ZEIT-Elternknigge ZEIT-Elternknigge
Darf Papa auf dem Spielplatz rauchen? Bin ich eine schlechte Mutter, wenn mein Kind aufs Internat geht? Die 55 drängendsten Erziehungsfragen werden hier von unseren Experten beantwortet: ZEIT-Autoren, die Kinder haben.
1. Darf das Baby mit zur Party?
Ein Wunsch der neuen, großstädtischen Elterngeneration: trotz eines Kindes, das man sich sehnlichst gewünscht hat, möge das Leben, das man vorher hatte, ähnlich weitergehen. Eine Mutter und ein Vater, die schon »vorher« kulturinteressiert waren, wollen auch »nachher« noch ins Theater, ins Kino, zum Konzert. Aber tatsächlich teilt sich das Leben mit der Geburt in ein Vorher und in ein Nachher – anders ausgedrückt: Man gibt etwas ab, und dafür bekommt man etwas anderes. Alles in allem ein guter Deal. Und natürlich kann man, wenn man Kinder hat, auf eine Party gehen und feiern und trinken. Und das Baby bleibt da, wo es hingehört, nämlich zu Hause, im Bett. Denn eine Party ist Erwachsenenvergnügen – Babys macht so etwas eher wenig Spaß, man hört selten von sieben Monate alten Mädchen, die um 23 Uhr in der Küche des Gastgebers angeregt diskutieren. Man hört auch selten von Eltern, die einen entspannten Partyabend verbringen, während ihr Kind im Schlafzimmer zwischen Jacken und Mänteln der Gäste schläft – tatsächlich verdirbt man auch allen anderen Gästen den Abend, wenn man sich über Zigarettenrauch und Lautstärke aufregt.
Es gibt gute Orte für Babys – und es gibt schlechte Orte für Babys. Eine Party ist kein guter Ort. Matthias Kalle
2. Wie schick soll mein Kind gekleidet sein?
In dieser Frage habe ich dazugelernt. Aber es brauchte, zugegeben, eine Weile. Auf dem ersten Bild, das ich von meinem Sohn verschickte, liegt er auf einer FAZ, ist kleiner als eine halbe Zeitungsseite und trägt einen hellblauen Strampler von Petit Bateau. In seinen ersten Lebensmonaten hätte er in einem Werbespot der französischen Marke auftreten können. Jeden Tag, rund um die Uhr, trug er die Sachen mit dem blauen Boot. Heute, mehr als zwei Jahre später, ist es mir fast peinlich, wenn jemand bemerkt, dass sein Schal – ein ausrangierter von mir – von apc stammt. Ich meide die teuren Kinderläden in Prenzlauer Berg, gehe allenfalls zum Schlussverkauf dorthin und kaufe sonst lieber im Kaufhaus oder bei H&M. Ich genieße die Beiläufigkeit, die in dieser Handlung liegt. Ich will meinen Sohn nicht länger ausstaffieren. Und damit letztlich: das Kind in seiner Bewegungsfreiheit einengen. Ich achte nicht mehr darauf, was er anhat, wenn Eis an seinem Pullover hinunterläuft oder er sich auf dem Spielplatz in den Matsch wirft. Das ist mir zu anstrengend. Ich bin in der Normalität angekommen, die mich auf die Inszenierungen der ersten Zeit wie auf die gestellten Bilder meiner Konfirmation blicken lässt. Eine Normalität, die den Kindern Freiheit gibt. Jana Hensel
3. Darf man bei einem Sandkastenstreit Partei für das eigene Kind ergreifen?
Gegenfrage: Warum stellt sich diese Frage überhaupt?
Die Antwort glaube ich zu kennen, seitdem ich ein paarmal zu oft die tiefe Enttäuschung in den Augen meiner Kinder gesehen habe, das Erschrecken über ihren Vater, der sich mit Betreten des Spielplatzes in einen unsolidarischen, unberechenbaren Fremden verwandelt zu haben schien: Denn der Sandkasten ist längst nicht mehr nur Spielplatz für die Kinder, er ist zur Bühne ihrer Eltern geworden, einer Bühne, auf der sie ihre Erziehungsideale aufführen. Zuvorkommend sein. Zurückhaltend bleiben. Alles mit Worten lösen. Was dazu führte, dass ich mich irgendwann Sätze sagen hörte wie »Lass das Mädchen doch ruhig mal dein Laufrad ausprobieren«, kombiniert mit einem »Du kannst dem Jungen doch nicht einfach seinen Bagger wegnehmen«, ehe ich mein Kind nach ungefähr einer Minute von der Schaukel holte, um Platz zu machen für das nächste, das dann bis zur Dämmerung drauf sitzen blieb.
Am Ende war es immer so, dass die Egoistenkinder der Egoisteneltern mit einer super Schaukelbilanz nach Hause gingen – wo meine eigenen Kinder lieber geblieben wären, anstatt wegen ihres Vaters, dem es um Gerechtigkeit ging, den Glauben an die Gerechtigkeit zu verlieren.
Das ging so weiter, bis ich einmal Zeuge der jähen Attacke eines Jungen auf ein Mädchen wurde: Gezerre, Gerempel, dann lag sie im Sand. Der Vater des Mädchens packte den Burschen, hob ihn auf Augenhöhe, zischte ihm ein »Du spinnst wohl!« entgegen und stellte ihn drei Meter weiter im Sand ab – vor den Augen von dessen Eltern.
Kein »Na, was macht ihr denn da?«, kein »Wer von euch beiden hat denn angefangen?«. Ein kurzer, klarer war on terror.
Das hat mir imponiert.
Seitdem sage ich, schon bevor es dunkel wird, fremden Kindern auf der Schaukel manchmal: »Du, ich glaube, jetzt ist mein Sohn noch mal dran.« Henning Sußebach
4. Darf ich meinem Kind Prinzessin Lillifee verbieten?
Ja, ich darf nicht nur, ich sollte sogar. Unbedingt. Sicher, kleine Mädchen lieben Rosa. Aber das bedeutet nicht, dass Erwachsene dem ihr eigenes ästhetisches Empfinden unterordnen müssen. Man muss wissen: Die kleine, niedliche zuckerrosa Prinzessin Lillifee ist eine Diktatorin, und ihr Anspruch ist absolut. Wenn ein Mädchen das Lillifee-Schminkköfferchen bekommen hat, wird es auch die Lillifee-Brotdose haben wollen und dann das Lillifee-Geschirr und dann den Lillifee-Schulranzen. Es gibt alles von Lillifee, ihr Anspruch ist grenzenlos. Und ehe man sich versieht, ist man Untertan in Lillifees rosarotem Reich, Sklave eines Merchandising-Artikels.
Kinder bekommen vieles in die Wiege gelegt, guten Geschmack nicht. Eltern können gar nicht früh genug damit anfangen, ihn ihren Kindern beizubringen. Tillmann Prüfer
5. Darf Papa auf dem Spielplatz rauchen?
Es geht hier nicht um die Frage, ob rauchen gesund ist oder nicht. Es ist nicht gesund, und man pustet einem Kind – egal, wie alt es ist – keinen Rauch ins Gesicht. Aber ein rauchender Vater sollte auch nicht heimlich rauchen und seine Sucht vor seinem Kind verbergen. Wenn er kann und will, sollte er aufhören.
Ich bin ein rauchender Vater, ich rauche nicht im Haus, so wie ich als gesetzestreuer Bürger auch nicht mehr im Zug rauche, im Restaurant und an all den anderen Orten, wo es verboten ist. Auf einem Spielplatz stehen meist keine »Rauchen verboten«-Schilder. Ich gehe oft mit meinem Kind auf den Spielplatz – das Kind rutscht gern. Nicht dreimal, nicht fünfmal – das Kind rutscht zwanzig, dreißig Mal, Treppe rauf, rutschen, Treppe rauf, rutschen. Als Vater fühle ich mich dabei wenig gebraucht – ich schaue zu, meist sitze ich auf einer Bank. Anfangs zündete ich mir dort eine Zigarette an, las Zeitung, trank Kaffee aus einem Pappbecher. Eines Tages schaute ich nach links: ein Vater, lesend, Zigarette, Pappbecher. Ich schaute nach rechts: ein Vater, lesend, Zigarette, Pappbecher. Der Anblick widerte mich an – ich fand es eklig, unverschämt. Ich fand es falsch. Die Szene erinnerte mich an die Terrasse eines Cafés, nur war das hier ein Spielplatz, ein Ort der Kinder, ein Ort, der den Kindern gehört, für Kinder gemacht. Ein Ort, an dem sich Kinder wohlfühlen und Spaß haben sollen. Und nicht wir. Matthias Kalle
6. Muss ich meinem Kind vom Osterhasen vorschwindeln?
Unbedingt. Kindern in sich schlüssigen Unsinn zu erzählen, zum Beispiel vom Osterhasen, ist eine wunderbare Vorbereitung aufs spätere Leben, eine Vorschule des skeptischen Denkens, der Aufklärung, der Philosophie. Wer eines Tages in seinem Bettchen aufwacht und feststellt, dass er von seinen wichtigsten Vertrauten jahrelang systematisch angelogen wurde, wird sich nie wieder so leicht was vormachen lassen. Jürgen von Rutenberg
7. Darf ich Schimpfworte benutzen, wenn mein Kind dabei ist?
»Was ist denn das für ein Scheiß?« Kaum ist einem etwas rausgerutscht, das besser dringeblieben wäre, da tönt es prompt: »Papa, warum hast du jetzt Scheiß gesagt?« Gefolgt von einem Echo. »Ja, warum Papa?« So was kann einem passieren, wenn man ein impulsiver Mensch ist und dreieinhalbjährige Zwillingstöchter hat.
