Die Münchner Studentin Miriam Finkentey, 23, hat eine japanische Mutter und studiert für ein Auslandssemester an der Universität von Tokyo

Nein, er ist kein Aussteiger. Auf diese Feststellung legt Alexander Rothkopf Wert, und er mag es auch nicht, wenn man ihm die immergleichen Klischees an den Kopf wirft: Japan? Das sei doch nur etwas für ein paar kulturbeflissene Japanologen, die gern Schriftzeichen pinseln und mit Stäbchen essen. Von wegen, sagt Rothkopf, Diplomphysiker, Doktorand und Mitglied einer Forschergruppe an der Tokyoter Universität. »Was die Japaner hier machen, ist weltweite Spitze. Das Problem ist, dass viele Deutsche das nicht merken.«

Tatsächlich ist es ein seltsamer Widerspruch: Japans Hochschulen liegen im internationalen Vergleich weit vorn, Rothkopfs Uni zum Beispiel schafft es im viel beachteten Shanghai-Ranking unter die weltweiten Top 20 – vor die ETH Zürich , vor sämtliche französischen Grandes Écoles und vor die besten deutschen Hochschulen sowieso. Und doch gelten die Universitäten von Tokyo , Kyoto und Osaka hierzulande als exotisch – bestenfalls. Der Normalfall ist, dass die meisten deutschen Studenten noch nie von ihrer Existenz gehört haben. Gerade mal 300 von ihnen kommen jedes Jahr zum Studium hierher, dazu knapp 300 Nachwuchswissenschaftler und ein paar Dutzend Professoren. In die USA zieht es rund 30-mal so viele Deutsche – die meisten an weit schlechtere Universitäten als die japanischen. Doch die Sprach- und Kulturbarriere, so scheint es, reicht einfach zu hoch auf dem Weg nach Ostasien.

Englischsprachige Programme sollen die Ausländer anlocken

Das könnte sich bald ändern: Die japanische Regierung hat das Imageproblem ihrer Hochschulen erkannt und ein ehrgeiziges Programm aufgelegt. Mithilfe von »Global 30« soll die Zahl ausländischer Studenten in Japan innerhalb weniger Jahre verdreifacht werden – eine enorme Steigerung um 200.000 Köpfe, die sich, wenn überhaupt, nur über eine Vervielfachung der englischsprachigen Vorlesungen erreichen lässt. Bis zu 30 Universitäten im Land sollen darum in den nächsten Jahren in großem Maßstab ihre Studienprogramme internationalisieren. Bislang sind bei der Ausschreibung um die Programm-Millionen 13 Hochschulen ausgezeichnet worden für ihre Konzepte, darunter, kaum überraschend, auch Tokyo, Kyoto und Osaka. Das Kalkül der Japaner: Hochgebildete Einwanderer sollen die Lücke füllen, die der enorme Geburtenschwund unter Fachkräften und Akademikern reißt. Damit sich weniger vermögende Ausländer die mehrere Tausend Euro hohen Studiengebühren leisten können, hat die Regierung neue Stipendienprogramme angekündigt. Wobei es Deutschen mangels breiten Interesses schon bislang nicht sonderlich schwerfiel, finanzielle Hilfen zu bekommen.

Haben die Ausländer sich erst mal an die Hochschulen des Inselstaates getraut, entwickeln sich viele von ihnen zu noch größeren Fans der japanischen Lebensart, als sie es vor ihrer Ankunft ohnehin schon waren. Was nicht heißt, dass sie ihre Schwärmereien nicht gern mit einer Reihe von Kopfschüttel-Geschichten beginnen. Alexander Rothkopf zum Beispiel erzählt dann von seiner Zimmersuche. Ein Mietvertrag mit einem Ausländer? Ohne japanischen Bürgen unmöglich. Viele Wohnungsanzeigen sind sogar von Anfang an mit Zusätzen wie »Ausländer nicht zugelassen« versehen. Der Lebensstil der Ausländer sei ja »so anders«, heißt es zur Begründung. Manchmal ist der Weg hin zu einer weltoffenen Gesellschaft für Japan eben noch weit – und die Global-30-Initiative der Regierung umso mutiger angesichts einer aktuellen Ausländerquote von landesweit um die drei Prozent.