Als es endlich dämmert, kann Kaukas Himmelfahrt beginnen. Ein roter Teppich spannt sich von der Straße bis zum Rohbau, Sekt ist eingeschenkt, Scheinwerfer flammen auf. Langsam rollt ein schwarzer Mercedes SLK über den Gehsteig ins Haus, in einen hell erleuchteten Autolift hinein. Ein leises Klicken, ein Surren, und der Wagen schwebt hinauf in den fünften Stock, in den Himmel über Berlin-Kreuzberg, wo an die hundert Männer in dunklen Anzügen und Frauen in Cocktailkleidern applaudieren. Der Beifall gilt Johannes Kauka, dem Bauherrn. Das sogenannte Carloft war seine Idee: Der Mann auf dem Sofa, sein Auto auf der Loggia, getrennt nur durch ein Panoramafenster, sollen hier oben sicher sein vor dem Alltag dort unten. Kaukas Premierengäste sind Freunde, Bekannte, Geschäftsleute. Einige haben eines der Lofts gekauft, auch Herbert Grönemeyer soll sich für eine Wohnung interessieren. Die Abendgesellschaft prostet sich zu, zwischen futuristischen Leuchtmöbeln spielt eine Saxofonistin schwungvollen Jazz. Johannes Kauka könnte glücklicher nicht sein.

Aus dem fünften Stock kann er nicht sehen, was sich unten tut, auf der Reichenberger Straße, zwischen deren Altbauten sein Carloft weiß und kalt wie ein Kühlschrank wirkt. An die hundert Menschen haben sich vor dem Haus versammelt, sie tragen Turnschuhe und halten ihre Fahrräder fest. Das alternative Publikum eines alternativen Stadtviertels. »Bonzenschweine!«, ruft einer hinauf. »Keine Luxuslofts in Kreuzberg

Kauka nimmt sein Handy und tippt eine Nummer ein. Ein paar Minuten später rücken 120 Polizisten in die Straße ein. Es sieht nicht aus, als gehe es um eine kleine Auseinandersetzung. Hier tobt ein Kulturkampf. Oben ist Kauka, der den Wohlhabenden ein ruhiges Refugium mitten in der rauen Großstadt baut. Unten ist die raue Großstadt, die ihm keine Ruhe gönnen will.

Wenige Tage später fliegen Farbbeutel und Steine. Kurz darauf zerschlagen zwanzig Vermummte zwölf Scheiben. In der Tiefgarage des Nachbarhauses explodiert eine Gasflasche. Erneut werden Gehwegplatten in eine Scheibe des Carlofts geschleudert. Seitdem bewachen Sicherheitsleute von einem Container aus das Haus. Kameras beobachten die Straße. Der Kulturkampf der Lebensstile hat sein Schlachtfeld gefunden an einer Berliner Straßenecke, doch wer ist Angreifer und wer Verteidiger? Kauka hat sein Loft wie einen Stachel ins Fleisch des Viertels getrieben. Und das Viertel antwortet mit Gewalt.

Ein halbes Jahr später, an einem Wintertag 2009, sitzt Kauka auf einer schwarzen Ledercouch in einem der hellen, warmen Carlofts und isst Butterplätzchen. Auf der Loggia parkt ein dunkelgrauer Mini, einer mit Elektromotor. Es ist die Musterwohnung, in der der Bauherr seine Kunden empfängt. Kauka ist 43 Jahre alt, er trägt bequeme Gesundheitsschuhe, einen unauffälligen Anzug, eine einfache Uhr; sein Gesicht wirkt weich. Durch die Decke ist lautes Hämmern zu hören. Der Designer, der die Wohnung im dritten Stock gekauft hat, lässt sie gerade nach seinen Vorstellungen umbauen. Im ersten Stock lebt eine israelische Unternehmerfamilie. Vier weitere Wohnungen sind verkauft. Kaukas Haus ist fertig, in der offenen Küche steht frisch gebrühter Kaffee, an den Wänden lehnen großformatige Bilder. »Ist das nicht toll?«, fragt Kauka und zeigt auf das Auto vor dem Fenster wie ein Kind auf sein neues Spielzeug. »Das ist die Zukunft! Das ist der Traum vom Einfamilienhaus in der Stadt. Komfort und Sicherheit. Man hat alle Vorzüge der Großstadt und keinen ihrer Nachteile.« Ein junger kolumbianischer Praktikant bringt Kaffee. »Danke, Herr Ocampo«, sagt Kauka und lächelt milde.