Ja, warum nur hat Papa jetzt Scheiß gesagt? Und vor allem: Was sagt er jetzt, der Papa?
Ob und wie heftig, wie derb der erwachsene Mensch schimpft, hängt von der sozialen Situation ab, in die er gestellt ist. Zu Hause, hinterm Lenkrad und im Fußballstadion lässt er schon mal jene Sau raus, die er am Arbeitsplatz längst wieder eingefangen hat – und die er im Restaurant oder beim Theaterbesuch in Sicherungsverwahrung weggesperrt hält. Je öffentlicher der Raum, desto mehr beherrscht sich der erwachsene Mensch, desto mehr hat er sich im Griff. Sich nicht einfach gehen zu lassen hat viel mit Respekt zu tun – sich selbst gegenüber und seinem jeweiligen Umfeld. Warum aber sollte der erwachsene Mensch mehr Respekt den Wildfremden im Theater gegenüber empfinden als seinen eigenen Kindern? Die eigenen Kinder sind zweifelsohne das wichtigere Publikum – und auch, im Positiven wie Negativen, das leichter zu beeinflussende. Sie verdienen daher nicht weniger Respekt, sondern mehr. Den größten gar, den der erwachsene Mensch aufbieten kann.
Damit beantwortet sich auch die Frage, wie sich Papa in der oben beschriebenen Situation verhält: Er entschuldigt sich – und zeigt fortan mehr Respekt. Peter Dausend
8. Soll das Geschwisterkind auch ein Geburtstagsgeschenk bekommen?
In jungen Jahren ja, wie bei Pippi Langstrumpf. Zur besseren Unterscheidung sollte das Geschwister-Geschenk anders heißen – Nichtgeburtstagsgeschenk zum Beispiel – und stets ein bis zwei Nummern kleiner ausfallen als das wahre Geburtstagsgeschenk. So viel Ungleichheit muss sein, und sie sollte von Lebensjahr zu Lebensjahr gesteigert werden, bis irgendwann der akute Neid durch die Gewissheit relativiert wird, dass früher oder später jeder mal drankommt. Jürgen von Rutenberg
9. Darf mein Sohn Waffen tragen?
Die Sache hat eine spielerisch-kindliche und eine ernste Seite. Als Vater eines Sohnes und einer Tochter (die ihrerseits Freunde und Freundinnen haben) bin ich über Unterschiede zwischen beiden im Bilde. Jungen lieben es, wenn es knallt und kracht, sie sehen in Dingen, die wir Ast oder Reitgerte oder Geschenkpapierrolle nennen würden, Schwerter und Pistolen und kämpfen damit drauflos. Als Kind hatte ich einen Freund, dessen Vater war Schmied. Er erlaubte uns, am Amboss eiserne Degen zu schmieden, damit zogen wir los – stolz und glücklich. Das ist die spielerische Seite. Das war so, ist so und wird so sein, pardon, an dieser Lebenserfahrung prallen alle Gender-Theorien ab. Die ernste Seite ist: Was wird, wenn mein Sohn 18 ist – Wehrdienst oder nicht? Das ist eine andere Frage, die nehmen wir dann das nächste Mal durch. Wolfgang Büscher
10. Darf man in Anwesenheit eines Kindes lügen?
Natürlich darf man das nicht – aber man muss. Vor allem in Anwesenheit von zwei Kindern. Alleskönnereltern werden widersprechen, doch wenn zwischen zwei Kindern in einer Familie eine Lücke von mehreren Jahren klafft, drängt sich die Lüge wie von selbst dazwischen. Zum Beispiel an Weihnachten. Unser Sohn ist vier, unsere Tochter neun. Für sie ist das Christkind ein verblassender Geist aus stolz überwundenen Kleinkindtagen, für ihn die höchste Instanz. Sollen wir den kleinen Bruder, um der Wahrheit willen, seiner Lebenswirklichkeit berauben? Lieber lassen wir die große Schwester das Lügen lernen, das »aktive Verschweigen«, wie wir es lieber nennen, begleitet von Augenzwinkern und Komplizenlächeln zwischen Eltern und Tochter, die damit ein bisschen Exklusivität aus verlorener Einzelkindzeit zurückbekommt – und damit dem kleinen Bruder die Chance lässt, sich irgendwann ganz von allein zu fragen, warum er sich für Geschenke, die ihm doch das Christkind brachte, bei Oma und Opa bedanken soll.
Eigentlich eine Win-win-Situation, wie man heute sagt: Unsere Tochter fühlt sich groß, und unser Sohn bestimmt selbst, wie lange er noch klein bleibt. Wir halten das für die beste Lösung. Ungelogen. Henning Sußebach
11. Darf es im Haus spielzeugfreie Zonen geben?
Vor Jahren renovierten wir ein Haus, und ich staunte über die Pläne der Architektin, auf denen neben Steckdosen und Wasseranschlüssen auch Tische, Betten, Fernseher, Sofas und das Klavier eingezeichnet waren. Jeder Raum hatte seine Bestimmung, jeder Gegenstand seinen Platz. Mir gefiel das Unverrückbare der Pläne, und ich freute mich auf die Ordnung, die sich vielleicht ja aufs Leben übertragen ließ. Dann zogen wir ein, und bald bekam jeder Raum eine zusätzliche Bestimmung zu der auf den Plänen – die Kinder nahmen von ihm Besitz. Das Sofa wurde zum Rennauto umfunktioniert, unter dem Klavier wurden Playmobil-Welten entworfen, in den Betten wurde Lego gebaut. Wohin auch immer ich mich bewegte, folgte ein Treck mit Spielzeug bepackter Kinder. Ließ ich mich irgendwo nieder, ganz gleich ob im Keller oder auf dem Dachboden oder im Wintergarten, schlug auch der Treck sein Lager auf. Protestierte ich, lud man mich freundlich ein, mich anderswo aufzuhalten, ich könne mich ja im Kinderzimmer ins Bett legen. Anfangs versuchte ich, mein Revier zu verteidigen, und klaubte regelmäßig Spielzeug zusammen. Inzwischen sehe ich gelassen über das Chaos hinweg – denn Kinder sind nicht nur im Spielzimmer Kinder, sondern überall. Spielzeugfreie Zonen sind bloße Theorie, entstanden aus der Erinnerung an die Aufgeräumtheit eines kinderlosen Lebens. Dem Bedürfnis von Kindern nach Nähe und Geborgenheit werden sie in der Praxis kein bisschen gerecht. Ilka Piepgras
12. Darf man dem kleineren Kind das größere als Vorbild vorhalten?
Nur, wenn man die Basis für eine lebenslange Feindschaft zwischen den Geschwistern legen will. Eltern stellen sich ihre Kinder gerne als natürliche Verbündete vor, von denen einer sich den anderen zum Vorbild nimmt. Das gibt es aber nur bei Tick, Trick und Track von Walt Disney. Geschwisterbeziehungen sind nicht nur von Verbundenheit, sondern auch von Rivalität bestimmt. Wer das traurig findet, der sollte sich mal umschauen, wie Geschwister anderer Spezies miteinander umgehen. Eindrucksvoll zeigt das die Nachkommenschaft des Sandhais. Jeder kleine Sandhai wird als Sippenmörder geboren. Die Jungen fressen sich in den Eileitern des Muttertieres so lange gegenseitig auf, bis nur die stärksten Exemplare übrig bleiben. Die Natur hat die Geschwister nicht aus romantischen Idealen erfunden, sondern weil jede Art den Hang hat, mehr Nachkommen zu produzieren als unter natürlichen Bedingungen überleben.
Auch Menschengeschwister sind geborene Konkurrenten, instinktiv balgen sie sich um die Anerkennung ihrer Eltern, weil das ihre Existenzsicherung bedeutet. Die Vorstellung, das andere Kind würde von den Eltern mehr geschätzt, weckt Urängste – und entzweit die Geschwister voneinander.
