Studieren im Ausland Neue Sprache, neues Land, neuer Pass

Sie gehen ins Ausland und kommen doch heim: Junge deutsche Juden sind in Israel keine einfachen Gaststudenten – sie können Staatsbürger werden

Uli Becker, 27, auf dem Gelände der Hebrew University in Jerusalem

Uli Becker, 27, auf dem Gelände der Hebrew University in Jerusalem

Als Uli Becker wieder einmal in das Flugzeug nach Israel steigt, ist seine Mutter enttäuscht. Atheistisch hatte sie ihn erzogen, so wie es ihrer sozialistischen Überzeugung entsprach. So etwas wie Gott brauchst du nicht, sagt sie, wenn du nur selber stark genug bist. Doch Uli fliegt. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es wird ein Abschied für immer sein.

Traurig war auch die Mutter von Itai Abelski, als der die Heimat verließ. Traurig wie jede Mutter, deren Sohn im Teenager-Alter für eine Zeit in ein anderes Land geht. Doch sie hatten diesen Schritt gemeinsam entschieden, damals, vor vier Jahren, die Eltern und der 16-jährige Junge mit dem schnellen Mundwerk. Er sollte Israel besser kennenlernen, das Land, das sie so oft bereist haben, das Land, in das die jüdische Familie zeitweise auswandern wollte. Itai ging auf ein Internat in Nordisrael. Er genoss das freie Leben, verbrachte den Sommer mit neuen Freunden am Strand, lernte Hebräisch und auch viel über seine Religion. Und eines Tages, als Itai seine Eltern in Düsseldorf besuchte, saß hinter seinem blonden Pony eine Kippa.

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Beide, Uli wie Itai, sind in Deutschland geboren. Als Gäste kamen sie nach Israel und entdeckten, dass dieses Land, und nur dieses Land ihre neue Heimat sein kann. Deshalb studieren sie jetzt hier. Jedes Jahr ergeht es einigen Dutzend deutschen Austauschstudenten ganz ähnlich. Doch der Weg, den Uli und Itai bis zu ihrer Erkenntnis gegangen sind, könnte kaum unterschiedlicher sein

Als Uli zum ersten Mal in Tel Aviv landete, kam er, der religionslose Deutsche, nicht als Sinnsuchender. »Das Einzige, was mich da mit dem Judentum verband, war, dass ich Kafka mochte«, sagt der heute 27-Jährige rückblickend und muss lachen. Nach dem Abitur wollte er seinen Zivildienst im Ausland ableisten, am liebsten in Frankreich. Es gab nur noch Plätze in Israel, Uli dachte nicht lange nach und schrieb sich ein. Es wurde ein tolles Jahr, Uli arbeitete tagsüber mit Behinderten und führte abends lange Gespräche mit israelischen Freunden. Und der junge Rostocker, der nur einmal in seinem Leben eine Kirche betreten hatte, fühlte sich plötzlich zu einer Religion hingezogen, dem Judentum. Zunächst will er sich das nicht eingestehen. Konvertieren sei ein Zeichen von Schwäche, sagte sich Uli, das machen nur Leute, die vor etwas davonlaufen wollen. So bin ich nicht.

Nach dem Gespräch mit einem Rabbi steht für Uli fest: Er will Jude werden

Uli kehrt zurück nach Deutschland, studiert in Berlin Philosophie und Altgriechisch. Er versucht sich zu »reintegrieren«, wie er sagt, doch das gelingt nicht. Uli fühlt sich entwurzelt. Die politischen Diskussionen mit Kommilitonen nerven, er muss Israel immer verteidigen. Seine Professoren nimmt er als eitle Gelehrte wahr, nicht als Persönlichkeiten. Als ihm ein Freund aus Israel eine Thora in deutscher Übersetzung schickt, beginnt Uli zu lesen. Und nach einem Gespräch mit einem Rabbi steht der Entschluss fest: Uli will Jude werden. Er fährt nach Jerusalem, absolviert den Kurs für Konvertiten. Er hat Fächer wie Beten oder Jüdische Geschichte, lernt, was koscher ist und was nicht. Nach zehn Monaten ist er zurück in Berlin und stellt zum zweiten Mal fest, dass er in Deutschland nicht leben kann. Meldet sich bei der Jewish Agency, der Organisation, die sich um die Einwanderung von Juden kümmert und jedes Jahr etwa hundert Bundesbürger in den jüdischen Staat bringt, und verabschiedet sich ein letztes Mal von seiner Mutter.

