Musikstadt Leipzig Überall Concert, überall Publicum
Komponisten, Dirigenten und Klavierfabriken: Wie Leipzig im 19. Jahrhundert Deutschlands Musikhauptstadt wurde.
© Hulton Archive/Getty Images

Die Musikstadt Leipzig auf einem Stich von J. C. A. Richter, um 1835
Hamburg hat Brahms und Düsseldorf Schumann, Bayreuth Wagner, Eutin Carl Maria von Weber, und Kassel hat Spohr. Köln rühmt sich seiner Söhne Jacques Offenbach und Max Bruch, Hannover hat Marschner, München Rheinberger und Max Reger. Leipzig aber – Leipzig hatte sie alle! All die großen Komponisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben hier studiert oder komponiert, gastiert oder referiert. Denn Leipzig war Deutschlands Musikhauptstadt, mehr noch, es war im 19. Jahrhundert neben Wien und Paris das musikalische Zentrum Europas.
Im Mittelpunkt stand und steht natürlich das Gewandhaus. Hier wurde Beethovens Tripelkonzert uraufgeführt und Schuberts C-Dur-Sinfonie, Brahms’ Violinkonzert und Bruckners Siebte. Bald 230 Jahre ist es nun alt: 1781 hatte sich die Stadt einen eigenen Konzertsaal im Messehaus der Tuchhändler geschaffen – der Name Gewandhaus erhielt sich.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam der Aufschwung. Leipzig begeisterte sich für Ludwig van Beethoven. Im Konzertwinter 1825/26 wurden nahezu alle seine Sinfonien gespielt, auch die gerade erst, 1824, vollendete Neunte . Es war der einzige Konzertzyklus zu Lebzeiten des Komponisten überhaupt. Doch die eigentliche Glanzzeit des Orchesters begann etwas später, 1835, als der 26-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy die Leitung übernahm.
Leipzig zählte damals etwa 45.000 Einwohner, seit dem Mittelalter gab es hier jährlich große Märkte und Messen. Die Stadt war Deutschlands Buchhandelsmetropole, Sitz zahlreicher Verlage; die Universität, 1409 gegründet, brachte Jugend nach Leipzig. 1839 wurde die Eisenbahnstrecke nach Dresden eröffnet – die erste Fernbahn auf dem europäischen Kontinent. Binnen zweier Jahrzehnte verband ein Schienennetz die stolze Bürgerstadt mit allen bedeutenden Märkten. Prächtige Häuser prägten das Bild. Es gab 78 Hotels und Gasthöfe, 31 Kaffeehäuser, 26Konditoreien, 31 Weinkeller und 289 sonstige Restaurationen. Nicht mitgezählt die zahlreichen dörflichen Ausflugslokale, die man auf Wald- und Wiesenwegen oder mit dem Stechkahn über Elster und Pleiße erreichen konnte.
In den Gärten wurde sommers Musik gemacht, und das durchaus anspruchsvoll. Die Freiluft-Darbietungen zählten zu den Vorbildern von Sir Henry Wood für seine erstmals 1895 in London veranstalteten Promenadenkonzerte, die bis heute so beliebten Proms. Überall in Leipzig war Musik. Mendelssohn schrieb kurz nach der Ankunft im September 1835 an seinen Vater, die Ouvertüre zum Sommernachtstraum werde »im großen Kuchengarten und früh bei den Brunnengästen von vollständigen Orchestern mit Saiteninstrumenten im Freien« aufgeführt. Und der Schriftsteller und Verleger Bartholf Senff notierte 1842 zu Leipzigs sommerlichem Musikvergnügen: »Überall Concert, und überall Publicum.«
Die Stadt wuchs rasch. Mitte des Jahrhunderts zählte sie 70.000 Einwohner, um 1900 lebten hier über 600.000 Menschen. Aus der größten Industriestadt Sachsens war die viertgrößte deutsche Großstadt geworden – nach Berlin, Hamburg und München. Besonders das grafische Gewerbe, der Maschinenbau, die Textil- und Chemieindustrie boomten.
Mendelssohn fühlte sich in Leipzig wohl; zahlreiche Briefe belegen das. »Daß ich […] eine große Vorliebe für Leipzig mehr als je empfinde«, schrieb er 1841, »kommt daher, weil da wirkliche Musik gemacht wird, Musik, die klingt.« Er hatte im Gewandhaus die Trennung zwischen Musikdirektor und Konzertmeister aufgehoben und den Taktstock eingeführt, was die Qualität des Orchesters außerordentlich verbesserte. Bisher hatte der Kapellmeister nur Vokalwerke dirigiert; Instrumentalwerke leitete der Konzertmeister (der Erste Geiger) von seinem Pult aus. Nun stand vor dem Orchester ein interpretierender Künstler.
- Datum 25.02.2010 - 13:55 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Ja, mein Leipzig lob ich mir...
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