Kabarettist Solo vom Stammtisch

Vor zehn Jahren starb der Kabarettist Otto Grünmandl. In seinen Grotesken nahm er den politischen Stil von heute vorweg.

Das Jahr 2000 war kein gutes Jahr für Österreich. Es war das Jahr, in dem die extreme Rechte zu Regierungsehren kam, es war – Folge davon – das Jahr der EU-Sanktionen, und es war ein Jahr der toten Dichter. Als hätten sie resigniert vor den vorhersehbaren Folgen von Wolfgang Schüssels Machtspielen, starben die Lyriker Ernst Jandl und H. C. Artmann, es starb, gerade 45-jährig, der Popmusikkenner, Krimiautor und Erfinder der Kunstfigur Dr. Kurt Ostbahn, Günter Brödl, und ihnen voran ging am 3. März in seiner Tiroler Heimat der Lyriker, Erzähler, Hörspielautor und Kabarettist Otto Grünmandl.

In einem seiner Alpenländischen Interviews, die in den siebziger Jahren auf Ö3 gesendet wurden und überaus populär waren, so populär, dass von manchen auch Fernsehfassungen hergestellt wurden, trifft er, als würdiger Herr Hofrat, auf Theo Peer, seinen langjährigen kongenialen Partner und Darsteller des Interviewers in diesen Szenen, der, bevor er mit dem Interview beginnt, Wurst und Brot aus seiner Tasche nimmt und genussvoll zu essen beginnt. Nebenher, mit vollem Mund, wünscht er nun das Interview zu führen, was den Hofrat erwartungsgemäß empört. Als der sich aber beschwert, es gehe nicht an, dass der Reporter, während er ein Interview mache, esse, versichert dieser, mit vollem Mund und immer wieder von der Wurst abbeißend, der Hofrat müsse sich täuschen, er esse überhaupt nicht. »Aber Sie essen ja«, ruft Grünmandl aus, »ich riech’s ja doch. Der Käs, das riecht man doch! Selbst wenn ich’s nicht sehen und nicht hören würde, dann würd ich’s riechen!« Er erhält die lapidare Antwort: »Sie riechen etwas anderes. Ich sage Ihnen, fürs Erste sage ich Ihnen, dass ich nicht esse, das können Sie nicht beweisen, infolgedessen esse ich auch nicht.«

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Was die Regierung von der Aktion Billiger Christbaum lernte

Das ist, Anfang der siebziger Jahre, eine prophetische Szene. Präziser lässt sich die Sorte Politiker, die 2000 an die Macht gespült wurde, nicht beschreiben. Vor aller Augen und zum Schaden aller außer ihnen selbst tun sie, was sie tun, und behaupten zugleich, sie täten es nicht, und täten sie es doch, so hätten sie es doch nicht getan, weil man es ihnen nicht würde beweisen können.

Aber auch der Kanzler Schüssel selbst wurde von Otto Grünmandl in den Alpenländischen Interviews vorweggenommen. Als Geschäftsführer der AABC, der Alpenländischen Aktion Billiger Christbaum, wird er nicht müde, seine Idee zu loben, Christbäume am 25. Dezember umsonst abzugeben, um das Weihnachtsfest auch für ärmere Menschen erschwinglich zu machen. Von Peer befragt, ob das nicht eine Verlegung des Weihnachtsfestes zur Folge haben müsse, das doch gewöhnlich am 24. Dezember gefeiert werde, erklärt er, das wolle man keinesfalls, »am 24. ist der Heilige Abend. Daran ist nichts zu ändern.« Als der Interviewer nachstößt: »Welche Möglichkeiten sehen Sie dann, doch wenigstens andeutungsweise den Heiligen Abend so zu feiern, wie er bisher gefeiert wurde?«, erhält er die Antwort: »Am 25. sind die Christbäume umsonst zu haben. Und das ist doch eine unerhörte Chance. Damit kann man doch wirklich allen Menschen Gelegenheit geben, sich einen Christbaum anzuschaffen.«

Das ist jene Art des Antwortens oder besser Nichtantwortens, die Schüssel in der Ära seiner Kanzlerschaft perfektioniert hat, sodass man jederzeit darauf gefasst war, er würde, wie der Geschäftsführer der AABC, hinzufügen: »Unser Motto heißt: Tannenduft in jedes Zimmer, Weihnachtsglück und Kerzenschimmer.«

Otto Grünmandl wurde 1924 als drittes von vier Kindern in Hall in Tirol geboren. Sein Vater Alfred, mosaischen Bekenntnisses, ein Kind der Donaumonarchie aus Uherský Brod im heutigen Tschechien, war kurz nach der Jahrhundertwende zugewandert und gründete gemeinsam mit seinem Bruder 1907 in Hall ein Textilgeschäft, das, später von den beiden Söhnen weitergeführt, bis in die achtziger Jahre bestand. Seine Mutter Christine stammte aus Niederösterreich und war als Hausangestellte nach Tirol gekommen. Als nach dem Anschluss an Hitlerdeutschland die Judenverfolgung begann – Innsbruck zeichnete sich in der Nacht des Novemberpogroms durch besondere Brutalität aus –, wurde das Geschäft arisiert. Die älteste Tochter war bereits nach England emigriert, die jüngeren Geschwister sollten nachkommen. »I hope we will soon english speak«, schreibt ihr am 7. August 1939 ihr Bruder nach einem Crashkurs in englischer Sprache. » I expect every day a letter from Vienna with my visa and passport. You don’t make a idea how merre I will be, when there is the letter from Vienna.«

Aber es war zu spät, der Krieg brach aus, eine Flucht war nicht mehr möglich. Alfred Grünmandl wurde 1943 in das Nebenlager Reichenau in Innsbruck verbracht, wo er schwer erkrankte. Auf Fürsprache eines Bekannten vermutlich, eines Verwandten des Gauleiters, als todgeweiht entlassen, entging er, dank der Hilfe eines Hausarztes, der Familie und von anonymen Gemeindemitgliedern, dem Tod. Die Familie Grünmandl überlebte, es gab in Hall mehr Menschen, die halfen, als solche, denen an Vernichtung gelegen war, daher war es den Grünmandls, mit Ausnahme der ältesten Tochter, die nie mehr nach Österreich zurückkehrte, möglich, auch weiterhin dort zu leben. Otto Grünmandl spricht in seinen Texten selten über diese Zeit. In einer biografischen Notiz von 1973 heißt es: »1938 war ein böses Jahr, und die Jahre, die ihm folgten, waren noch schlimmer. Am Beispiel meines Vaters lernte ich in dieser Zeit die Würde eines geächteten Mannes kennen und an dem meiner Mutter die Tapferkeit einer ängstlichen Frau.«

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