Malerei Ein Licht, das uns erfasst
Keiner wird so bejubelt, keiner war so verhasst: Warum Caravaggio auch 400 Jahre nach seinem Tod die Menschen noch immer begeistert
© 1607/08, Öl auf Leinwand, 361 x 520 cm, La Valletta, Oratorio di San Giovanni Battista dei Cavalieri

Auf die Szene, in der Johannes der Täufer enthauptet wird, fällt gleißendes Licht von schräg oben - es ist Caravaggios Licht
Als Caravaggio mit 38 Jahren starb, von Häschern verfolgt, vom Fieber geschüttelt, da hatte er den Tod längst hinter sich. Gleich mehrfach war er gestorben, auf seinen Bildern. Hatte sich als Goliath gemalt, enthauptet, und als Medusa, geköpft. War in die Rolle der Erniedrigten geschlüpft, denn selbst als blutendes Opfer, das wusste er, würde er den Sieg davontragen. Würde sterbend leben, den Tod überwinden – in der Kunst.
400 Jahre ist es her, dass man Caravaggio begrub, 400 Jahre, in denen seine grandiosen Bilder nie müde wurden, den Ruhm dieses Künstlers zu mehren und von seinem gewittrigen Leben zu erzählen. Dass er seine Nebenbuhler verprügelte und einen Konkurrenten hinterhältig erstach, dass er sich in Spelunken herumtrieb, dass er trank, spielte und betrog, sich mit Gesindel umgab, sich einließ mit käuflichen Geliebten, weiblichen wie männlichen, dass er sie sogar malte, sie in seinen Bildern als Heilige auftreten ließ, halb nackt dazu, dass er dennoch von den Reichen und Mächtigen gefeiert wurde und seine Kunst zu Traumpreisen verkaufen konnte, dass dieser Malerheld am Ende eingekerkert wurde, dass er floh und auf der Flucht umkam, verarmt und einsam – von alldem, von diesem Erfolg über nachtschwarzem Abgrund, scheint seine Kunst erfüllt zu sein.
Das meiste hat sich mittlerweile als Legende erwiesen, da sind die Kunsthistoriker unerbittlich. So gut wie nichts haben sie von den tragisch-schönen Geniegeschichten übrig gelassen. Eifersüchtige Malerkollegen hatten sich die Lügen ausgedacht, nicht ahnend, wie sehr sie Caravaggio damit nützen würden. Erst der versuchte Rufmord machte aus ihm das verruchte, regellose, rasend großartige Malermonster, als das er schon seit Jahrhunderten bestaunt wird.
Auch jetzt wieder, in Rom, ist der Andrang erstaunlich. Vor ein paar Tagen hat das Gedenkjahr begonnen, unter großem Jubel und mit einer eher kleinen Ausstellung von zwei Dutzend Bildern. Viele davon sind auch sonst in den Kirchen und Museen Roms zu sehen, dennoch strömen die Menschen herbei, drängeln sich vor den wuchtigen Formaten, wollen erfasst werden von Caravaggios Licht.
Ein gleißendes Licht, oft unbarmherzig hart, das schräg von der Seite in die Bilder fällt und sie mehr verdunkelt, als dass es sie erhellte. Überall Schatten, undurchdringlich, und inmitten dieser Dunkelheit, wie aufgeschreckt, lauter blasse Gestalten. Vorbei ist’s mit dem milden Glühen eines Tizian, vergangen die kühle Idealität des Raffael – bei Caravaggio wird die Kunst von einer ungewohnten Dringlichkeit ergriffen. Und nie weiß man, ob auf seinen Bilderbühnen nicht schon im nächsten Moment das Licht ausgeht und alles vorbei ist. Wir schreiben das Jahr 1600, es herrscht die Gegenreformation. Alle Gewissheiten sind dahin.
Vielleicht auch deshalb wirkt Caravaggios Kunst bei aller stürmischen Dramatik durchaus zurückgezogen. Oft fehlt den Bildern der Himmel, es fehlt die Landschaft, alles fehlt, was ablenken könnte vom Hier und Jetzt. Es sind Bilder ohne Aussicht und ohne Raum, sie sind in sich gefangen – und wir mit ihnen. Denn wenn sie sich öffnen, dann zum Betrachter, sie drängen sich ihm geradezu auf. Die Hand des toten Christus, der zu Grabe getragen wird – hängt sie nicht hinüber in den Museumsraum? Das Blut des Goliath-Schädels – bespritzt es gleich unsere Schuhe? Und Matthäus, der gerade kniend auf seinem Schreibschemel herumkippelt – wundert sich jemand, wenn er gleich mit großem Getöse aus seinem Bild stürzt?
Wie kein anderer Künstler seiner Zeit brüskiert Caravaggio jedes innige Bedürfnis nach Transzendenz. Er verweltlicht das Überweltliche, nimmt uns hinein in seine Geschichten, macht uns zu Komplizen. Da sitzen drei zusammen und spielen Karten, und wir sitzen mit am Tisch. Sehen, wie der eine von den beiden anderen ausgetrickst wird, wie sie ihm heimlich über die Schulter schauen und sich Zeichen geben. Genau wie wir den beiden über die Schultern schauen – und wie uns Caravaggio über die Schulter schaut, wohl wissend, wie gerne wir uns von seinen malerischen Tricks täuschen lassen.
- Datum 05.03.2010 - 16:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Man muss nicht alles mögen. Man kann nicht alles wissen. Man sollte nicht zu vieles auf sich selbst beziehen. Frau auch.
Ich sch...... auf solch überhebliches Gefasel.
Doppelnamentantengewirr.
:o)
Angesichts dieser Überheblichkeit neige ich dazu, mich dem Kommentar von eimerweise in Gänze anzuschließen. Basta.
kann mich "eimerweise" und "Kunstdirektor" nur allzu gern anschliessen, ach ja der seeeehr(t)-irrrre(t) Kommentar der Madame Dorothee, mag Caravaggios Bilder nicht? Klappe und "Thee" trinken, frau Doro. Vielleicht heilt sich das.
Aber, vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt; Sie setzen gleich zum Schlussdreisprung an.
Um Ihre hochnäsig wirkende Frage nach dem Interesse anderer Kommentatoren an der Malerei mit einer Gegenfrage zu beantworten: Können Sie sich vorstellen, dass andere mehr von Maltechniken, Farben, Anatomie und Perspektive verstehen, vielleicht sogar selber malen - ohne damit zu prahlen?
Der Artikel von Herr Rauterberg ist sehr gut. Mithin ist die Rubrik Kunst immer noch eine der lesenswertesten Sparten in der Zeit.
ein sehr gut geschriebener Artikel,
so hat seit Doris Schmidt kaum jemand über Kunst geschrieben.
Bravo,
voller Hochachtung
Albinz
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