Eltern sollten versuchen, jedem Kind in seiner eigenen Weise gerecht zu werden. Und das funktioniert nur, wenn man die Kinder nicht miteinander vergleicht. Idealerweise bildet sich dann etwas wie Geschwistersolidarität. Was wiederum dazu führt, dass die Kinder sich eines Tages gegen die Eltern verbünden. Aber damit muss man sich erst in der Pubertät herumärgern. Tillmann Prüfer
13. Soll man einem Jungen eine Puppe schenken?
Unbedingt! (Wenn er sich eine wünscht. Andernfalls sollten Sie sich das gut überlegen. Sonst geht es Ihnen am Ende wie den Eltern Rilke. Die hätten lieber eine Tochter gehabt und nannten ihren Sohn deshalb Rainer Maria. Sie kleideten ihn wie ein Mädchen, und noch zwanzig Jahre später riefen seine Freunde ihn »Mitzi«. Auf den Fotos, die man von ihm als Erwachsenem kennt, sieht er nicht wirklich glücklich aus. Aber er schrieb wunderbare Gedichte.) Wolfgang Lechner
14. Soll ein Kind gehorchen?
Ihr Kind gehorcht nicht? Ganz schlecht. Der Gehorsam ist gerade wieder sehr in Mode. Nur dass er heute Disziplin heißt oder Konsequenz. Dabei geht kaum etwas so schwer zusammen wie kindlicher Wille und elterliche Konsequenz. Und so sind die Straßen und Einkaufszentren des Landes voller traurig anzusehender Eltern, die an ihren Kindern die Erziehungsratgeber der Saison ausprobieren: Konsequent sagen sie hü. Und noch konsequenter sagen ihre Kinder hott. Dann geht erst mal lange Zeit gar nichts mehr. Mein Ansatz ist anders. Ich nenne ihn multioptionale Konsequenz. Es gibt Freunde, die mich dafür verspotten. Aber ich finde, er vereint ganz gut, worum es geht im Umgang mit Kindern: seine Ziele elastisch zu verfolgen, ohne opportunistisch zu sein; sich treu zu bleiben, ohne autoritär zu werden. Denn auch ich bin sehr für Konsequenz, natürlich. Nur manchmal ist mein Kind einfach stärker. Mein Kind ist immer dann stärker, wenn es sehr genau weiß, was es will. Und wenn ich mir meiner gerade nicht so sicher bin. Das kommt häufiger vor, als ich früher gedacht hätte. Für diesen Fall halte ich mir einen Ausweg offen, das ist multioptionale Konsequenz: eine zweite Lösung, einen Umweg, ein Ersatz-Ziel. Damit ich nicht ganz geschlagen vom Platz gehe. Ein 1:1 zwischen Eltern und Kind ist heutzutage schon ein Sieg. Für die Eltern. Patrik Schwarz
15. Darf ich einem Bettler nichts geben, wenn mein Kind dabei ist?
Kinder stellen alles infrage, das lieben wir an ihnen (behaupten wir jedenfalls gern): dass sie in der Lage sind, sich die Welt anders zu denken, als sie ist. Ohne Bettler auf der Straße zum Beispiel.
»Mama, warum gibst du dem Mann, der keine Wohnung hat, kein Geld?« Ich zähle fünf Passanten in Hörweite. Was regen wir uns über Nacktscanner auf, wenn wir Kinder haben, die uns in der Öffentlichkeit entblößen? Ich beginne einen kurzen Vortrag, der mäandert zwischen den Argumenten »Gerade habe ich für Haiti gespendet«, »Gestern habe ich schon dem anderen Mann, der auch keine Wohnung hat, zwei Euro gegeben« und »Ich will nicht, dass der Typ sich von dem Geld ein Bier kauft«. Je länger ich rede, desto schlapper und widersprüchlicher kommen mir meine Argumente vor. Keines davon stellt das Kind zufrieden.
Ich könnte jetzt sagen, dass ich prinzipiell Bettlern nichts gebe, weil ich glaube, dass ihnen anders besser geholfen wäre. Ich könnte den deutschen Sozialstaat erklären, Bismarck und so. Aber ich merke, dass das eine Ausflucht wäre, ich glaube nämlich in Wirklichkeit, dass es anständiger ist, etwas zu geben, als nichts zu geben. Nur: Warum bin ich einmal anständig, ein anderes Mal nicht? Was fällt mir ein, mich zum kleinen König des Alltags zu machen, willkürlich zu entscheiden, ob ich heute Gnade zeige oder nicht? Ich kann meine eigenen Grundsätze wählen, aber kann ich sie zu einer Frage der Laune machen? Und ist es nicht das, was ich von meinem Kind auf keinen Fall will: dass es sich nur nach Lust und Laune an Prinzipien hält? All das geht mir durch den Kopf, während der Bettler weiter vor seinem Pappteller sitzt und die fünf Passanten, zum Glück, ihre Schritte beschleunigen.
»Du hast recht«, sage ich zu meinem Kind, das Bismarck nicht kennt, der den Sozialstaat geschaffen hat, und Sloterdijk nicht, der überlegt, ob der Sozialstaat noch was taugt. Und doch hat mein Kind mehr Ahnung von Moral als jeder Erwachsene, scheint mir in diesem Moment. Weil es den Blick fürs Wesentliche hat: Der Mann ist arm, wir haben Geld. So einfach ist das.
Ich gebe dem Bettler zwei Euro. Und bin dankbar für die Sanftheit, mit der Kinder manchmal uns Eltern erziehen. Tanja Stelzer
16. Darf der Vater der Mutter vor den Kindern widersprechen?
Dazu gibt es zwei Denkschulen.
»Auf gar keinen Fall!«, sagt meine Frau.
Und: »So ist das Leben«, sage ich.
Darf die Mutter dem Vater vor den Kindern widersprechen?
Dazu gibt es zwei Denkschulen.
»Auf gar keinen Fall!«, sage ich.
Und: »So ist das Leben«, sagt meine Frau.
Es sind eben nicht nur Konsequenz und Kinder, die schwer zusammengehen. Manchmal fängt Inkonsequenz schon bei den Eltern an. Das können Kinder gar nicht früh genug lernen. Patrik Schwarz
17. Darf man in Anwesenheit von Kindern bei Rot über die Ampel gehen?
Vor roten Ampeln stehen zu bleiben, obwohl die Straße frei ist, hat den Stellenwert einer Zen-Übung kurz vor dem Zustand der Erleuchtung. Wer es schafft, ist ein Meister der Selbstbeherrschung. Durchschnittsbürger dürfen auch bei Rot gehen – vorausgesetzt, sie schärfen mitlaufenden Kindern ein, aufmerksam zu schauen, ob ein Auto kommt. Am Beispiel der Ampel lernen Kinder so, dass das Einhalten von Regeln allein keine absolute Sicherheit bietet. Wichtiger als die stupide Regel »Bei Rot stehen, bei Grün gehen« ist das Prinzip: Über die Straße laufe ich nur, wenn es ungefährlich ist – ganz gleich, ob bei Grün oder Rot. Ilka Piepgras
18. Darf ich meinem Sohn, wenn er geschlagen wird, sagen: Schlag zurück?
Beim Kleinen Nick war die Sache noch einfach: Wer eine Brille trägt, wie der Klassenstreber Adalbert, dem darf man keine reinhauen. Ansonsten gilt: Immer feste druff, es geht nichts über eine zünftige Rauferei. Heutzutage tritt bei Raufereien der Mediator auf den Plan, und wenn es schneit, stehen auf dem Schulhof Schilder mit der Aufschrift: »Schneemann ja, Schneeball nein«. Könnte ja ein Steinchen drin stecken. Wer doch zur Aggression neigt, wird von seinen Appeasement-geschulten Kameraden durch mildes Verständnis schachmatt gesetzt: »Weißt du, der Kevin haut manchmal, weil, er kennt nicht so viele Wörter.«
Was aber tun, wenn der Kevin nicht aufhört zu hauen? Dann muss man dafür sorgen, dass aus einem Kevin nicht viele werden und aus einer Rauferei kein Mobbing. Flexible response heißt die Strategie, die bei der Nato die Hau-drauf-Methode massive retaliation ersetzt hat, ihre Anwendung empfiehlt sich durchaus für den Schulhof. Was folgt daraus für den siebenjährigen Sohn? Erstens: Man haut, wenn möglich, nicht gleich zurück, sondern ruft erst mal Alarmstufe eins aus: »Lass das!« Wenn das keinen Erfolg hat, droht man Sanktionen an: »Mach das noch EIN MAL, und ich hau zurück!« Wenn das auch keinen Erfolg hat, wird es ernst. Dann nämlich, lieber Sohn, greift die wichtigste Regel, dann endet die Theorie, und der Praxistest beginnt: Wenn man etwas androht, muss man auch bereit sein, es zu tun. Sonst erleidet man das Schicksal der UN. Tina Hildebrandt
19. Soll ich meinem Kind ein Haustier erlauben?
Als ich ungefähr sechs war, wünschte ich mir sehnlichst ein weißes Kaninchen. Alle meine Freunde hatten Haustiere, die süß und kuschlig waren. Ich hatte das Gefühl, für etwas Lebendiges zu sorgen, wäre wie ein erster Schritt in Richtung Erwachsensein. Aber meine Eltern sagten auch nach langem Betteln Nein. Zu viel Arbeit, zu viel Verantwortung, und was wäre, wenn wir mal wegführen? Also schmiedete ich ein Komplott mit meiner Tante. Sie sollte ein weißes Kaninchen kaufen und es einfach vor unserer Wohnungstür platzieren. Ich würde dann die Tür öffnen, ganz erstaunt tun, und meine Eltern würden es nicht fertig bringen, das Kaninchen wieder wegzugeben. Alles war perfekt geplant. Dann beging meine Tante einen folgenschweren Fehler und erzählte meiner Oma von unserem Vorhaben. Und meine Oma erzählte es meiner Mutter. Aus dem Kaninchen wurde nichts.