Kreuzberg, der Stadtteil jenseits der Panoramafenster, ist der am dichtesten besiedelte Bezirk Berlins. Der Ausländeranteil hier ist mit 23 Prozent der zweithöchste der Stadt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 17 Prozent, das Nettoeinkommen pro Erwerbstätigem bei 800 Euro. In einigen Quartieren leben mehr als 70 Prozent der Kinder von Hartz IV, es gibt große Probleme mit Drogen, nirgends in der Stadt ist die Lebenserwartung niedriger. Das da draußen ist ein Krisengebiet, so sieht Kauka Kreuzberg. Er sieht aber auch, dass das Paul-Linke-Ufer hier einer der schönsten Orte der Hauptstadt ist. Anwohner spielen am Wasser Boule, die Menschen sitzen mit Büchern in den Cafés. Warum, fragt sich Kauka, soll das für Menschen mit 500.000 Euro Jahreseinkommen fremdes Gelände bleiben? Warum sollen sie sich im reichen Zehlendorf hinter Hecken verstecken?

Kauka wirkt entspannt an diesem Tag. Seit Monaten gab es keine Anschläge mehr. »Ich hatte ein gutes Gespräch mit Innensenator Körting«, sagt er. »Ich habe ihm gesagt, wir haben hier ein Problem. Und Körting hat mir versichert: Wir lassen Sie dabei nicht alleine.« Seitdem laufen Polizisten mit Hunden um sein Carloft.

Aber vielleicht kaschiert diese gute Nachricht nur eine schlechte. Je sichtbarer die Sicherheitsvorkehrungen für Kaukas Haus, desto größer die Wut seiner Gegner. Und je größer die Wut seiner Gegner, desto größer die nächsten Sicherheitsvorkehrungen, was die Gegner wieder als Provokation empfinden. Kauka muss nur die Polizeiberichte lesen. 

22. Oktober: Anschlag gegen die X-Berg-Lofts in Kreuzberg mit einem Gaskartuschen-Brandsatz.
24. Oktober: In Friedrichshain brennt ein BMW.
25. Oktober: In Pankow gehen ein Porsche, ein BMW und ein Mercedes in Flammen auf.
27. Oktober: Ein BMW brennt in Kreuzberg.
29. Oktober: Ein Geländewagen brennt in Pankow.
7. November: In Kreuzberg brennt ein Mercedes.
12. November: Ein Mercedes brennt in Pankow, in Friedrichshain ein Alfa Romeo.
18. November: Ein Auto brennt in Berlin-Mitte.
22. November: Zwei Geländewagen brennen in Charlottenburg.
23. November: Anschlag auf einen Neubau in Mitte.

So geht es weiter, fast Tag für Tag. Doch vielleicht wohnt diesen schlechten Nachrichten auch wieder eine gute für Johannes Kauka inne. Denn es gibt keinen besseren Schutz davor als – ein Carloft.

Als Sebastian Wenger* von seinem Hochbett steigt, ist es kurz nach neun Uhr morgens. Wenger wohnt nur wenige Straßen von Kaukas Carloft entfernt. Hinterhof, Seitenflügel, 28 Quadratmeter, unsaniert, 250 Euro Miete. Unter seinem Bett trocknet Wäsche. Die Wohnung hat er vor fünf Jahren von einem Freund übernommen. Wenger ist 43 Jahre alt, wie Kauka, nie zuvor hatte er lange allein gewohnt, aber irgendwie schien es nach Jahren in Wohngemeinschaften und besetzten Häusern an der Zeit. Die Fenster seiner Wohnung sind milchig, die Küchenschränke tragen Trauerränder aus Schmutz. »Ich könnte mal wieder sauber machen«, sagt er.

Wenger ist kleiner als Kauka, aber er wirkt härter, wendiger. Seit Jahren macht er Kampfsport. Früher ist Wenger viel gereist, »Startbahn West, Wackersdorf, Hafenstraße, Genua, Heiligendamm« – Wenger zählt seine Demonstrationen auf wie andere Leute ihre Arbeitgeber. An den Wänden seiner Wohnung hängen Plakate gegen Krieg, gegen Kapitalismus, gegen die Bundeswehr und gegen Nazis. Im Bücherregal liegen die Bücher mit Titeln wie Global Brutal und Schwarzbuch Marken. Auch wenn Wenger gedanklich einmal abschweifen sollte, die Wände seiner Wohnung bringen ihm die Probleme dieser Welt schnell wieder vor Augen.

Ein Teil dieses Problems sind Leute wie Kauka.