Bei Itai war der Weg ins neue Leben direkter. Vier Jahre nachdem er als 16-Jähriger mit geringen Hebräischkenntnissen ins Land kam, plaudert er lässig in einem Café in Tel Aviv mit dem Kellner. Aus dem Schüler von damals, der Heimweh hatte und dem nicht klar war, ob er nur ein paar Monate bleiben sollte, ist ein selbstsicherer junger Mann geworden. »Ich war schon immer direkt, hatte Chuzpe«, sagt er. Dieser Satz wird von Itais rheinischem Einschlag unterstrichen, aber auch von der israelischen Art, das Gesagte mit Gesten zu unterstützen. Wenn er mit der Rechten durch die Luft fährt, muss er sich mit der Linken zum Ausgleich am Tisch festhalten.

Leser-Kommentare
  1. Für die er vor mehreren Jahren schon nahezu als Anti-Semit beschimpft wurde. Nämlich dass die Juden ja ihr eigenes Land hätten. Das hatte er zu einem in Deutschland geborenen und lebenden Juden gesagt.
    Letzten Endes, so suggeriert es der Artikel, sind Juden Israelis und keine Deutschen, Franzosen, Russen oder US-Amerikaner.
    Das hört sich zu erst ganz nett an, wenn man das Leben in Israel (im Artikel natürlich unrepräsentativ schön dargestellt) interessant findet.
    Das ganze hat aber Probleme, wenn ein Jude in einem anderen Staat (auch) die Interessen dieses Landes vertreten soll. Das hat was mit Vertrauen zu tun.

    So will der Artikel vermitteln man könne alles haben. Aber das stimmt nicht. Wer sich nach etwas anderem orientiert hat sich automatisch selbst ausgegrenzt und gehört nicht mehr dazu.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Pencil
    • 01.03.2010 um 11:06 Uhr

    Ich finde gar nicht, dass der Artikel suggeriert, man könne alles haben. Warum haben die beiden denn noch ihren Pass? Natürlich ist er sehr beschönigend und zeigt mit der Wortwahl wie der "Aufstieg" oder mit der Passage über die Mutter, der mehr und mehr nach dem Tod entsprochen wird, doch eher eine Tendenz zum amerikanisch so bekannten Way of Life der meines Erachtens in eine philosophisch-religiöse Schiene gehört. Ich kann zwar persönlich nicht verstehen, wie er gewechselt hat (ich bin selber Atheist), aber es ist seine freie Entscheidung. Ich finde es doch sehr belustigend zu lesen, dass ein "Aufstieg" in Israel, die Konvertierung, anders dargestellt wird, als bei den Moslems in so manchen Texten, die ja tendenziell als die "bösen Terroristen" dargestellt werden.

    Es ist wohl die Frage, ob man als Fremder in einer Gruppe je vollständig integriert werden kann und dadurch sich in einer anderen Gruppe ausgrenzt oder in zwei Welten leben kann (da gibt es auch zwei unterschiedliche Ansichten zu, man nehme nur Alfred Schütz und Georg Simmel) oder ob man gar sich ausgrenzt und nie richtig integriert wird, also zwischen zwei Welten lebt. Letzteres gibt es mit Sicherheit.