Obwohl mir meine Eltern wirklich sehr viel erlaubt haben, ist mir dieser unerfüllte Wunsch bis heute im Gedächtnis geblieben. Vielleicht, weil ein Haustier dafür steht, Verantwortung zu übernehmen. Sich um etwas kümmern zu müssen, heißt »groß zu sein«. Eltern, die ihrem Kind ein Haustier erlauben, trauen ihm etwas zu. Meine Tochter ist noch zu klein, aber wenn sie sich eines Tages ein Haustier wünscht, dann wird sie eins bekommen. Obwohl ich jetzt ähnlich wie meine Eltern damals denke: Zu viel Arbeit, zu viel Verantwortung, und wohin damit, wenn wir verreisen? Jana Simon
20. Soll ich meinem Kind einen Nintendo schenken?
ines Tages kam meine zehnjährige Tochter Liza zu mir und sagte, zum Geburtstag wünsche sie sich einen Nintendo DS. Das ist eine Spielkonsole, auf der Kinder gemeinsam Computerspiele spielen können. Ein Nintendo DS ist ein Gerät, mit dem man jede Menge Zeit totschlagen kann. Ich mag Spielkonsolen nicht besonders. Liza sagte, die meisten anderen Kinder in der Klasse hätten auch einen Nintendo. Das ist zumindest ein Argument. Kinder haben ihre eigenen Währungen sozialer Teilhabe. Das können Pokémon-Bildchen sein oder Computerspiele – und wer davon nichts besitzt, hat es schwer auf dem Markt.
Als ich selbst zur Schule ging, besaßen alle Jungen in meiner Klasse einen Amiga 500 von Commodore – ich nicht. Sie erzählten sich auf dem Pausenhof davon, wie viele Punkte sie bei Spielen wie Winter Games errungen hätten und wie sie beim Bundesliga-Manager abgeschnitten hätten. Ich musste mit großen Ohren lauschen und konnte mir nur ausmalen, was sie damit meinen könnten. Meine Eltern weigerten sich, mir einen Computer zu kaufen. Sie sagten, nur weil alle einen Computer hätten, müsse ich nicht auch einen haben. Eines Tages würde ich das schon verstehen.
Auf diesen Tag warte ich noch. Und deswegen hat meine Tochter nun einen weißen Nintendo DS. Zurzeit trainiert sie darauf Turnierreiten, sie rettet Delfine und übt Dr. Kawashimas Gehirnjogging . Und sooft es geht, bitte ich meine Tochter, mir das Ding zu erklären, frage sie, was sie gerade mit wem aus der Klasse darauf spielt und spiele selbst mit ihr.
Die besten Spiele sind immer die, die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern spielen. Egal auf welchem Gerät. Tillmann Prüfer
21. Soll ich meinen Kindern sagen, was ich wähle?
Ja, unbedingt, aber seien Sie darauf vorbereitet, mit Widersprüchen in Ihren eigenen politischen Vorstellungen konfrontiert zu werden: Vom Feminismus hatte ich mir gemerkt, dass junge Frauen Rollenvorbilder brauchen. Deshalb wissen meine Töchter mehr über Angela Merkel, als unter Zwei- und Fünfjährigen vielleicht notwendig ist. Dann kam der Tag der Bundestagswahl. »Und, was hast du gewählt?«, fragte die Große. Meine Antwort weckte Misstrauen. »Ist das die Partei von der Merkel?« Ihr Blick verfolgt mich bis heute. »Wie, du hast NICHT die Merkel gewählt?!?« Patrik Schwarz
22. Soll man gute Noten belohnen?
Da kommt die Elfjährige nach Hause, sie hat so ein Leuchten in den Augen und einen hellen Ton in der Stimme, und dann weiß man’s sofort: Die Klassenarbeit ist erfolgreich zurück! Mit einer Drei plus, obwohl die Freundinnen Vieren und Fünfen haben. Oder mit einer wunderbaren Eins – vollkommen unwichtig, ob der Test leicht war und insgesamt gut ausgefallen ist. Oder die Arbeit hat zum ersten Mal nur fünf Rechtschreibfehler, obwohl es vorher oft an die zwanzig waren. Es gibt vielfältige Gründe für das Leuchten, den stolzen Unterton und das große Gefühl: »Ich hab’s gut gemacht, und Mama und Papa freuen sich!« Und das soll als Motivation nicht ausreichen? Soll getoppt werden durch ein simples Bezahlschema?
Der Gedanke ist bestechend: Ein paar Euro extra, und schon wachsen Fleiß und Lernerfolg. Bekommt nicht auch der Banker seinen Bonus, der Abteilungsleiter die Prämie für erreichte Ziele? Was spricht dagegen, Kinder frühzeitig mit der berechnenden Welt bekannt zu machen, wie sie nun einmal ist?
Alles! Eltern haben keine Geschäftsbeziehung zu ihrem Kind. Es ist auch kein Hund, den man mit Leckerli belohnt, wenn er brav Männchen gemacht hat. Ein Kind ist, wie alle Menschen, viel komplizierter.
Es wünscht sich von seinen Eltern Zeit, Interesse, ungeteilte Aufmerksamkeit, möglichst oft. Und: Es ist darauf angewiesen, von ihnen geliebt zu werden, auch wenn es in der Schule nicht leuchtet. Gerade dann.
Wenn ein Kind faul ist, sich nicht konzentrieren kann und die Hausaufgaben links liegen lässt, hat das Ursachen, die man erforschen sollte; dann braucht das Kind geduldige Unterstützung und vor allem Vertrauen, dass es seinen Weg trotzdem finden wird. Ein Geldversprechen ist ein bestenfalls kurzfristig wirkender Anreiz, wie psychologische Studien an Erwachsenen bezeugen. Ihn braucht das Kind gewiss nicht. Denn Geld als Belohnung verstärkt eher den Erfolgsdruck, der selbst zur Ursache für mangelnde Schulleistungen werden kann.
Was sicher geht: der Fünf- oder Zehn-Euro-Schein, wenn das Schulhalbjahr überstanden ist. Aber nicht als Belohnung für die Tochter, der alles zufliegt, sondern als zweckfreies Geschenk auch für den Sohn, der sich schwerer tut. Iris Mainka
23. Soll ich meinen Kindern von meinen geplatzten Träumen erzählen?
Träume, die platzen – dazu gehören meist zwei, der Traum und sein Träumer. Sich einzugestehen, dass man einem (sei es eitlen, fixen oder einfach unpassenden) Traum angehangen hat, ist nicht leicht. Ich kannte einmal einen Mann, der sich damit herumschlug. Und irgendwann berichtete er mir ganz stolz von der äußerst innigen Beziehung zu seinem Sohn – der damals vielleicht acht Jahre alt war. Ihm erzähle er alle seine Probleme. Es sei so toll, wie gut er sie mit seinem kleinen, klugen Jungen besprechen könne. Hinterher sei ihm dann leichter ums Herz, und so manche Sorge habe sich aufgelöst. Ich spürte ein diffuses Unbehagen, sagte aber nichts – damals war ich noch nicht Vater.
Heute würde ich ihm sagen: Was tust du da? Aus der Vaterschaft steigt man nicht eben mal aus, kippt seinem Kind sein Elend vor die Füße und fühlt sich hinterher erleichtert. Dafür hat man einen Freund (den man allerdings auch nicht als seelischen Allzweckmülleimer benutzen sollte, sonst ist die Freundschaft bald hin).
Das ist der Unterschied zwischen Freund und Kind: Der Freund ist alt genug, um zu widersprechen, um einem, der sich gern als Opfer sieht, mal den Kopf zu waschen und notfalls zu gehen. Das Kind kann nicht gehen. Es ist eben ein Kind, das seinen Vater liebt und ihn nicht verlieren will. Viele Erwachsenensorgen versteht es noch nicht.
