1. Darf das Baby mit zur Party?

Ein Wunsch der neuen, großstädtischen Elterngeneration: trotz eines Kindes, das man sich sehnlichst gewünscht hat, möge das Leben, das man vorher hatte, ähnlich weitergehen. Eine Mutter und ein Vater, die schon »vorher« kulturinteressiert waren, wollen auch »nachher« noch ins Theater, ins Kino, zum Konzert. Aber tatsächlich teilt sich das Leben mit der Geburt in ein Vorher und in ein Nachher – anders ausgedrückt: Man gibt etwas ab, und dafür bekommt man etwas anderes. Alles in allem ein guter Deal. Und natürlich kann man, wenn man Kinder hat, auf eine Party gehen und feiern und trinken. Und das Baby bleibt da, wo es hingehört, nämlich zu Hause, im Bett. Denn eine Party ist Erwachsenenvergnügen – Babys macht so etwas eher wenig Spaß, man hört selten von sieben Monate alten Mädchen, die um 23 Uhr in der Küche des Gastgebers angeregt diskutieren. Man hört auch selten von Eltern, die einen entspannten Partyabend verbringen, während ihr Kind im Schlafzimmer zwischen Jacken und Mänteln der Gäste schläft – tatsächlich verdirbt man auch allen anderen Gästen den Abend, wenn man sich über Zigarettenrauch und Lautstärke aufregt.

Es gibt gute Orte für Babys – und es gibt schlechte Orte für Babys. Eine Party ist kein guter Ort. Matthias Kalle

2. Wie schick soll mein Kind gekleidet sein?

In dieser Frage habe ich dazugelernt. Aber es brauchte, zugegeben, eine Weile. Auf dem ersten Bild, das ich von meinem Sohn verschickte, liegt er auf einer FAZ, ist kleiner als eine halbe Zeitungsseite und trägt einen hellblauen Strampler von Petit Bateau. In seinen ersten Lebensmonaten hätte er in einem Werbespot der französischen Marke auftreten können. Jeden Tag, rund um die Uhr, trug er die Sachen mit dem blauen Boot. Heute, mehr als zwei Jahre später, ist es mir fast peinlich, wenn jemand bemerkt, dass sein Schal – ein ausrangierter von mir – von apc stammt. Ich meide die teuren Kinderläden in Prenzlauer Berg, gehe allenfalls zum Schlussverkauf dorthin und kaufe sonst lieber im Kaufhaus oder bei H&M. Ich genieße die Beiläufigkeit, die in dieser Handlung liegt. Ich will meinen Sohn nicht länger ausstaffieren. Und damit letztlich: das Kind in seiner Bewegungsfreiheit einengen. Ich achte nicht mehr darauf, was er anhat, wenn Eis an seinem Pullover hinunterläuft oder er sich auf dem Spielplatz in den Matsch wirft. Das ist mir zu anstrengend. Ich bin in der Normalität angekommen, die mich auf die Inszenierungen der ersten Zeit wie auf die gestellten Bilder meiner Konfirmation blicken lässt. Eine Normalität, die den Kindern Freiheit gibt. Jana Hensel

3. Darf man bei einem Sandkastenstreit Partei für das eigene Kind ergreifen?

Gegenfrage: Warum stellt sich diese Frage überhaupt?

Die Antwort glaube ich zu kennen, seitdem ich ein paarmal zu oft die tiefe Enttäuschung in den Augen meiner Kinder gesehen habe, das Erschrecken über ihren Vater, der sich mit Betreten des Spielplatzes in einen unsolidarischen, unberechenbaren Fremden verwandelt zu haben schien: Denn der Sandkasten ist längst nicht mehr nur Spielplatz für die Kinder, er ist zur Bühne ihrer Eltern geworden, einer Bühne, auf der sie ihre Erziehungsideale aufführen. Zuvorkommend sein. Zurückhaltend bleiben. Alles mit Worten lösen. Was dazu führte, dass ich mich irgendwann Sätze sagen hörte wie »Lass das Mädchen doch ruhig mal dein Laufrad ausprobieren«, kombiniert mit einem »Du kannst dem Jungen doch nicht einfach seinen Bagger wegnehmen«, ehe ich mein Kind nach ungefähr einer Minute von der Schaukel holte, um Platz zu machen für das nächste, das dann bis zur Dämmerung drauf sitzen blieb.

Am Ende war es immer so, dass die Egoistenkinder der Egoisteneltern mit einer super Schaukelbilanz nach Hause gingen – wo meine eigenen Kinder lieber geblieben wären, anstatt wegen ihres Vaters, dem es um Gerechtigkeit ging, den Glauben an die Gerechtigkeit zu verlieren.

