Stilkolumne Er kann gar nicht lang genug sein
Tillmann Prüfer über den Wintermantel.
Nun wird wieder Wert darauf gelegt, im Winter gut auszusehen – vor allem im richtigen Mantel. Seidenmantel von Prada, 1900 Euro
Manchmal muss sich erst das ganz große Rad der Elemente drehen, ehe eine modische Fehlentwicklung erkannt wird. So braucht es 16 Grad Minus in Deutschland, um die Frage aufzuwerfen: Was ist eigentlich aus dem Wintermantel geworden? In den vergangenen Jahren schien er sich immer weiter von der Straße zurückgezogen zu haben. Der schwere Wollmantel war stark bedrängt worden durch den Übergangsmantel und den Trenchcoat. Kleidungsstücke, die nicht dazu gedacht waren, schwere Winter abzuwehren, sondern die höchstens, mit einer entsprechenden Unterfütterung versehen, durch drei ungemütliche Monate helfen sollten. Und war nicht ohnehin die Rede davon, dass die allgemeine Erwärmung komme, dass wir in Europa keinen Schnee mehr sehen würden und im Winter höchstens noch einen Regenmantel bräuchten? Der Wintermantel war etwas, das Bilder von grimmigen Grenzern am Eisernen Vorhang heraufbeschwor.
Vielleicht liegt es auch daran, dass sich das Flanieren als gesellschaftliche Tätigkeit überholt hat. Outfits sind heute vor allem darauf ausgelegt, in Innenräumen zu wirken. Aber wer bewegt sich noch stundenlang in der Stadt, um gemessenen Schrittes über die Champs-Élysées zu wandeln?
Die vergangenen Wochen haben nun deutlich gemacht, dass es durchaus noch sinnvoll sein kann, sich über die Wettereigenschaften der Kleidung Gedanken zu machen. Und dass zwar in der Mode nur noch schlecht zwischen Sommer- und Wintersaison unterschieden werden kann, in der Wirklichkeit aber sehr wohl.
Glücklicherweise haben sich jüngst auch etliche Modedesigner wieder vom langen Mantel inspirieren lassen. Endete in der Vergangenheit der Mantel knapp über den Knien, sind nun wieder Mäntel erhältlich, die tatsächlich dazu gedacht sind, alles zu bedecken, was frieren kann. Am deutlichsten ist dies bei Comme des Garçons zu sehen, wo die Mäntel schier militärische Schwere anzunehmen scheinen. Auch bei Hermès gehen die Säume wieder fast bis auf den Boden. Für Yves Saint Laurent schuf Stefano Pilati elegante graue Mäntel aus Flanell. Wenn derlei Stücke nun wieder in den Fokus rücken, hat der grimmige Winter in Europa wenigstens etwas Gutes gehabt.
Allerdings, lieber Winter, dein Job ist getan. Du darfst jetzt gehen. Hau ab.
- Datum 17.02.2010 - 16:22 Uhr
- Serie Stilkolumne
- Quelle ZEITmagazin, 18.02.2010 Nr. 08
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Die kalten Winter kommen aus dem Osten. Dort sind lange Mäntel auch nie wirklich verschwunden. Statt sich gelegentluch an Wiener Flaniermänteln mit Fellkragen zu orientieren, schielt die jugendliche Mode ja lieber nach London oder Paris, wo es nun einmal kaum harte kontinentale Winter durchzustehen gibt. Alle Eltern mit Teenagern kennen ja zur Genüge die fruchtlosen Diskussionen über die Eignung von Converse Allstars als Winterstiefel. Vieleicht besinnt man sich ja wieder auf die Qualitäten der robusten Tuche von weniger mondänen Bekleidungsherstellern, wenn es dort, wo die Beine zusammenlaufen wirklich unangenehm kalt wird.
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