Natürlich soll man seinem Kind sagen, wenn es brennt: eine Krankheit, ein Unglück, ein Verlust. Wer aber sein Kind als Sorgenbruder oder -schwester benutzt, will eigentlich nur eines: sich ausheulen und billig davonkommen. Wolfgang Büscher
24. Wie viel Heimweh muss mein Kind ertragen?
Wer selbst unter bohrendem, zehrendem Heimweh gelitten hat, wird sagen: möglichst gar keins! Wer kein Heimweh kennt, wird die Frage nicht verstehen. Auf jeden Fall gehört es zur normalen Entwicklung, dass Kinder lernen (und durch Krippe und Hort tun sie das heute oft sehr früh), sich über längere Zeit auch von ihren Eltern getrennt wohlzufühlen. Wochenendbesuche bei den Großeltern, Übernachtungspartys bei Freunden, Klassenfahrten – das alles soll Spaß machen und nicht zum Problem werden. Manche Kinder werden trotzdem leiden. Man muss auf sie hören. Herausfinden, warum sie nicht so gern woanders sind. Nicht gleich mit dem Ponyhofaufenthalt beginnen, sondern zuerst kleinere Projekte planen. Den Kindern erzählen, dass Heimweh vergehen kann, wenn man es eine Zeit lang aushält – und gleichzeitig signalisieren, dass das keine ewige Quälerei wird. Dass man immer bereit ist, das Kind nach Hause zu holen, wenn es gar nicht klappt. Besonders aufpassen müssen allerdings Eltern mit einer eigenen Heimwehgeschichte. Sie neigen leider dazu, diese im Sinne einer selbst erfüllenden Prophezeiung an ihre Kinder weiterzugeben. Zwingen Sie sich, das zu lassen! Es geht. Ich spreche aus Erfahrung. Susanne Gaschke
25. Wann soll ich mit meinem Kind das erste Bier trinken?
Wenn Sie selber kein Bier trinken: nie. Wenn Sie aber ab und an mal ein Bier trinken, müssen Sie Ihrem Kind sogar irgendwann etwas davon abgeben. Das ist Teil der Erziehung.
Der bekannte Jugendforscher Klaus Hurrelmann bedauerte vor Kurzem, dass Eltern in Deutschland ihre Kinder nicht an den Alkohol heranführen. Kinder trinken ihren ersten Alkohol mit anderen Kindern – ohne Aufsicht, ohne eine erfahrene Bezugsperson. Demnach müsste die Antwort etwas flapsig lauten: so früh wie möglich, noch richtiger allerdings: so früh wie nötig. Wenn ein Kind mit, sagen wir, sieben oder acht Interesse an der Bierflasche vom Papa oder am Weinglas der Mama zeigt, dann sollte man es nippen lassen. Im besten Fall lernen Kinder so einen kultivierten Umgang mit Alkohol – klingt fürchterlich, es gibt ihn aber. Matthias Kalle
26. Darf mein Kind zur Kommunion gehen, obwohl ich die Kirche ablehne
Mein Sohn war neun Jahre alt, als er den dringenden Wunsch äußerte, zur Kommunion zu gehen. Zur ersten heiligen, katholischen Kommunion. Und das im protestantischen Hamburg. Dem stand zunächst einmal ein ganz banaler Grund entgegen: Der Junge war nicht getauft. Beide Eltern standen der Kirche fern, und so hatten sie nie einen Grund gesehen, ihr Kind zwangsweise zum Mitglied einer christlichen Gemeinschaft zu machen. Wenn er alt genug sei, so die Überlegung, könne er ja selber drüber entscheiden. War er nun alt genug? Mit neun? Der Anlass für sein Begehren war offensichtlich: Sein bester Freund sollte in ein paar Monaten kommunizieren, und sicher hatte der von der bevorstehenden schönen Feier und den vielen Geschenken erzählt. Hatte der Wunsch, zur Kommunion zu gehen, vielleicht ganz weltliche Motive? Darauf angesprochen, schaute das Kind die Eltern mit großen Augen an: »Nein, ich glaube an Gott!« Und so einigten sich Vater und Mutter darauf, dass es ja nicht schaden könne, wenn der Sohn mit der Religion in Berührung komme. In kürzester Zeit wurde die Taufe arrangiert (die Kirche kann da ganz unbürokratisch sein), der Sohn ging drei Monate lang wöchentlich zum Kommunionunterricht und empfing schließlich zusammen mit seinem Freund das Sakrament. Es war eine schöne Feier mit vielen gläubigen und ungläubigen Menschen. Mein Sohn ist jetzt 18, zu einem Gottesdienst ist er seit seiner Kommunion nicht mehr gegangen. Früher wurde Kindern oft der Glaube aufgezwungen – ungläubige Eltern sollten es nicht umgekehrt machen. Christoph Drösser
27. Darf man seinem Kind einen Freund nehmen?
Erste Antwort: nein. Denn Freundschaft ist eine Expedition in die große Welt. Im Freund macht das Kind die Erfahrung, dass es außerhalb der Familie viel zu entdecken gibt, und entdeckt damit sich selber. Das ist der erste Schritt zum Ausgang aus der unverschuldeten Unmündigkeit (um Kant zu variieren). Zweite Antwort: ja. Mit wem unser Kind Umgang hat, kann uns nicht gleichgültig sein. Eines Tages brachte unsre zehnjährige Tochter eine Schulfreundin mit nach Hause, die uns auf Anhieb missfiel. Hübsch war sie zweifellos, aber sie hatte etwas Frühreifes, auf unklare Weise Verschlagenes, schien sich in Dingen auszukennen, die Kinder dieses Alters lieber noch nicht kennen sollten. Ebendas zog unsre Tochter an. Ein direktes Verbot wollten wir nicht aussprechen, aber wir versuchten, mit ihr darüber zu reden. Nicht ganz ohne Erfolg, doch der Konflikt wurde erst dadurch entschieden, dass das Kind die Schule verließ. Es kam, wie wir nach und nach erfuhren, in der Tat aus verwahrlosten Verhältnissen. Dass Hänschen klein in die weite Welt hineinmuss, schien uns klar, aber eben nicht, wie es im Lied heißt, ganz allein. Deshalb sollten Eltern darauf achten, mit wem ihr Kind befreundet ist, und wenn es das spürt, diese Beobachtung, die auch mit Achtung verbunden sein muss, dann wird es größere Fehlgriffe bei der Freundeswahl vermeiden können. Ganz sicher ist das nicht – aber was im Leben wäre sicher, schon gar bei Kindern? Ulrich Greiner
28. Darf ich ein Referat für mein Kind schreiben?
Klar, tun Sie das! Machen Sie Ihrem Kind das Leben so leicht wie möglich. Beraten Sie es nicht nur, nein, nehmen Sie ihm die Dinge ruhig ab, denn Sie können’s doch sowieso viel besser. Das Thema des Referats war diesmal auch besonders schwierig, oder? Das schafft Ihr Kind unmöglich allein, bei diesem furchtbaren Lehrer, der nie klare Anweisungen gibt, aber unverschämte Anforderungen stellt. Alle anderen Eltern tun’s ja auch: Wenn ausgerechnet Sie nun Ihr Kind allein wurschteln ließen, stünde es mit seiner ehrlichen Vier plus am Ende ganz schön dumm da. Diese Schlappe würde Ihr sensibles Kind niemals verkraften! Und Sie wünschen sich doch, dass Ihr Kind sieht, wie leicht Ihnen die Dinge fallen, das macht ihm sicher Mut und gibt ihm ein gutes Vorbild.
Wie bitte – ob es so vielleicht nie lernen wird, Schwierigkeiten allein zu überwinden? Den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen? Sich stark zu fühlen? Ob es Sie nicht eines Tages hassen wird für Ihre dominante Besserwisserei?
