wachstumsstar Spanien. "Spanien hat zwar, gemessen an seiner Größe, eine geringere Staatsverschuldung als Griechenland, aber es sind viel mehr Anleihen unterwegs", sagt Ralph Solveen, bei der Commerzbank stellvertretender Leiter des Economic Research. Allein deutsche Geldinstitute haben laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich rund 176 Milliarden Euro bei spanischen Schuldnern ausstehen. Die Wirtschaft der Iberer ist mit einem Anteil von elf Prozent am EU-Bruttoinlandsprodukt viermal so bedeutend wie die Griechenlands.

Wann immer zuletzt Zweifel an Spaniens Bonität geäußert wurden, verabreichte das Wirtschaftsministerium in Madrid dieselbe Beruhigungspille: Mit einer Staatsverschuldung von 65,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liege das Land in diesem Jahr fast 20 Punkte unter dem europäischen Durchschnitt. Die Zahl stimmt, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. "Das Problem ist nicht der augenblickliche Schuldenstand, sondern der künftige Anstieg. Wenn man die Prognosen für die Staats- und Neuverschuldung in den nächsten zwei Jahren ansieht, haben wir das gleiche Problem wie Griechenland", sagt Fernando Fernández, Ökonom an der Madrider IE Business School. Laut Commerzbank wird Spaniens Staatsschuldenquote Ende 2011 etwa 80 Prozent betragen – 40 Prozentpunkte mehr als vor der Krise. Allein um diesen Stand zu halten, seien jährliche Mehreinnahmen oder Ausgabenkürzungen von mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts nötig.

Das ist nicht das einzige Problem. "Die größere Gefahr ist mittelfristig die geringe Wettbewerbsfähigkeit der spanischen Wirtschaft", warnt Solveen. Da Löhne und Gehälter bei einer hohen Inflationsrate automatisch angeglichen werden und die Produktivität weit unter dem Durchschnitt des Euro-Raums liegt, sind die Lohnstückkosten kräftig gestiegen. Das kostet die Spanier seit Jahren Marktanteile in den Exportmärkten. Vor der Währungsunion hätte eine Regierung versucht, solche Nachteile mit einer Abwertung der Peseta auszugleichen. Heute geht das nicht mehr. "Spaniens Wirtschaft braucht dringend eine Neuausrichtung", fordert Kornelius Purps, Anleihenstratege bei der italienischen Bank UniCredit. "Irgendwie muss das Land Stärke entwickeln. Aber das wird dauern."

Spaniens jahrelange Stärke ist inzwischen seine größte Schwäche. Zwischen 1996 und 2007 stützte sich das Wachstum vor allem auf die Bauwirtschaft. Dreimal hintereinander konnte der damalige Wirtschaftsminister Pedro Solbes sogar Haushaltsüberschüsse präsentieren. Heute bestreitet nicht einmal mehr die Regierung, dass die jährlich errichteten 800.000 Wohnungen häufig nur der Spekulation dienten. Die Nachfrage reichte höchstens für die Hälfte, doch ein ganzes Land glaubte an dauerhaft steigende Immobilienpreise und hohe Gewinne. Nach dem Platzen der Blase sind nun Zigtausende Privathaushalte und Firmen verschuldet. Von rund zwei Millionen Arbeitsplätzen, die seit Ende 2007 vernichtet wurden, gehörten 900.000 zum Bausektor.

Der Rausch trug so schöne Namen wie Valdeluz – Tal des Lichts. Eine Siedlung, 2006 errichtet für 34000 Bewohner im Nirgendwo der kastilischen Hochebene, gut 70 Kilometer nördlich von Madrid. In den einförmigen erdfarbenen Quadern leben heute gerade einmal 800 Menschen, die Straßen sind wie ausgestorben. Es ist eine Geisterstadt – eine von vielen in Spanien.