Die ZEIT: Herr Holm, die Aufwertung eines Stadtteils wird von Gentrifizierungsgegnern immer negativ gesehen. Warum eigentlich?

Andrej Holm: Weil Aufwertung eine ambivalente Sache ist. Zum einen ist es die Erneuerung von Bausubstanz, Ladenräume werden wieder für Gewerbe genutzt, Wohnungen saniert. Problematisch sind die sozialen Effekte: Die Verbesserung der Lebensqualität geht meist mit steigenden Kosten einher. Für sozial Benachteiligte bedeutet das oft, aus diesen Vierteln wegziehen zu müssen.

ZEIT: Deshalb akzeptiert man lieber sozial schwache Viertel?

Holm: Nein, Verdrängung oder Verslumung sind nicht die einzigen Optionen. Man muss Möglichkeiten finden, wie eine Aufwertung auch ohne massenhaften Fortzug sozial Benachteiligter stattfinden kann. In den achtziger Jahren hat das mit einer behutsamen Stadterneuerung in Kreuzberg ganz gut funktioniert. Dort wurde eine heruntergekommene Bausubstanz erneuert, ohne dass es zu einem Austausch der Bewohner kam. Die Stadt förderte fast alle Modernisierungen und sicherte damit langfristig gebundene Mietpreise. Das soziale Milieu in Kreuzberg hat dadurch bis heute eine hohe Stabilität. Jetzt läuft die Förderbindung in vielen Häusern aus, und enorme Mietsteigerungen werden befürchtet.

ZEIT: Behutsame Stadterneuerung ist teuer.

Holm: Für die öffentliche Hand war sie teuer, ja. Aber ob sie für die Kommunen tatsächlich kostspieliger war als soziale Folgekosten, erhöhte Wohngeldzahlungen und das Geld, das jetzt für Quartiersmanagement ausgegeben wird, kann ich nicht sagen. Es ist eine politische Entscheidung: Mache ich eine sozial ausgleichende Politik, oder setze ich auf eine Wettbewerbslogik, die eher jene Steuerzahler und Unternehmen umwirbt, die den kommunalen Haushalt wieder aufpäppeln sollen?

ZEIT: In einem Bericht der Investitionsbank Berlin steht, dass sich die soziale Entmischung Berliner Wohnviertel enorm verschärft habe. Wann hat diese Entwicklung begonnen?

Holm: Um die Jahrtausendwende. Damals wurden Förderprogramme für sozialen Wohnungsbau eingestellt, und die Praxis der Mietobergrenzen wurde gerichtlich unterbunden. Hinzu kam eine verstärkte Privatisierung kommunaler Wohnungen. Wenn man sich den Berliner Haushalt ansieht, gab es sicher Gründe, die Förderprogramme einzustellen. Was man dem Senat aber vorwerfen kann, ist die Unfähigkeit oder der fehlende Wille, über neue Instrumente nachzudenken.

ZEIT: Sie waren damals – als Forscher und Betroffener – am Protest gegen Sanierungsmaßnahmen im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg beteiligt. Wo waren Sie erfolgreich?

Holm: Auf der Mikroebene haben wir es manchmal geschafft, Verlängerungen der Mietobergrenzen um zwei Jahre durchzusetzen oder zweckentfremdete Gebäude wieder einer Wohnnutzung zuzuführen. Wenn man aber sieht, dass 80 Prozent der Menschen, die damals sagten, sie wollten in Prenzlauer Berg wohnen bleiben, heute nicht mehr dort leben, waren wir nicht erfolgreich. 

ZEIT: Welche Stadt in Europa halten Sie für ein abschreckendes Beispiel für Stadtentwicklung? Und welche für ein gelungenes?

Holm: Obwohl Paris eine schöne Stadt für Touristen ist, ist es aus sozialer Perspektive eines der abschreckendsten Beispiele. Mit einer klaren Abgrenzung zwischen denjenigen, die die Preise in der Innenstadt bezahlen können – und denen, die an den Rändern leben müssen, in den Banlieues. Als positives Beispiel kann man Wien nennen. Wien hat eine der geringsten Segregationsquoten in Europa. Es gibt dort einen ausgeprägten öffentlichen Wohnungsbau, einen großen Anteil an geförderten Wohnungen und eine gute öffentliche Infrastruktur. Sanierungsmaßnahmen werden ganz bewusst in Vierteln initiiert, die vom privaten Markt als nicht so attraktiv eingeschätzt werden. Um nicht noch mit staatlichen Geldern private Aufwertungsprozesse zu verstärken.

Die Fragen stellte Kerstin Kohlenberg