    • eras
    • 01.03.2010 um 12:53 Uhr

    "Nämlich dass die Juden ja ihr eigenes Land hätten. Das hatte er zu einem in Deutschland geborenen und lebenden Juden gesagt."

    Wenn Ringstorff das tatsächlich so von sich gegeben hat, dann hat er Quatsch geredet.

    Israel ist zweifellos der einzige Staat, dessen Struktur teilweise auf der jüdischen Werteordnung aufbaut. Das heisst aber noch lange nicht, dass alle Juden zwangsläufig da leben müssen.

    Juden sind Israelis, wenn sie in den Staat Israel einwandern und dessen Staatsbürgerschaft annehmen - oder wenn sie da geboren werden. Alle anderen sind es nicht.

    Sonst müsste man ja auch alle Katholiken zur Einwanderung in den Vatikanstaat auffordern. Nur die Juden müssen sich ständig diesen Quatsch anhören...

    "Das ganze hat aber Probleme, wenn ein Jude in einem anderen Staat (auch) die Interessen dieses Landes vertreten soll. Das hat was mit Vertrauen zu tun."

    Wieso? Ich dachte eigentlich, wir wären ein pluralistisches Land, in dem man politische Ansichten solange frei äussern darf, wie sie nicht mit dem Grundgesetz in Konflikt geraten. Ich misstraue Ihnen doch auch nicht, nur weil sie im Atomkonflikt eher zur Verteidigung der iranischen Position neigen. Selbiges gilt für Katholiken im Hinblick auf deren teilweise etwas seltsame Ansichten. Ich dachte, die "geh doch nach drüben"-Mentalität hätten wir endlich mal hinter uns gelassen. War wohl ein Irrtum...

    Dieses Posting ist ein wirkliches interessantes Beispiel für jenes Wiederanwachsen des Antisemitismus, das allenthalben zu beobachten ist.
    Sehen wir uns die Geschichte mal kurz an:
    Bis 1933 gab es in Deutschland eine jüdische Gemeinde, die ca 600.000 Seelen zählte. Nach allem, was berichtet wird, handelte es sich um so ungefähr die bravste, angepassteste Gruppe, die man sich vorstellen kann, deren sehnlichster Wunsch darin bestand, in die - oftmals feindselige - Mehrheitsgesellschaft integriert zu werden. Im 1. WK haben deutsche Juden für ihr Vaterland n der Front gestanden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Judenzählung
    Ein nicht unerheblicher Teil der Mehrheitsgesellschaft hat auf die Juden mit einem dumpfen, gänzlich irrantionalen Hassgefühl reagiert, dem Antisemitismus, einer Art Geisteskrankheit, für die es anscheinend keine Heilung gibt.
    1933 ist in Deutschland eine Partei an die Macht gekommen, die in erheblichem Umfang ihre Beliebtheit in bestimmten Zirkeln diesem Hass verdankte. Für die NSDAP und ihre Führer konnten Juden keine "echten" Deutsche sein:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Nürnberger_Rassengesetze
    So heisst es in diesen "Gesetzen":
    "Reichsbürger ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, daß er gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen Volk und Reich zu dienen."

    Perfiderweise wollte man öffentliche Bekenntnisse der deutschen Juden zu ihrem Staat unterbinden:
    "Juden ist das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsfarben verboten."
    Im folgenden plante das Deutsche Reich durch seine Regierung die systematische Ermordung aller (!) Juden Europas:
    http://de.wikipedia.org/w...
    und führte diesen Plan etwa zur Hälfte durch, mittels Ermordung von ca 6 Millionen Mensche, darunter vielen Kindern. Zugleich wurden die Opfer beraubt und nicht wenige Deutsche haben sich an diesem Raub bereichert.
    Man könnte nun meinen, dass ein solches Verbrechen dazu führt, dass der Antisemitismus ein für allemal verschwindet. Nicht nur ist das erkennbar nicht passiert, vielmerh werden die gleichen (!) Vorurteilen widergekäut, so als hätte es die Nazis nicht gegeben.
    Neben der perversen Vorstellung, Juden würden die Welt beherrschen durch Medien, Banken, Universitäten, hat sich insbesondere die Vorstellung erhalten, dass Juden nicht "wirklich" Deutsche sein können. Der verehrte Mitforist schreibt hierzu: "Letzten Endes, so suggeriert es der Artikel, sind Juden Israelis und keine Deutschen, Franzosen, Russen oder US-Amerikaner." Das ist erkennbar nicht die Meinung des Artikels, sondern die des Lesers. Mit anderen Worten: die Nürnberger Rassegesetze hatten recht. Eine - Redaktion: bitte stehen lassen, es ist begründet! - Nazimeinung.
    Aber damit nicht genug. Ein echtes Schmankerl des Hasses und der Niedertracht ist auch dieses:

    "Das ganze hat aber Probleme, wenn ein Jude in einem anderen Staat (auch) die Interessen dieses Landes vertreten soll. Das hat was mit Vertrauen zu tun.

    So will der Artikel vermitteln man könne alles haben. Aber das stimmt nicht. Wer sich nach etwas anderem orientiert hat sich automatisch selbst ausgegrenzt und gehört nicht mehr dazu."

    Also zunächst einmal sei angemerkt, dass der Artikel sich mit einem 27 jährigen Studenten beschäftigt. Da die alte Nazi-Regeln "Du bist nicht, Dein Volk ist alles" abgeschafft ist zugunsten der Freiheit und Würde des Einzelnen (siehe GG....) ist es schon abwegig, von einem Bürger zu verlangen, er könne nicht in 2 Staaten gleichzeitig sich wohlfühlen - warum eigentlich nicht???
    Wenn wir dann wirklich über Leute reden, die "ihr Land vertreten": wie böse muss man eigentlich sein, generell (!) Juden dass Recht abzusprechen, für Deutschland, Frankreich, USA oder GB zu sprechen. Gibt es auch nur ein (!) Beispiel, wo sich ein jüdischer Politiker in der unterstellten Weise nicht voll (!) für sein Land Deutschland, sein Land Frankreich, etc.. eingesetzt hat? Waren Léon Blum, Pierre Mendès-France, René Cassin, Laurent Fabius, Dominique Straus-Kahn, Georges Mandel je etwas anderes als Menschen, die ernsthaft versuchten, für Frankreich das Beste zu erreichen? Hat Walter Rathenau (den der antisemitische Abschaum totschoss), Bernhard Weiss, Erik Blumenfeld, Hartmut Jahn, Weichmann: haben diese Menschen je etwas anderes getan, als Deutschland ehrlich zu

    zu dienen? Wie steht es mit Michael Howard, Leon Brittan, David Milliband in UK?

    Wie muss man hassen, wenn man so pauschal ganze Kategorien von Menschen abwertet und sie unter Generalverdacht stellt? Mich ekelt der Antisemitismus an, ich kann diese ganze Kritelei nicht mehr hören!!!

    • Pencil
    • 01.03.2010 um 11:06 Uhr

    Ich finde gar nicht, dass der Artikel suggeriert, man könne alles haben. Warum haben die beiden denn noch ihren Pass? Natürlich ist er sehr beschönigend und zeigt mit der Wortwahl wie der "Aufstieg" oder mit der Passage über die Mutter, der mehr und mehr nach dem Tod entsprochen wird, doch eher eine Tendenz zum amerikanisch so bekannten Way of Life der meines Erachtens in eine philosophisch-religiöse Schiene gehört. Ich kann zwar persönlich nicht verstehen, wie er gewechselt hat (ich bin selber Atheist), aber es ist seine freie Entscheidung. Ich finde es doch sehr belustigend zu lesen, dass ein "Aufstieg" in Israel, die Konvertierung, anders dargestellt wird, als bei den Moslems in so manchen Texten, die ja tendenziell als die "bösen Terroristen" dargestellt werden.

