Schweiz Am Ende der Welt

Le Locle gilt als unattraktivste Stadt des Landes. Nirgendwo zahlt man so viel Steuern. Und wird auch noch von Kommunisten regiert. Ein Augenschein

Glücklich, wer noch das laute Knacken, dann das Schleifen hört. Ein Atemzug später donnert die Schneelawine herunter, um krachend auf dem Trottoir aufzuschlagen.

Hier oben in den Montagnes neuchâteloises dauern die Winter unendliche sechs Monate, sind schneereich und bitterkalt. Die Dächer ächzen unter der schweren Schneelast, am Straßenrand türmt sich der gefrorene Niederschlag meterhoch. Dass Menschen bei einsetzendem Tauwetter von Dachlawinen verletzt werden, kommt Gott sei Dank selten vor. Blechschäden gibt es schon eher. Und wenn es einen Franzosen trifft, umso besser, witzeln die Loclois. Jeden Morgen von fünf Uhr an quälen sich 25.000 Autos durch das Stadtzentrum in Richtung La Chaux-de-Fonds und abends wieder zurück. Das sind doppelt so viele Fahrzeuge, wie täglich durch den Gotthardtunnel fahren. Der Abgasgeruch und das Nageln der Dieselmotoren verraten die Pendler aus dem nahen Frankreich.

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Ohne die frontaliers und die vielen Zugewanderten könnte Le Locle den Laden dichtmachen: Auf 10.000 Einwohner kommen über 8000 Arbeitsplätze. Trotzdem macht die Blechlawine den Bewohnern enorm zu schaffen. Seit über 30 Jahren wartet das Uhrenmacher-Städtchen auf Hilfe aus Neuchâtel und Bern. Vergeblich. Der 100 Millionen Franken teure Stadttunnel komme frühestens in zehn Jahren, heißt es zwar im Hôtel de Ville, dem Rathaus. Aber nicht einmal das glaubt jemand. Le Locle befindet sich nicht im reichen Kanton Zug, der sich für seine verkehrsgeplagten Gemeinden problemlos Umfahrungen in der Höhe von einer halben Milliarde Franken leistet. »Das Hochtal liegt hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen«, sagt Ludwig Oechslin, Uhrenmacher und Leiter des Internationalen Uhrenmuseums in La Chaux-de-Fonds. Selbst für die unten in Neuchâtel ist hier oben la fin du monde, das Ende der Welt.

Inzwischen verlottert die historische Innenstadt weiter, Unesco-Weltkulturerbe hin oder her. Immerhin ist Wohnungsnot in Le Locle ein Fremdwort. In der Stadt signalisieren »À louer«- Schildchen freien Wohnraum. Wer sich aber die Mühe macht, an den rußgeschwärzten Bürgerhäusern aus dem 19. Jahrhundert entlangzulaufen, entdeckt die morbide Schönheit des Industriestädtchens. »Dr. E. Consolini, médecine interne, sur rendez-vous tél. 5 68 77« heißt es auf einem verwitterten Messingschild an der Rue Girardet. Die fünfstellige Telefonnummer stammt aus den fünfziger Jahren, aber die Arztpraxis ist noch in Betrieb. An der Rue Marie-Anne-Calame findet sich der charmant verstaubte Uhrenladen Montres et pendulettes Jean Roulet. Unter diesem Namen werden im Hinterzimmer Zeitanzeiger in Kleinstmengen hergestellt. Daneben steht die Ancienne Poste, ein grandios gespenstisches Gebäude, das von 1855 bis 1974 die Post beherbergte. Heute üben drinnen lokale Rockbands und Skateboarder ihre Kunststücke.

Längst Geschichte sind die Montres Angelus, sie wurden wie so viele einheimische Uhrenmarken in den siebziger Jahren Opfer der Quarzuhr. Doch das über hundert Jahre alte Fabrikgebäude der Manufaktur Stolz Frères steht immer noch. Einer Zitadelle gleich, thront es über Le Locle. Die langen Fensterfronten waren nötig, um genügend Lichteinfall für die Uhrenproduktion zu gewährleisten. In der reichen Deutschschweiz wären daraus längst Lifestyle-Lofts entstanden, hier dämmert das Jugendstilgebäude im Dornröschenschlaf.

Es ist eine verwunschene Welt, die aus den reichen Wirtschaftsräumen schon lange verschwunden ist. In der Deutschschweiz wird Lebensqualität mit niedrigen Steuern und Sozialabgaben, hoher Bautätigkeit, der Nähe zu Zürich sowie Seeblick gleichgesetzt. Kein Wunder, landet Le Locle in den Städterankings hiesiger Medien immer ganz am Schluss – so regelmäßig in der Bilanz oder unlängst auch in der Weltwoche . Zwischen dem Paradies und der Hölle liegen 808 Ränge: Feusisberg (1), Le Locle (809). Dank der »radikal reduzierten Steuersätze« hat das rechte Wochenblatt die Schwyzer Gemeinde zum »attraktivsten Ort der Schweiz« gekürt. So zahlt der Junior Trader auf der Höhenterrasse über dem Zürichsee gleich viel Gemeindesteuern wie der Primarlehrer in Le Locle. Und dies, obwohl er mit einem steuerbaren Einkommen von 150.000 Franken mehr als doppelt so viel verdient. 

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    • Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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