Nein, nein – das wird nicht passieren. Glauben Sie mir, ich kenn mich da aus, das weiß ich einfach besser als Sie! Iris Mainka
29. Darf ich das Handy meines Sohnes kontrollieren?
Die Frage ist eigentlich identisch mit dieser: Hat mein Kind ein Anrecht auf eine Intimsphäre, die auch die Eltern zu respektieren haben? Die Antwort kann nur lauten: Selbstverständlich hat es dieses Recht, sobald es selber ein Bedürfnis nach Privatheit hat. Wer seinem Kind ein Handy zugesteht, der hält es für reif genug, mit dieser Kommunikationstechnik umzugehen – und muss seine Neugier zügeln. Auch wenn man zu gerne wissen möchte, mit wem der Sohn SMS austauscht. Zwei Einschränkungen gibt es: Die Eltern dürfen darauf pochen, dass die Kosten im vereinbarten Rahmen bleiben. Und sie haben eine Fürsorgepflicht ihrem Kind gegenüber. Wenn der begründete Verdacht besteht, dass das Kind »schlechten Umgang« hat, etwa mit unbekannten Erwachsenen, müssen sie sogar aktiv werden, um sich Klarheit zu verschaffen. Dann ist auch das Handy nicht tabu. Ansonsten aber gilt das Gebot, die Privatsphäre anderer Menschen zu respektieren, unabhängig vom Alter. Christoph Drösser
30. Wem soll ich glauben: dem Lehrer oder meinem Kind?
Da alles, was einem Zweiten oder Dritten berichtet wird, sozusagen schon Literatur ist, angereichert mit den Geschmacksverstärkern des Eigeninteresses und den Aromastoffen der Erzählkunst, darf man eigentlich gar keinem glauben, zuallerletzt sich selbst. Siehe Kurosawas großen Film Rashomon: Jeder Vorfall gebiert so viele Wahrheiten, wie es Beteiligte und Zuschauer gab. Der Original- Rashomon dreht sich zwar um ein mörderisches Geschehen, aber die vielen kleinen Rashomon- Remakes im Klassenzimmer handeln ja immerhin von Ungerechtigkeit, Demütigung, Unglück, Ohnmacht, Zorn. Und im Klassenzimmer gibt es ungleich mehr Zeugen als in Kurosawas Film, was die Undurchschaubarkeit und die literarische Kraft des Geschehens steigert.
Man müsste, um zu wissen, was in der Schule geschah, immerzu dabei sein und zusehen. Aber selbst dann begriffe man es nicht. Außerdem ist man als Erwachsener ja heilfroh, der Schule endlich entkommen zu sein. Letzten Endes glaubt man im Zweifelsfall dem eigenen Kind. Man weiß zwar, dass der unzuverlässigste Kantonist in diesem ganzen Spiel der über sein Kind gebeugte Vater ist, dem von einem »Vorfall« erzählt wird. Denn der Alte, der im Kind seinen Stellvertreter sieht, fühlt sich mitgemeint und angegriffen, und wenn er mit einem Lehrer spricht, so sieht er in diesem Mann immer auch den Lehrer, den er einst selbst hatte, und wird kleiner, ohne es zu wollen. Und der Lehrer spürt, wie sein erwachsenes Gegenüber schrumpft, und wird größer, ohne es zu wollen. Übertragung und Gegenübertragung nennen das die Psychologen. Was hilft dagegen? Die große gemeinsame Erzählung, an der Lehrer, Kind und Vater auf gleicher Höhe teilnehmen. Schwer herzustellen. Manchmal gelingt es. Das sind dann Erzählungen, die keiner von den dreien vergisst – und die sich weit über die alltäglichen kleinen Formen von Notlüge und Gegenangriff erheben. Es sind Erzählungen fürs ganze Leben. Peter Kümmel
31. Wie kann ich mein Kind vor Mobbing schützen?
Von Mitschülern systematisch verfolgt und gedemütigt zu werden ist eine unvorstellbare Qual für ein Kind. Eine Qual, die in die Katastrophe führen kann, zu Selbstmord oder unkontrollierbaren Reaktionen des Opfers. Es gibt jene pädagogische Schule, die findet, Kinder sollten ihre »Konflikte« untereinander austragen. Das stimmt sicher für ganz durchschnittliches Gezicke, für schwankende Freundschaften oder Konkurrenz um die Verantwortung fürs Klassenmeerschweinchen. Aber systematisches Mobbing hat mit solchen Konflikten nichts zu tun.
Mobber setzen, in total asymmetrischer Kriegführung, auf die systematische Demontage ihres Opfers. Tag für Tag. Ein bisschen Schlagfertigkeit und ein dickes Fell muss sich jedes Kind aneignen (und Sie können Ihrem dabei helfen), aber das geht nicht unter dem Dauerfeuer der Mobber. Wenn Ihr Kind sich Ihnen anvertraut, ist es unglaublich wichtig, dass Sie ihm unverbrüchliche Loyalität zeigen. Dass Sie signalisieren: Die Situation ist nicht ausweglos. Und dann müssen Sie sich leider mit Lehrern und Mobber-Eltern anlegen: Weder darf die Schule in solchen Fällen wegsehen, noch darf man den Täter-Eltern Verharmlosung durchgehen lassen. Das wird sicher nicht erfreulich, aber es gibt keine Alternative.
In der Regel sollte eine massive, nachhaltige Intervention helfen. Der Ehrlichkeit halber muss man aber sagen, dass in manchen Situationen und bei besonders uneinsichtigen Akteuren nur ein Schulwechsel Erleichterung bringt. Susanne Gaschke
32. Soll ich meinem Kind erzählen, wie viel ich verdiene?
Unbedingt. Sobald das Kind ein Geheimnis für sich behalten kann. Tanja Stelzer
33. Darf ich das Tagebuch meiner Tochter lesen?
Nein. Natürlich nicht.
Ich habe es aber getan. Es tut mir leid. Es wird nicht mehr vorkommen.
Ich habe es aber nicht gesucht. Es lag einfach so herum. Und schließlich: Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich hatte das Gefühl, meine Tochter entgleitet mir. Die Schule, die Freunde: Sie erzählt kaum noch etwas. Manchmal ist es, als wäre sie schon ein Stück weit ausgezogen. Und das mit nicht mal 13!
Ich weiß: Das sind wirklich keine tollen Entschuldigungen für eine solche Überschreitung. Aber ich konnte nicht widerstehen. Da war das Tagebuch, mitten auf dem Schreibtisch, in all dem üblichen Kinderzimmerchaos: ein unverhofftes Fenster in die sich zunehmend verschließende Innenwelt eines Teenagers.
Es war mir vollkommen klar, dass das eigentlich nicht geht. Ich las dennoch weiter, wenn auch gewissermaßen nur mit einem Auge. Es gab mir einen Stich, zu sehen, was sich da alles an inneren Stürmen abspielt: ach, die hormongepeitschten Selbstzweifel, der Möglichkeitssinn, die unter Hochdampf arbeitende Ich-Maschine! Es war rührend. Vor Scham über meine Indiskretion habe ich die Seiten nur so überflogen. Ich wollte eigentlich gar keine Details wissen.
Nachdem ich einen generellen Eindruck von dem sich explosionartig entfaltenden Innenleben meiner Tochter bekommen hatte, klappte ich das Tagebuch zu und legte es weg. Ich war beruhigt, obwohl – oder gerade weil? – sich da offenbar viel mehr abspielte, als ich mir hätte vorstellen können.
Zugleich wurde ich von heftiger Scham erfasst: Ich hatte das Tagebuch meines Kindes geöffnet und das einer jungen Frau geschlossen. Das war der Moment, in dem ich feststellte, dass ich es nicht mehr mit einem abhängigen Anhängsel meiner selbst, sondern (fast) schon mit einem richtigen Menschen zu tun hatte, mit dem kompletten Anspruch auf Respektierung seiner persönlichen Integrität. Einen Moment lang blieb ich noch sitzen, gerührt, stolz und traurig zu je etwa gleichen Teilen. Ich bin ruhiger seitdem.
Also: Ich bereue, was ich getan habe. Es ist unverzeihlich, das Tagebuch seiner Tochter zu lesen. Aber mir hat es geholfen. Jörg Lau
34. Darf ich zurückpöbeln, wenn mich jemand anpöbelt und mein Kind dabei ist?
Wenn Leute mich anpöbeln (verbal oder in Briefen), dann pöbele ich normalerweise tatsächlich in genau der gleichen Tonlage zurück. Ich nenne das »Erwachsenenbildung«. Wenn die Leute auf diese Weise den Spiegel vorgehalten bekommen, lenken sie meist ein und ändern ihren Ton. Höflichkeit bringt bei Pöblern gar nichts.