    Es ist wohl die Frage, ob man als Fremder in einer Gruppe je vollständig integriert werden kann und dadurch sich in einer anderen Gruppe ausgrenzt oder in zwei Welten leben kann (da gibt es auch zwei unterschiedliche Ansichten zu, man nehme nur Alfred Schütz und Georg Simmel) oder ob man gar sich ausgrenzt und nie richtig integriert wird, also zwischen zwei Welten lebt. Letzteres gibt es mit Sicherheit.

    • eras
    • 01.03.2010 um 12:53 Uhr

    "Nämlich dass die Juden ja ihr eigenes Land hätten. Das hatte er zu einem in Deutschland geborenen und lebenden Juden gesagt."

    Wenn Ringstorff das tatsächlich so von sich gegeben hat, dann hat er Quatsch geredet.

    Israel ist zweifellos der einzige Staat, dessen Struktur teilweise auf der jüdischen Werteordnung aufbaut. Das heisst aber noch lange nicht, dass alle Juden zwangsläufig da leben müssen.

    Juden sind Israelis, wenn sie in den Staat Israel einwandern und dessen Staatsbürgerschaft annehmen - oder wenn sie da geboren werden. Alle anderen sind es nicht.

    Sonst müsste man ja auch alle Katholiken zur Einwanderung in den Vatikanstaat auffordern. Nur die Juden müssen sich ständig diesen Quatsch anhören...

    "Das ganze hat aber Probleme, wenn ein Jude in einem anderen Staat (auch) die Interessen dieses Landes vertreten soll. Das hat was mit Vertrauen zu tun."

    Wieso? Ich dachte eigentlich, wir wären ein pluralistisches Land, in dem man politische Ansichten solange frei äussern darf, wie sie nicht mit dem Grundgesetz in Konflikt geraten. Ich misstraue Ihnen doch auch nicht, nur weil sie im Atomkonflikt eher zur Verteidigung der iranischen Position neigen. Selbiges gilt für Katholiken im Hinblick auf deren teilweise etwas seltsame Ansichten. Ich dachte, die "geh doch nach drüben"-Mentalität hätten wir endlich mal hinter uns gelassen. War wohl ein Irrtum...

    Dieses Posting ist ein wirkliches interessantes Beispiel für jenes Wiederanwachsen des Antisemitismus, das allenthalben zu beobachten ist.
    Sehen wir uns die Geschichte mal kurz an:
    Bis 1933 gab es in Deutschland eine jüdische Gemeinde, die ca 600.000 Seelen zählte. Nach allem, was berichtet wird, handelte es sich um so ungefähr die bravste, angepassteste Gruppe, die man sich vorstellen kann, deren sehnlichster Wunsch darin bestand, in die - oftmals feindselige - Mehrheitsgesellschaft integriert zu werden. Im 1. WK haben deutsche Juden für ihr Vaterland n der Front gestanden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Judenzählung
    Ein nicht unerheblicher Teil der Mehrheitsgesellschaft hat auf die Juden mit einem dumpfen, gänzlich irrantionalen Hassgefühl reagiert, dem Antisemitismus, einer Art Geisteskrankheit, für die es anscheinend keine Heilung gibt.
    1933 ist in Deutschland eine Partei an die Macht gekommen, die in erheblichem Umfang ihre Beliebtheit in bestimmten Zirkeln diesem Hass verdankte. Für die NSDAP und ihre Führer konnten Juden keine "echten" Deutsche sein:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Nürnberger_Rassengesetze
    So heisst es in diesen "Gesetzen":
    "Reichsbürger ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, daß er gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen Volk und Reich zu dienen."

