Absolventenfeier: Der Weiterbildungsmarkt boomt © China Photos/Getty Images

Nächsten September ist Schluss. Die Weiterbildungskurse an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) werden gestrichen. 50 Stellen gehen verloren, und es stirbt eine Stadtzürcher Bildungsinstitution. Seit 1896 hat die damalige Kunstgewerbeschule die Kurse geführt. Sie waren ein Brückenschlag: Kunst und Gestaltung sollten in der breiten Öffentlichkeit verankert werden. Doch in diesen Zeiten darf Töpfern, Holzwerken oder Aktzeichnen nicht mehr staatlich unterstützt werden. Der Kanton Zürich strich schrittweise seine 700.000-Franken-Subvention, und der kantonale Fachhochschulrat beschloss vor einem Jahr, solche Kurse müssen kostendeckend sein. Sonst drohe eine Wettbewerbsverzerrung, private Anbieter würden verdrängt.

Der Fall beleuchtet die Ökonomisierung und Institutionalisierung der Weiterbildung. Alles begann in Lissabon – 1996 sprachen dort die OECD-Bildungsminister: Völker, lernt, lebenslang! Und die Politiker begannen, unter dem Titel »Lifelong learning for all« einschlägige Strategien zu entwickeln. Vier Jahre später doppelten die EU-Minister in der »Lissabon-Agenda« mit derselben Forderung nach – seither lässt Brüssel jährlich eine Milliarde Euro für Weiterbildungsprogramme springen.

Die Grundidee dahinter: Wissen hat ein Ablaufdatum. In fünf bis zehn Jahren verflüchtigt sich die Hälfte des beruflichen Know-hows.

Lebenslang lernen für alle! Auch die Schweiz unterwarf sich dem Dogma. Von Mitte der neunziger Jahre an stampften die Hochschulen ein breites Kursangebot aus dem Boden, angefeuert durch 80 Millionen Franken an eidgenössischer Anschubfinanzierung. Für jede Fachrichtung gibt es ein »Certificate«, ein »Diploma« oder einen »Master of Advanced Studies« – sodass etwa eine Krankenschwester heute einen Master in »Pflegemanagement«, »Gerontologischer Pflege«, »Onkologischer Pflege«, »Palliativpflege«, »Wundpflege« oder »Patienten- und Familienedukation« ablegen kann.

Heute verwenden Herr und Frau Schweizer im Schnitt 52 Stunden pro Jahr für Weiterbildung, das lebenslange Lernen schuf einen 5,3-Milliarden-Franken-Markt. 2008 erteilten die Schweizer Hochschulen 1200 Personen ein Weiterbildungsdiplom. Die Ausweitung des Angebots hat einen Nebeneffekt: Studienabschlüsse mit beeindruckend klingenden Titeln werden käuflich. Denn wer verweigert das Diplom schon einem Kunden, der für einen Kurs mehrere Tausend Franken bezahlt?