Und wenn mein Kind dabei ist? Das kommt auf das Alter an. Bei einem Zehnjährigen würde ich es nicht tun. Ein 16-Jähriger würde es verstehen. Harald Martenstein
35. Dürfen Eltern beim Essen aufstehen und telefonieren?
Wie häufig sitzen wir in einer normalen Woche zusammen? Richtig zusammen, wirklich alle, mit ein bisschen Ruhe und Zeit für mehr als drei Sätze am Stück? Wie oft? Mit Glück zwei, drei, höchstens vier Mal, meist am Wochenende, wahrscheinlich zum Frühstück und dann noch einmal mittags oder abends, wenn es ein warmes Essen gibt. Sonst ist immer einer unterwegs, oder alle. Bei Besorgungen, im Büro, auf Reisen, in der Redaktion. Die Kinder flitzen zwischen Sport und Chor und Freunden hin und her und wir zwischen Terminen. Morgens schmieren wir im Stehen die Pausenbrote, während die Süßen noch fast im Halbschlaf ihre Toasts kauen, mittags isst eh jeder woanders, und wann sind abends schon mal alle gleichzeitig da? Also bleiben nur ein paar Zeitinseln, nur zwei, drei längere Momente, in denen sich die dauergehetzte Versorgungsgemeinschaft selbst als Kleinfamilie erleben kann. Dann zu sagen, nein, wir gehen nicht ran, wenn das Telefon klingelt, und wir rufen auch niemanden an – das ist kein moralischer Despotismus, keine verstaubte Etikette, auch kein Erziehungsterror. Im Gegenteil, das ist familiäre Notwehr gegen die permanente Zerstreuung. Ein halbstündiges Beharren auf uns selbst. Und wenn jetzt, gerade jetzt, Mamas oder Papas Chef anruft? Kurzes Zögern, zugegeben, aber die Antwort bleibt gleich: nein. Nein, nein, nein. Telefonieren können wir auch noch später. Also Stecker rausziehen, Anrufbeantworter an, Handy auf stumm schalten. Und alle zu Tisch! Heinrich Wefing
36. Darf ich als Vater mit meinen eigenen Schulhof-Schlägereien prahlen?
Kinder sollen selbstverständlich zur Friedfertigkeit erzogen werden. Wer also in der Jugend ständig auf die armen Mitschüler einprügelte, der sollte dies vor seinem Nachwuchs besser verschweigen. Aber die Erzählung von der einen, großen, wichtigen Schlägerei im Dienste der Gerechtigkeit kann dem Kind nicht schaden. Die Geschichte sollte möglichst dem David-gegen-Goliath-Muster folgen, vom Sieg des Schwachen gegen die Starken künden. Mein Vater etwa berichtete uns Kindern, dass er nur ein einziges Mal zuschlagen musste, um hernach ein friedvolles Schulleben führen zu können. Er war zuvor von Älteren gepeinigt worden. Sein Vater wiederum hatte ihn gelehrt, dass man – wenn es einmal unbedingt nötig sei – mit der Faust nicht auf den Kopf des Gegners zielen solle, sondern in den Kopf. Damit der Schlag auch wirkt.
Wenn mein Sohn die ersten Probleme auf dem Pausenhof hat, dann werde ich mit den Taten seiner Tante, meiner kleinen Schwester, prahlen. Ein schwächlicher Klassenkamerad von ihr war seit Längerem von einer Gruppe Jugendlicher aus seiner Nachbarschaft gepiesackt und erpresst worden. Eines Tages drohte er den Erpressern mit einer fiktiven Gruppe von Schulfreunden, die ihn angeblich rächen würden. Die Erpresser nahmen die Drohung sportlich und erschienen am folgenden Tag in Mannschaftsstärke und mit Knüppeln ausgerüstet auf unserem Pausenhof. So etwas hatte man an dieser Schule, die nahe dem Münchner Hauptbahnhof gelegen ist, noch nicht erlebt. In Panik flohen Schüler (darunter auch ich) und Lehrer in das Schulgebäude. Die angereisten Schläger hatten ihr Opfer aber schon entdeckt und wollten ihm nachsetzen. Ein Lehrer verriegelte die Tür hinter ihm. Die noch draußen standen, waren eine wegen ihres Übergewichts verspottete Lehrerin und – meine 13-jährige Schwester.
Wir, die wir ins Schulinnere geflohen waren, konnten nicht sehen, was genau sich in den nächsten Minuten auf dem Pausenhof abspielte. Nachdem die Polizei alarmiert worden war, trauten sich dann ein paar Mutige hinaus. Sie sahen die Schläger davonrennen. Ihr Rädelsführer hatte ein blutiges Gesicht. Meine Schwester gab später zu Protokoll, sie habe den Anführer nur ein wenig geschubst. Der sei leider unglücklich gefallen. Tobias Timm
37. Darf ich meinem Kind eine falsche Entschuldigung schreiben?
Nein. Lügen ist falsch. Schriftliches Lügen erst recht. Und die Kinder auch noch zu Komplizen der eigenen Unfähigkeit zu machen, Verantwortung zu übernehmen, geht gar nicht. Klares Nein. Heinrich Wefing
38. Darf ich stolz sein, wenn mein Kind in »Betragen« eine drei hat?
Tief drin in meiner Seele darf ich sowieso alles. Meine Gedanken müssen nicht moralisch oder vorbildlich sein, es ist schwierig genug, sein Verhalten so zu gestalten, dass man sich seiner nicht schämen muss. Natürlich gebe ich mich besorgt, nach außen, auch wenn ich selbst ebenfalls eine Drei in Betragen hatte und mein weiterer Lebensweg sich trotzdem einigermaßen erfreulich gestaltet hat. Erziehung ist Heuchelei! Rollenspiel! Als Kinder haben wir selber fast all das getan, was wir später, als Eltern, zu unterbinden versuchen. Wir haben die Seiten gewechselt, wir spielen eine biologisch notwendige Rolle, wir formen ein Über-Ich. Das ist der Job. Gleichzeitig sollten wir die Erinnerung an das Kind bewahren, das wir selbst einmal waren (ein schwieriges Kind? Ein ängstliches Kind?). Diese Erinnerung gibt uns Gelassenheit und bewahrt uns vor Überreaktionen. Meine damaligen Lehrer tun mir heute ein bisschen leid. Eigentlich bin ich nicht stolz. Aber im Kern war ich ein guter Junge. Glaube ich, hoffe ich. Harald Martenstein
39. Darf ich vor meinem Kind weinen?
Tränen der Rührung sind erwünscht, Tränen der Wut erlaubt, Tränen der Trauer notwendig. (Schon mal aufgefallen? In Deutschland geht kaum eine Familie mit kleinen Kindern zur Beerdigung, man tut so, als sei der Tote einfach weg.) Tränen des Kindes wegen sollte man möglichst nur weinen, wenn das Kind nicht dabei ist. Tanja Stelzer
40. Soll man gegen den schlechten Musikgeschmack seines Kindes einschreiten?
Ja, man soll. Noch besser wäre es allerdings, den Musikgeschmack gar nicht erst schlecht werden zu lassen. Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass kleine Kinder mit nervtötendem Gequäke und zuckersüßen Kitschklängen beschallt werden müssen. Mag sein, dass sie darauf hin und wieder besonders positiv reagieren, aber das ist kein Argument: Sie bekommen ja auch, hoffentlich, nicht zu jeder Mahlzeit Schokoladenkuchen mit Cola.
Kleine Kinder hören generell gern Musik, Klänge, Geräusche aller Art; wenn nichts anderes da ist, lauschen sie sogar sogenannter »guter« Musik. Und dann sind sie plötzlich Teenager und schreiten womöglich gegen den schlechten Musikgeschmack ihrer Eltern ein. Auch gut. Hört das Kind jedoch, trotz oder wegen oder mangels vorbeugender Maßnahmen, dezidiert schlechte Musik, sollte man sie ihm nicht verbieten. Sondern genau erklären, warum man sie schlecht findet. Das muss man natürlich erst mal selber herausfinden, was in vielen Fällen gar nicht so leicht ist. Wer sich aber diese Mühe nicht machen will, der hat logischerweise auch sein Recht verwirkt, sich in die Musik seiner Kinder einzumischen. Jürgen von Rutenberg
41. Soll ich sagen, wie schlecht ich in Mathe war?
Unbedingt! In irgendetwas muss der Vater schließlich schlecht sein. Vielleicht beflügelt dieses Wissen das Kind sogar, es dem Vater mit der Kurvendiskussion mal so richtig zu zeigen und Ableitungen nicht durch Ablenkungen misszuverstehen. Falls das Kind aber doch schlechte Mathe-Noten hat, dann kann man es mit dem Hinweis auf die Mutter trösten. Die war zwar im Mathe-Leistungskurs immer sehr gut. Aber Kopfrechnen kann sie heute schlechter als der Vater. Tobias Timm
42. Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich mein Kind aufs Internat gebe
Aber sicher. Internate sind die Schulen für die Doofen und die Reichen, ist klar. Auffangbecken für Scheidungsopfer, Wohlstandsverwahrloste, Schulversager und Loser aller Art, deren Eltern sich nicht anders zu helfen wissen. Komisch allerdings, dass diese Schulen sich plötzlich wachsender Beliebtheit erfreuen. Nicht weniger als 250 solcher Institute gibt es hierzulande, von lässig bis oberstreng, von unfassbar teuer bis überraschend bezahlbar. Die Nachfrage boomt. Dahinter können nicht nur die Doofen und die Reichen stecken. »Bayerische Schulen sind unsere fleißigsten Zulieferer«, bekennt ein Internatsleiter.
Ich habe meine Kinder nicht ins Internat geschickt. Sie wollten nämlich selbst hin. Vielleicht weil ich viel von meiner eigenen Zeit dort erzählt hatte. Vielleicht weil fast alle meiner Freundschaften aus dieser Zeit stammen. Oder weil meine Kinder begriffen, dass soziales Lernen in einer 24-Stunden-Gemeinschaft ganz von selbst funktioniert.
