Vermissen wird er die Bibliothek. Seinen Professor. Und natürlich Google . Wenn Chunqiu Li nach Peking zurückkehrt, wird es die Suchmaschine dort vermutlich nicht mehr geben. Vier Semester möchte Li noch in Mannheim bleiben, um seine Doktorarbeit in Linguistik zu schreiben. Dann muss er wieder gehen. In sein Land, das schlaue Köpfe dringend braucht und gleichzeitig kritische Wissenschaftler zum Tode verurteilt.

Seit zwei Jahren lebt Chunqiu Li in Deutschland. Seine Eltern haben ihren Sohn in seinem Wunsch bestärkt, hier zu promovieren. Wie viele Chinesen aus der Mittel- und Oberschicht erhoffen sie sich für ihren 29 Jahre alten Sohn bessere Chancen, wenn er einen Abschluss aus dem Ausland vorweisen kann. Li möchte Professor werden. Doch für Geisteswissenschaftler wie ihn sind die Arbeitsbedingungen in China schwierig.

Im Jahr 2007 saß Chunqiu Li zum letzten Mal als Masterstudent an der durchaus angesehenen Beijing Foreign Studies University in einer Bibliothek, die bis heute auf dem Stand der späten sechziger Jahre ist. Eine elektronische Zeitschriftenrecherche kannte er damals noch nicht, und Diskussionen in Seminaren sind in China auch unüblich. »In Deutschland bekommen Studierende die besten Noten für eigenständiges Denken, in meiner Heimat fürs Auswendiglernen«, sagt er.

Nicht nur das Internet und Bücher werden in China zensiert, auch das studentische Leben ist reglementiert. Die Universitäten dort seien wie eigene Städte, erzählt Li, es gebe Wohnheime auf dem Campus, Supermärkte, Fitnessstudios und Restaurants. Die Studenten hätten eigentlich keinen Grund, das Gelände zu verlassen, und das sei vom Staat auch so gewollt. »Der Gemeinschaftssinn soll durch die räumliche Nähe gefördert werden, dabei herrscht unter chinesischen Studierenden in Wirklichkeit viel mehr Konkurrenz als unter deutschen«, sagt Li. »Referate in Gruppen zu halten würde in China nicht so gut funktionieren. Jeder versucht, den anderen zu überflügeln.«

»Schade, dass die Deutschen ihr Studium verschulen«

Warum deutsche Kommilitonen gegen die Studienbedingungen demonstriert haben, versteht Chunqiu Li durchaus, aber er weiß auch, dass die Lehre und die Ausstattung der deutschen Universitäten im Vergleich zu vielen anderen Ländern erheblich besser sind. »Es ist schade, dass Studenten seit der Reform in ein verschultes System gepresst werden. Gerade die Freiheit, Kurse wählen und selbstständiger arbeiten zu können, war ein Vorteil deutscher Universitäten. Was ich hier lerne, wird mich trotzdem mein Leben lang begleiten«, sagt er und meint damit nicht nur Fachliches.

Rund 185.000 Bildungsausländer, die ihre Hochschulzugangsberechtigung woanders erworben haben, studieren in Deutschland, vor allem in Nordrhein Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern . Nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien ist Deutschland das drittwichtigste Zielland für angehende Akademiker aus aller Welt, die meisten kommen aus China, Polen und Bulgarien. Rund 25.000 chinesische Studierende sind nach einer Erhebung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ( DAAD ) an hiesigen Universitäten immatrikuliert – das sind mehr als viermal so viele wie im Jahr 1998.

Deutschland sei immer noch ein attraktiver Studienstandort, sagt Ulrich Heublein vom HIS. Doch seit ein paar Jahren stagnierten die Zahlen, die Zahl der Osteuropäer sei sogar rückläufig. »Dagegen sollten die Universitäten etwas unternehmen.«