Ich erinnere mich nie an Träume. Aber ich habe jeden Morgen einen Moment, der mir sehr wichtig ist. Es ist ein Augenblick absoluter Klarheit.

Viele meiner Schuhe, die ich kreiere, sehe ich in diesem Moment vor mir. Sie stehen wie Skulpturen da, ich muss sie nur abzeichnen. Es wäre für mich einfacher, wenn ich anders arbeiten könnte. Es ist weniger kompliziert, etwas in Form einer Skizze zu entwerfen, denn eine Skizze darf sich selbst genügen. Aber meine Schuhe sind ja schon fertig in meinem Kopf, wie ein Foto. Also muss ich in der Realität einem Schuh nahekommen, der schon perfekt in meiner Vorstellung existiert. Es geht dabei immer etwas verloren, ich kann nur versuchen, den Verlust zu minimieren.

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Meine Passion für Schuhe ergriff mich schon mit elf Jahren. Meine Eltern nahmen mich ins Museum mit. Dort prangte ein Schild mit einem durchgestrichenen High Heel – hohe Absätze sollten das Parkett nicht zerkratzen. Dieser Absatz auf dem Schild hat mich fasziniert. Mir wurde bewusst, dass dieser Schuh aus der Vorstellung eines Menschen stammte. Dass er Ergebnis eines schöpferischen Aktes war. Ich habe immer wieder versucht, ihn zu zeichnen. Ich finde es faszinierend, dass alles, was uns umgibt, menschlichen Gehirnen entspringt. Sogar die meisten Landschaften, die wir durchschreiten, hat jemand gestaltet. Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an den Menschen. Ich bin fest überzeugt davon, dass jeder ein Schöpfer sein kann.

Alles kann mich inspirieren: Gespräche, Filme, die Tänzerinnen von Pigalle. Nur Mode finde ich nicht inspirierend. Ich weiß nicht, warum. Ich habe als junger Mensch nie ein Modemagazin gelesen. Ich empfinde meine Schuhe nicht als modisch. Ich weiß auch nicht, ob sie eher schön oder eher sexy sind. Ich glaube, es hängt viel davon ab, was eine Frau in ihnen sehen möchte. Frauen mit erotischer Ausstrahlung meinen, sie wirkten darin eleganter. Frauen, die Stil haben, fühlen sich darin sexy.

Wenn ich Schuhe entwerfe, habe ich nie eine bestimmte Frau vor Augen. Nur die Essenz einer Frau. Es gibt keinen Traum, den ich verfolge. Das Leben ist mein Traum. Und es soll so weitergehen. Ich bin sehr beeinflusst von der ägyptischen Religionslehre. Den alten Ägyptern graute es vor dem Chaos. Sie hatten Angst, die Sonne könnte eines Tages nicht mehr so aufgehen wie gewohnt. So geht es mir auch. Ich habe eine absolute Chaosphobie. Deswegen soll alles ganz genau so bleiben, wie es ist.

Mir fällt ein, dass ich mich an einen einzigen Traum doch erinnern kann, er ist aber lange her: Ich bin in meinem Appartement in Paris. Ich gehe zum Aufzug, fahre runter. Ich laufe die Straße entlang, durchquere eine Menschenmenge und gehe in eine Bäckerei. Ich kaufe ein Baguette, die Verkäuferin sagt: "Das macht 20 Franc." Ich erschrecke, weil es so teuer ist. Das kann nicht sein, denke ich. Dann wachte ich auf.

Aufgezeichnet von Tillmann Prüfer