Szeneband The XX Der Faktor X

Stilbewusster Auftritt, hinreißende Songs, Weltkarriere dank Facebook: Der Erfolg der britischen Band The xx

Romy war drei Jahre alt, als sie Oliver (l.) im Kindergarten kennenlernte. Jamie (r.) trafen die beiden später in der schule – da waren sie schon elf

Romy war drei Jahre alt, als sie Oliver (l.) im Kindergarten kennenlernte. Jamie (r.) trafen die beiden später in der schule – da waren sie schon elf

Normale Bands haben eine Geschichte, die Band The xx aus dem Londoner Stadtteil Putney hat zwei. Die eine handelt von der irrsinnigen Geschwindigkeit der digitalen Popwelt und geht so:

Noch im vergangenen Juli kennt diese Band außerhalb ihres Freundeskreises kaum jemand. Am 17. August 2009 erscheint ihr Debütalbum. Auf Anhieb wird es von Bloggern, Kritikern, Downloadern als ein Meisterwerk minimalistischer Popmusik erkannt – wozu auch das extrem strenge Cover-Design beiträgt: ein weißes Kreuz auf schwarzer Fläche, sonst nichts.

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Sofort wird die Band, die ihren rigorosen Stilwillen auch mit ihren Videos und ihrer Kleidung beweist, massenhaft weiterempfohlen bei Facebook, MySpace, Last.fm. Der Musikshop iTunes kürt ihren Song Crystalised zur Single der Woche, legale und illegale Downloads in aller Welt liegen da schon jenseits der Zählbarkeit. Kaum vier Monate später, im Dezember, wird The xx vom britischen Guardian zur besten Platte des Jahres ernannt; der New Musical Express sieht sie auf Platz 2; der ebenso einflussreiche wie Hype-resistente Kritikerblog Pitchfork auf Platz 3; der US-Rolling Stone auf Platz 9. Und so reisen The xx in diesen Wochen täglich von einem ausverkauften Kon­zert zum nächsten, nach Auftritten in Europa und den USA waren gerade Australien und Asien dran, dann wieder Europa und die USA. Samstag: Perth, Sonntag: Singapur, dann Lille, Nantes, Amsterdam, Brüssel, Paris und immer so weiter bis Juni, mindestens. Die Liste der Städte auf ihrem Tourplan liest sich wie das Register eines Atlanten.

Die andere Geschichte handelt von stetem Wachstum im Verborgenen: Schon im Alter von drei Jahren hauen Romy Madley Croft und Oliver Sim in einem Kindergarten im Südwesten Londons gemeinsam auf einem Xylofon herum (in irgendeiner elterlichen Schublade soll ein Beweisfoto liegen). Später gehen sie gemeinsam zur Schule, gründen mit ihrem Mitschüler Jamie Smith eine Band. Siebzehn Jahre nach dem ersten Xylofonduett, nach weithin unbeachteten Konzerten und dreijähriger Arbeit im Studio schaffen The xx endlich den Durchbruch.

Beide Geschichten sind wahr, und beide sind brauchbare Puzzleteile zur Erklärung dessen, was an dieser Band wirklich interessant ist. Denn es ist nicht der schnelle Erfolg an sich. Aus dem Internet geborene Pop-Erfolge hat es schließlich seit den Arctic Monkeys im Jahr 2006 immer wieder gegeben, und wöchentlich wächst die Zahl der sogenannten »The«-Bands – meist blasse Jugendliche, die irgendwas mit Gitarren machen, vage alternativ oder indie.

The xx ragen aus dem Durchschnittspop meilenweit hervor dank einer anderen, unerwarteten Art der Beschleunigung: Das Debüt dieser drei 20-Jährigen klingt völlig ausgereift und eigenständig. Wie das Spätwerk einer Band, die schon sehr viel hinter sich hat. Und auch wenn einige weit auseinanderliegende Einflüsse aus ihren Songs herauszuhören sind – melancholische Singer-Songwriter der Achtziger, Soulsänger aus den Charts dieser Woche, die Bass-Gewitter von Dubstep: The xx klingen wie niemand sonst. Wie kann es sein, dass The xx schon so weit sind? Mit 20?

Bei einem Zwischenstopp in Berlin Ende Januar haben sie ein paar Minuten lang stillgehalten für Fotos, sehr still. Denn sie besitzen diese besondere britische Schüchternheit, die von Coolness nicht zu unterscheiden ist. Regungslos und ernst stehen sie der Kamera gegenüber, sehr ernst. Das tun sie auch in ihren Videos. In ihrem Streben nach äußerster Reduktion verzichten sie auf alle unnötigen Bewegungen und auf alle Farben außer Schwarz. (Unserem Fotografen ließen sie vorab ausrichten: 1. Sie tragen nur schwarze Kleidung; 2. Möglichst von Dior Homme.) Es ist, als hätten sie mit ihrem xx alles Überflüssige durchgestrichen, so wie man es früher, ganz früher, mit Schreibmaschinen tat.

Leser-Kommentare
    • wp
    • 19.02.2010 um 11:37 Uhr
    1. ---

    "Das Debüt dieser drei 20-Jährigen klingt völlig ausgereift und eigenständig. Wie das Spätwerk einer Band, die schon sehr viel hinter sich hat."

    Ob der Autor merkt, daß das eigentlich eher etwas Negatives ist? Oft sind gerade die Debut-Alben die besten, weil sie noch völlig frisch und unbekümmert daher kommen. Später werden die Werke oft düsterer, festgefahrener.

  1. ...am Debüt finde ich gerade die Düsternis so interessant. Wobei die Frage ist, wie diese spannend weiterentwickelt werden soll (willkommen zum "difficult second album"-Druck).

    Am Artikel finde ich zwei Punkte spannend:
    Erstens das vermeintliche Stilbewusstsein der Band - das Album-Artwork ist tatsächlich von zeitloser Schlichtheit. Die Outfits und Frisuren, obwohl ganz in schwarz gehalten, erheblich weniger. Das sieht eher nach schwarz gefärbten 80ern aus - einem Jahrzehnt, das nicht gerade durch besonders zeitlosen Stil auffiel.
    Zweitens ergeht sich der Artikel in historischen Betrachtungen zu Band und dem, was sie bisher mitgemacht hat. Es wird aber in keiner Silbe erwähnt, dass die Gruppe bis vor vier Monaten noch ein Quartett war - damals verliess die Keyboarderin Baria Qureshi The XX aufgrund von Erschöpfung.

  2. Ja,ich finde das Album auch hübsch. Es ist nette Hintergrundmusik, wenn man Freunde zum Essen zu Gast hat. Live ist die Band leider das Langweiligste, was ich in Jahren gesehen habe. Ich wünsche ihnen wirklich jeden Erfolg. Dennoch finde ich, man sollte die Kirche im Dorf lassen. Da gab es schon und gibt es sicherlich auch in Zukunft andere Debüts, die länger nachhallen als dieses...

  3. Die 80er sind grade In
    Das heisst es gibt viele Bands die diese Zeit kopieren
    Das ist eine davon

    Wie wäre es wenn sich die Redaktion mal dem Post-Rock und Post-Metall zuwendet
    Russian Circles zum Beispiel

    Denn das ist wirklich ein Aspekt der bisher noch nicht in dieser Form in der Musik ausgeleuchtet wurde

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