    Perfiderweise wollte man öffentliche Bekenntnisse der deutschen Juden zu ihrem Staat unterbinden:
    "Juden ist das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsfarben verboten."
    Im folgenden plante das Deutsche Reich durch seine Regierung die systematische Ermordung aller (!) Juden Europas:
    http://de.wikipedia.org/w...
    und führte diesen Plan etwa zur Hälfte durch, mittels Ermordung von ca 6 Millionen Mensche, darunter vielen Kindern. Zugleich wurden die Opfer beraubt und nicht wenige Deutsche haben sich an diesem Raub bereichert.
    Man könnte nun meinen, dass ein solches Verbrechen dazu führt, dass der Antisemitismus ein für allemal verschwindet. Nicht nur ist das erkennbar nicht passiert, vielmerh werden die gleichen (!) Vorurteilen widergekäut, so als hätte es die Nazis nicht gegeben.
    Neben der perversen Vorstellung, Juden würden die Welt beherrschen durch Medien, Banken, Universitäten, hat sich insbesondere die Vorstellung erhalten, dass Juden nicht "wirklich" Deutsche sein können. Der verehrte Mitforist schreibt hierzu: "Letzten Endes, so suggeriert es der Artikel, sind Juden Israelis und keine Deutschen, Franzosen, Russen oder US-Amerikaner." Das ist erkennbar nicht die Meinung des Artikels, sondern die des Lesers. Mit anderen Worten: die Nürnberger Rassegesetze hatten recht. Eine - Redaktion: bitte stehen lassen, es ist begründet! - Nazimeinung.
    Aber damit nicht genug. Ein echtes Schmankerl des Hasses und der Niedertracht ist auch dieses:

    "Das ganze hat aber Probleme, wenn ein Jude in einem anderen Staat (auch) die Interessen dieses Landes vertreten soll. Das hat was mit Vertrauen zu tun.

    So will der Artikel vermitteln man könne alles haben. Aber das stimmt nicht. Wer sich nach etwas anderem orientiert hat sich automatisch selbst ausgegrenzt und gehört nicht mehr dazu."

    Also zunächst einmal sei angemerkt, dass der Artikel sich mit einem 27 jährigen Studenten beschäftigt. Da die alte Nazi-Regeln "Du bist nicht, Dein Volk ist alles" abgeschafft ist zugunsten der Freiheit und Würde des Einzelnen (siehe GG....) ist es schon abwegig, von einem Bürger zu verlangen, er könne nicht in 2 Staaten gleichzeitig sich wohlfühlen - warum eigentlich nicht???
    Wenn wir dann wirklich über Leute reden, die "ihr Land vertreten": wie böse muss man eigentlich sein, generell (!) Juden dass Recht abzusprechen, für Deutschland, Frankreich, USA oder GB zu sprechen. Gibt es auch nur ein (!) Beispiel, wo sich ein jüdischer Politiker in der unterstellten Weise nicht voll (!) für sein Land Deutschland, sein Land Frankreich, etc.. eingesetzt hat? Waren Léon Blum, Pierre Mendès-France, René Cassin, Laurent Fabius, Dominique Straus-Kahn, Georges Mandel je etwas anderes als Menschen, die ernsthaft versuchten, für Frankreich das Beste zu erreichen? Hat Walter Rathenau (den der antisemitische Abschaum totschoss), Bernhard Weiss, Erik Blumenfeld, Hartmut Jahn, Weichmann: haben diese Menschen je etwas anderes getan, als Deutschland ehrlich zu

    zu dienen? Wie steht es mit Michael Howard, Leon Brittan, David Milliband in UK?

    Wie muss man hassen, wenn man so pauschal ganze Kategorien von Menschen abwertet und sie unter Generalverdacht stellt? Mich ekelt der Antisemitismus an, ich kann diese ganze Kritelei nicht mehr hören!!!