Das ging so weiter, bis ich einmal Zeuge der jähen Attacke eines Jungen auf ein Mädchen wurde: Gezerre, Gerempel, dann lag sie im Sand. Der Vater des Mädchens packte den Burschen, hob ihn auf Augenhöhe, zischte ihm ein »Du spinnst wohl!« entgegen und stellte ihn drei Meter weiter im Sand ab – vor den Augen von dessen Eltern.

Kein »Na, was macht ihr denn da?«, kein »Wer von euch beiden hat denn angefangen?«. Ein kurzer, klarer war on terror.

Das hat mir imponiert.

Seitdem sage ich, schon bevor es dunkel wird, fremden Kindern auf der Schaukel manchmal: »Du, ich glaube, jetzt ist mein Sohn noch mal dran.« Henning Sußebach

4. Darf ich meinem Kind Prinzessin Lillifee verbieten?

Ja, ich darf nicht nur, ich sollte sogar. Unbedingt. Sicher, kleine Mädchen lieben Rosa. Aber das bedeutet nicht, dass Erwachsene dem ihr eigenes ästhetisches Empfinden unterordnen müssen. Man muss wissen: Die kleine, niedliche zuckerrosa Prinzessin Lillifee ist eine Diktatorin, und ihr Anspruch ist absolut. Wenn ein Mädchen das Lillifee-Schminkköfferchen bekommen hat, wird es auch die Lillifee-Brotdose haben wollen und dann das Lillifee-Geschirr und dann den Lillifee-Schulranzen. Es gibt alles von Lillifee, ihr Anspruch ist grenzenlos. Und ehe man sich versieht, ist man Untertan in Lillifees rosarotem Reich, Sklave eines Merchandising-Artikels.

Kinder bekommen vieles in die Wiege gelegt, guten Geschmack nicht. Eltern können gar nicht früh genug damit anfangen, ihn ihren Kindern beizubringen. Tillmann Prüfer

5. Darf Papa auf dem Spielplatz rauchen?

Es geht hier nicht um die Frage, ob rauchen gesund ist oder nicht. Es ist nicht gesund, und man pustet einem Kind – egal, wie alt es ist – keinen Rauch ins Gesicht. Aber ein rauchender Vater sollte auch nicht heimlich rauchen und seine Sucht vor seinem Kind verbergen. Wenn er kann und will, sollte er aufhören.

Ich bin ein rauchender Vater, ich rauche nicht im Haus, so wie ich als gesetzestreuer Bürger auch nicht mehr im Zug rauche, im Restaurant und an all den anderen Orten, wo es verboten ist. Auf einem Spielplatz stehen meist keine »Rauchen verboten«-Schilder. Ich gehe oft mit meinem Kind auf den Spielplatz – das Kind rutscht gern. Nicht dreimal, nicht fünfmal – das Kind rutscht zwanzig, dreißig Mal, Treppe rauf, rutschen, Treppe rauf, rutschen. Als Vater fühle ich mich dabei wenig gebraucht – ich schaue zu, meist sitze ich auf einer Bank. Anfangs zündete ich mir dort eine Zigarette an, las Zeitung, trank Kaffee aus einem Pappbecher. Eines Tages schaute ich nach links: ein Vater, lesend, Zigarette, Pappbecher. Ich schaute nach rechts: ein Vater, lesend, Zigarette, Pappbecher. Der Anblick widerte mich an – ich fand es eklig, unverschämt. Ich fand es falsch. Die Szene erinnerte mich an die Terrasse eines Cafés, nur war das hier ein Spielplatz, ein Ort der Kinder, ein Ort, der den Kindern gehört, für Kinder gemacht. Ein Ort, an dem sich Kinder wohlfühlen und Spaß haben sollen. Und nicht wir. Matthias Kalle

6. Muss ich meinem Kind vom Osterhasen vorschwindeln?

Unbedingt. Kindern in sich schlüssigen Unsinn zu erzählen, zum Beispiel vom Osterhasen, ist eine wunderbare Vorbereitung aufs spätere Leben, eine Vorschule des skeptischen Denkens, der Aufklärung, der Philosophie. Wer eines Tages in seinem Bettchen aufwacht und feststellt, dass er von seinen wichtigsten Vertrauten jahrelang systematisch angelogen wurde, wird sich nie wieder so leicht was vormachen lassen. Jürgen von Rutenberg