Kolumne Wörterbericht

Enttabuisiert

Ist etwas enttabuisiert, kann man endlich drüber sprechen. Sex vor der Ehe! Ehebruch! Qualvolles Schweigen wird zum Gegenstand der Konversation, wird zur Konvention. Das mag man zu Recht für einen Fortschritt halten, für das Schlüsselwort selbst ist diese Wortkonstruktion allerdings eine ausgesprochen qualvolle Angelegenheit: Tabu kommt vom französischen tabou und dieses wiederum aus der Südsee, vom uralten, polynesischen Wort tapu. Es bezeichnete einst geweihte, magische, ergo unberührbare Dinge. Doch nun zwingt man das Geheimnisvolle, Unaussprechliche im Zuge gesellschaftlicher Aufklärung zu Sandwichsex mit Präfix und Suffix: ent-tabu-isiert. Der schöne Klang zweier kraftvoller Silben ist dahin. Das Unberührbare, es kann nicht mehr tanzen. Daher würde ein Tabu, ginge es nach ihm selbst, lieber gleich gebrochen.

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    • Quelle DIE ZEIT, 18.02.2010 Nr. 08
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    • Schlagworte Recht | Ehe | Aufklärung
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