Olympia Das Gold klebt auf dem Eis

In Vancouver ist es bei manchem Wettbewerb zu warm – und im traurigsten Moment zu kalt

Vom Siegestraum blieb den Deutschen Bronze: Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy

Vom Siegestraum blieb den Deutschen Bronze: Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy

Einer küsst es, ein anderer verflucht es. Manche rührt es zu Tränen, andere gehen darauf unter, ohne eingebrochen zu sein. Ein gnadenloser Stoff, der Raureif auf Lächeln legt und Gold in Blech verwandelt. Eine riesige, spiegelglatte Projektionsfläche für ein ganzes Land. Und einen hat es umgebracht, das Eis.

Bei diesen Spielen ist es nicht einfach gefrorenes Wasser. Es ist eine Wissenschaft für sich. Zum ersten Mal finden Winterspiele in einer Stadt auf Meereshöhe statt, wo die Luftfeuchtigkeit 80 Prozent beträgt. Trifft die feuchte Luft auf kaltes Eis, wird dessen Oberfläche stumpf und ist kaum wieder glatt zu bekommen – schlecht für Sportler.

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Minus 4,5 Grad misst das Eis im Pacific Coliseum, vergleichsweise warm, aber es reicht, um Aljona Sawtschenkos und Robin Szolkowys Traum vom Olympiasieg im Eiskunstlauf für wenigstens weitere vier Jahre kaltzustellen. Die beiden Deutschen sind die Favoriten und gewinnen doch nur Bronze. Mit Hingabe hatten in der Pause vor ihrer Kür noch acht dienstbare Geister, bewaffnet mit Plastikeimer und Suppenkelle, letzte Unebenheiten im spiegelglatten Tanzboden beseitigt. Robin Szolkowy stürzt trotzdem, in der Luft auf dem Weg zum Doppel-Axel spürt er, dass da was nicht stimmt, und den Rest des Abends kann man das Paar bei der schwersten aller Prüfungen beobachten: die Fassung zu wahren.

Mit leerem Blick starrt Aljona Sawtschenko in die allgegenwärtigen Bildschirme und sieht sich Aufzeichnungen ihres Scheiterns an; erst wenn sie diesen Kelch bis zum Grund austrinkt, verliert er vielleicht seine Bitterkeit. Und als sie ihre Tränen endlich heruntergewürgt hat, ist nur noch Müdigkeit in ihrem Gesicht.

Auch Chad Hedrick weint nicht. Dabei hat der amerikanische Eisschnellläufer gerade das letzte 5000-Meter-Rennen seiner Karriere verloren. Als einer der Favoriten ist er, der Olympiasieger von Turin, auf die minus neun Grad kalte Bahn im Richmond Olympic Oval gegangen, wo neueste Technik die Luftfeuchtigkeit auf unter 40 Prozent gedrückt hat. Langsam lässt er es angehen. Wer auf der langen Distanz zu früh zu schnell ist, wird auf dem knapp drei Zentimeter dicken Eis zum Schluss einbrechen, auch wenn darunter Beton liegt. Doch schon nach sechs, sieben Runden hängt Hedrick die Zunge aus dem Hals, blau wie bei einem Chow-Chow, am Ende wird er Elfter. »Das Eis war so klebrig!«, stöhnt er. »Ich hab noch versucht, meine Technik umzustellen und wie ein Inlineskater zu laufen, mehr Druck, weniger Gleiten.« Vergeblich. Derweil macht sich ein anderer auf den Weg, demselben Eis seinen Dank abzustatten.

Barfuß betritt Iwan Skobrew die Bahn, der Russe mit dem Schlittenhundeblick

Barfuß betritt Iwan Skobrew die Bahn, kniet nieder, küsst sie, schlurft auf seinen nackten Füßen, die von den eng geschnürten Schuhen noch ganz rot-weiß gestreift sind, weiter zum Rand der Zuschauertribüne, wo er Frau und Kind umarmt. Bronze hat der wilde Russe mit dem Schlittenhundeblick gewonnen, für ihn ein gefühlter Sieg. Gold geht an den Niederländer Sven Kramer, und das nicht nur, weil seine Landsleute mit der Blaskapelle Kleintje Pils angerückt sind, um ihm Beine zu machen. Er hält den Weltrekord, und in den vergangenen vier Jahren hat er auf dieser Strecke nur ein Mal verloren – gegen Hedrick. »Es hat mich umgebracht«, sagt er über das härteste Rennen seines Lebens. »Morgens war das Eis noch besser. Aber dann kamen die Zuschauer, und das Licht wurde heller gedreht.« Das heißt: Es wird wärmer – und langsamer. Aber mit seinen ewig langen Beinen kommt er trotzdem in weniger als 50 Schritten einmal um die Bahn, und nun können ihn wohl nur die defektanfälligen Eismaschinen in Richmond, die das Eis auch schon mal umpflügen, statt es glattzuziehen, daran hindern, auch die 10.000 Meter zu gewinnen.

Leser-Kommentare
  1. ...und den Autor den Grammatik?
    Hätte da aus Schulzeiten noch ein paar Lehrbücher, die ich der Redaktion zur Verfügung stellen könnte - falls es mit dem Lesen klappt.

  2. Wenn ich so etwas lese, kräuseln sich mir die Nackenhaare - da wird ein Leitmedium zum Leidmedium ...

    • Pemu68
    • 25.03.2010 um 17:19 Uhr

    Ein absolut grossartiger Artikel ueber die Winterolympiade in Vancouver! Wir leben seit 6 Jahren in Manitoba und fanden vor allem die Formulierung "...nur der eigene Hochmut wird Kanada um das Gold bringen..." einfach wunderbar. Vielleicht muss man hier als Nichtkanadier leben, um den Artikel von Chritof Siemens zu verstehen und zu schaetzen.

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