    • Pencil
    • 01.03.2010 um 11:06 Uhr

    Ich finde gar nicht, dass der Artikel suggeriert, man könne alles haben. Warum haben die beiden denn noch ihren Pass? Natürlich ist er sehr beschönigend und zeigt mit der Wortwahl wie der "Aufstieg" oder mit der Passage über die Mutter, der mehr und mehr nach dem Tod entsprochen wird, doch eher eine Tendenz zum amerikanisch so bekannten Way of Life der meines Erachtens in eine philosophisch-religiöse Schiene gehört. Ich kann zwar persönlich nicht verstehen, wie er gewechselt hat (ich bin selber Atheist), aber es ist seine freie Entscheidung. Ich finde es doch sehr belustigend zu lesen, dass ein "Aufstieg" in Israel, die Konvertierung, anders dargestellt wird, als bei den Moslems in so manchen Texten, die ja tendenziell als die "bösen Terroristen" dargestellt werden.

    Es ist wohl die Frage, ob man als Fremder in einer Gruppe je vollständig integriert werden kann und dadurch sich in einer anderen Gruppe ausgrenzt oder in zwei Welten leben kann (da gibt es auch zwei unterschiedliche Ansichten zu, man nehme nur Alfred Schütz und Georg Simmel) oder ob man gar sich ausgrenzt und nie richtig integriert wird, also zwischen zwei Welten lebt. Letzteres gibt es mit Sicherheit.

    • eras
    • 01.03.2010 um 12:53 Uhr
    3. Bitte?

    "Nämlich dass die Juden ja ihr eigenes Land hätten. Das hatte er zu einem in Deutschland geborenen und lebenden Juden gesagt."

    Wenn Ringstorff das tatsächlich so von sich gegeben hat, dann hat er Quatsch geredet.

    Israel ist zweifellos der einzige Staat, dessen Struktur teilweise auf der jüdischen Werteordnung aufbaut. Das heisst aber noch lange nicht, dass alle Juden zwangsläufig da leben müssen.

    Juden sind Israelis, wenn sie in den Staat Israel einwandern und dessen Staatsbürgerschaft annehmen - oder wenn sie da geboren werden. Alle anderen sind es nicht.

    Sonst müsste man ja auch alle Katholiken zur Einwanderung in den Vatikanstaat auffordern. Nur die Juden müssen sich ständig diesen Quatsch anhören...

    "Das ganze hat aber Probleme, wenn ein Jude in einem anderen Staat (auch) die Interessen dieses Landes vertreten soll. Das hat was mit Vertrauen zu tun."

    Wieso? Ich dachte eigentlich, wir wären ein pluralistisches Land, in dem man politische Ansichten solange frei äussern darf, wie sie nicht mit dem Grundgesetz in Konflikt geraten. Ich misstraue Ihnen doch auch nicht, nur weil sie im Atomkonflikt eher zur Verteidigung der iranischen Position neigen. Selbiges gilt für Katholiken im Hinblick auf deren teilweise etwas seltsame Ansichten. Ich dachte, die "geh doch nach drüben"-Mentalität hätten wir endlich mal hinter uns gelassen. War wohl ein Irrtum...

    • Shams
    • 01.03.2010 um 18:35 Uhr

    Der Artikel bietet einen interessanten Einblick in die Thematik "Identitätssuche" und die Anziehungskraft, die Religionen ausüben. Bedauerlicherweise wird an keiner Stelle kritisch angemerkt, dass auf israelischem Staatsgebiet lebende Palästinenser, sogenannte "arabische Israelis" weiterhin als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, dass schätzungsweise 4,5 Millionen Flüchtlinge immer noch auf eine Rückkehr in ihre Heimat warten, während ein europäischer Atheist jüdischer Herkunft scheinbar problemlos eine Einbürgerung erfahren kann...

    • eras
    • 01.03.2010 um 19:42 Uhr

    "Bedauerlicherweise wird an keiner Stelle kritisch angemerkt, dass auf israelischem Staatsgebiet lebende Palästinenser, sogenannte "arabische Israelis" weiterhin als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, dass schätzungsweise 4,5 Millionen Flüchtlinge immer noch auf eine Rückkehr in ihre Heimat warten,..."

    Die Bezeichnung "arabische Israelis" ist weit näher an der Wahrheit als der 70erjahre-Kampfbegriff Palästinenser. Aber das nur nebenbei, denn auch sonst geht da bei ihnen Einiges durcheinander. Wenn die Araber in Israel Bürger zweiter Klasse sein sollen, dann sind sie in auf eigenem Gebiet und in den arabischen Nachbarländern solche dritter Klasse. Denn dort geht es ihnen deutlich schlechter. Wieso nur beschwert sich angesichts dieser Tatsache keiner über die Autonomiebehörde oder die Jordanier, fragt man sich.

    Als Araber in Israel kann man es übrigens zu einigem Wohlstand bringen. Ich empfehle eine Fahrt nach Abu Gosh nahe Jerusalem.

    Die Flüchtlinge sind darüber hinaus Folge von mehreren verlorenen Angriffskriegen. An deren Situation trägt die arabische Seite also eine erhebliche Mitschuld.

    Und überhaupt: Warum muss man in einem Artikel über zwei Einwanderer in Israel denn bitte den Nahostkonflikt einbinden? Wenn es um deutsche Einwanderer in den USA geht, klagt doch auch keiner über die fehlende Referenz zum Irakkrieg...

  2. Als ob es keine Rolle spielen würde, dass die einbürgerungswilligen Deutschen in Israel drei Jahre zwangsweise in die IDF müssen, um dort Palästinenser zu töten, oder zumindest Landraub und Freiheitsraub an Palästinensern zu protektionieren, um einen bekennend rassistischen Staat Israel bei der Ausübung von Völkerrectsverbrechen zu unterstützen, wird das hier ausgeblendet.

    Ist das nur unglaublich schlechter Journalismus, pathologische Verdrängung, oder Sympathie für Israelische Verbrechen an Palästinensern?

    • eras
    • 01.03.2010 um 21:33 Uhr

    "...bewarb sich an der renommierten Bezalel-Akademie um einen Studienplatz in Architektur und bekam ihn. Der Einberufungsbescheid zur israelischen Armee, der gerade gekommen war, wurde damit hinfällig."

    Mal abgesehen davon dass Hasstiraden von Menschen wie Herrn Kulut nur zu deutlich illustrieren, warum Israel leider auf eine schlagkräftige Armee angewiesen ist, muss man wohl feststellen, dass er den kritisierten Text nicht einmal gelesen hat.

  3. Dieses Posting ist ein wirkliches interessantes Beispiel für jenes Wiederanwachsen des Antisemitismus, das allenthalben zu beobachten ist.
    Sehen wir uns die Geschichte mal kurz an:
    Bis 1933 gab es in Deutschland eine jüdische Gemeinde, die ca 600.000 Seelen zählte. Nach allem, was berichtet wird, handelte es sich um so ungefähr die bravste, angepassteste Gruppe, die man sich vorstellen kann, deren sehnlichster Wunsch darin bestand, in die - oftmals feindselige - Mehrheitsgesellschaft integriert zu werden. Im 1. WK haben deutsche Juden für ihr Vaterland n der Front gestanden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Judenzählung
    Ein nicht unerheblicher Teil der Mehrheitsgesellschaft hat auf die Juden mit einem dumpfen, gänzlich irrantionalen Hassgefühl reagiert, dem Antisemitismus, einer Art Geisteskrankheit, für die es anscheinend keine Heilung gibt.
    1933 ist in Deutschland eine Partei an die Macht gekommen, die in erheblichem Umfang ihre Beliebtheit in bestimmten Zirkeln diesem Hass verdankte. Für die NSDAP und ihre Führer konnten Juden keine "echten" Deutsche sein:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Nürnberger_Rassengesetze
    So heisst es in diesen "Gesetzen":
    "Reichsbürger ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, daß er gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen Volk und Reich zu dienen."

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