Darf man also sein Kind ins Internat geben? Keinesfalls, wenn es selbst nicht will. Und nicht ohne dass sich Eltern und Nachwuchs mindestens drei Schulen angeschaut haben, bevor die Entscheidung fällt. Unbedingt, wenn der Schulärger das Familienleben beherrscht. Eltern, die ihre Kinder aufs Internat geben, sollten sich nicht wundern, wenn aus dem Chiller plötzlich der Punktesammler, aus dem Partyküken die Chefin des Schulcafés wird. Kann aber sein, dass das Telefon daheim klingelt, weil es Ärger gab mit Alkohol, Abmelden oder Autofahren. Alles schon gehabt, alles gut geregelt. Oder Püppi schickt herzzerreißende Mails, wegen Liebeskummer oder wegen des »Vollhonks« im Englisch-Leistungskurs. Auch über 400 Kilometer hinweg bleiben Eltern die besten Tröster. Anna von Münchhausen
43. Soll man den besten Freund des Kindes mit in den Urlaub nehmen?
Wenn man den Freund beziehungsweise die Freundin gut kennt und er oder sie das Windelalter hinter sich hat: warum nicht? Wenn die Eltern des Freunds ihr Kind genauso zur Selbstständigkeit erzogen haben wie man (hoffentlich!) selbst, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Urlaub entspannter wird, erlebnisreicher für die Kinder und ruhiger für die Eltern.
Nicht vergessen sollte man, mit dem mitreisenden Kind und seinen Eltern vor der Abfahrt ganz offen über ein paar Dinge zu sprechen: über Schlafenszeiten, den Abwasch und darüber, was jeder zum Urlaub beisteuert. Wie wichtig das ist, wurde mir schmerzhaft klar, nachdem Jan, eines von gefühlt 20 fremden Kindern, die wir im Lauf der Jahre mit nach Menorca genommen haben, zum gemeinsamen Urlaub eine verdammt schwere Reisetasche mit zum Flughafen gebracht hatte. Die vier Kilo Übergepäck kosteten uns 80 Euro. Erst beim Auspacken im Ferienhaus stellte sich heraus, dass Jan vier Ein-Kilo-Gläser Nutella dabeihatte. Unser Sohn Lukas hatte seinem Freund erzählt, wir würden da immer »so ein einheimisches Zeug« kaufen. Kein richtiges Nutella. In diesem Urlaub aber aßen wir die wohl teuerste Nuss-Nougat-Creme aller Zeiten. Wolfgang Lechner
44. Wie viel muss ich wissen über das Sexleben meines Kindes?
Gegenfrage: Wann beginnt das eigentlich? Wenn kleine Jungs ein Wettpinkeln veranstalten? Wenn die Fünfjährige versunken auf der Sessellehne hin und her rutscht? So weit, so Freud, so offensichtlich. Die Frage zielt offenbar auf ein anderes Alter. Sagen wir: ab vierzehn, wenn die ersten Knutschpartys dran sind. Regeln setzen ist in Ordnung, Fragen nach Details provozieren aber meist Heimlichtuerei. Papa mag den Kerl mit Lederjacke furchtbar finden, der die Tochter abholt. Mama mag sich irgendwann Sorgen machen, ob der Sohn genug Ahnung von Verhütung hat. Zu spät! Lebbe ist weitergegangen, Kind ist groß, und morgens begrüßt man eines Tages am Frühstückstisch einen Unbekannten, der offensichtlich hier übernachtet hat. Die einzige Frage, die dann möglich ist, lautet: Kaffee oder Tee?
Bekanntlich ist das pubertäre Hirn eine einzige Baustelle. Was daran liegt, dass insbesondere der Frontallappen des Gehirns in dieser Phase seine Tätigkeit komplett einstellt. Normalerweise ist er dafür zuständig, die Folgen des eigenen Handelns vorauszuberechnen und einzuschätzen. Dass das gerade jetzt nicht mehr stattfindet, hat Folgen, auch was die Sexualität betrifft. Darauf sollten Eltern gefasst sein. Dennoch lautet meine Antwort auf die Frage: Wissen muss ich nur das, was mein Kind, das jetzt kein Kind mehr ist, mir selbst erzählt. Anna von Münchhausen
45. Was mache ich, wenn mein Kind zu »DSDS« will?
Normalerweise gehen meine Feuilletonkollegen am Samstagabend ins Theater, oder sie lesen zu Hause ein gutes Buch. Durch Zufall schauen zwei meiner Feuilletonkollegen heute aber Fernsehen und sind auf RTL geraten. Es läuft eine Castingshow namens DSDS.
Meine Kollegen kennen diese Buchstabenfolge als Synonym für Schmuddel-TV. Normalerweise würden sie jetzt so schnell weiterzappen, wie sich Licht durchs All bewegt. Aber sie haben einen Namen gehört, der sie stutzig macht. Normalerweise schicken sich meine Kollegen am Samstagabend keine SMS. Heute schon. »RTL anmachen. Kann das die Tochter von Ursula März sein?«, schreibt der eine Kollege an den anderen Kollegen. Im Fernsehen ist jetzt das Gesicht von Dieter Bohlen zu sehen. Er gibt gerade einen Kommentar ab zu dem Gesang der 17-Jährigen, die auf der Bühne steht. Jetzt bin ich im Fernsehen zu sehen. Ich sitze im Haufen der Kandidatenfamilien; 90 Prozent bildungsferne Proleten. Der andere Kollege schreibt eine SMS zurück. Ich versuche sie zu lesen, ich konzentriere mich wie wild auf den SMS-Text, ich kann ihn einfach nicht entziffern, mein Puls rast, ich bin so verzweifelt, wie man in Albträumen verzweifelt ist. Da wache ich auf.
Ich gehe in die Küche, koche Tee und mache mir die schlimmsten Vorwürfe. Was ist mit mir als Mutter los, dass ich so einen Mist träume. Ich bin opportunistischer, konventioneller, feiger als meine eigene Mutter, die immer Angst hatte, was die Nachbarn sagen. Das waren Kleinstadtspießer. Ich habe es mit netten Kollegen zu tun. Mir ist schlecht vor Scham. Wie kam ich je dazu, anderen Leuten aufgeplustert zu erklären, Kinder hätten ein Recht auf die Realität, in die sie hineingeboren wurden. Eltern seien nicht dazu da, ihnen Realitäten einfach zu verbieten, sondern ihnen ein differenziertes Verhältnis auch zu solchen Realitäten zu ermöglichen, die ihnen selbst geschmacklich nicht passen. Also auch zur Realität von Castingshows. Ein paar Stunden später sage ich beim Frühstück zu meiner Tochter: »Hättest du Lust, bei DSDS mitzumachen?«
»Wieso?« »Ich wollte nur sagen, wenn, dann kannst du voll auf mich zählen.«
»DSDS nicht, nö, aber bei Germany’s Next Topmodel würde ich mich echt gern mal bewerben.«
»Germany’s Next Topmodel? Entschuldige«, sage ich, »aber das kommt ja wohl echt nicht infrage«.
»Ach nee«, sagt meine Tochter, »und was ist da bitte der Unterschied?«
»Es ist ein Unterschied, ob man sich von Dieter Bohlen dumm anreden lässt oder vor Heidi Klum in Unterwäsche rumläuft.«
»Und das entscheidest du, ja?«
»Genau«, sage ich, »das entscheide ich.« Ursula März
46. Darf ich meinem Kind ein Piercing verbieten?
Ich habe auf jeden Fall das Recht, die Zustimmung zu dieser Körperverletzung zu verweigern, bis das Kind 18 ist. Das Kind wird mit Geschmacks- und Lebensstilargumenten kommen und mich unglaublich spießig und gestrig finden. Tough luck!
Ich halte das Piercing für eine Selbststigmatisierung. Es ist ein Symbol, das, wie auch immer der Träger es deutet, von der Mehrheit der unbefangenen Betrachter in einer bestimmten Weise verstanden wird. Und zwar als eine Art Negativ-Katalog all dessen, was ich meinem Kind wünsche. Das Piercing ruft: Hässlich, und mit Absicht! Antibürgerlich! Unterschichtenkultur! Trash-Massenmedien! Idiotenkapitalismus! Meine Hand oder Unterschrift reiche ich dazu nicht. Susanne Gaschke
47. Soll ich meinem Sohn sagen, dass ich seine Freundin nicht mag?
Nein, so sollte man das nicht sagen. Der Schaden, den verletzende Direktheit anrichten kann, ist es nicht wert. Pädagogischer Humor und Diplomatie – »endlich kommt jemand ins Haus, der mich altes Eisen vor der Einrostung bewahrt« – sind hier eher gefragt für den Fall, dass mir der Freund einfach nicht liegt. Falls er sich meiner Tochter gegenüber dauerhaft garstig benimmt, wäre allerdings eine ehrliche Bemerkung angebracht. Wie bei engen Freunden auch. Ursula März
48. Darf ich mein Kind aus dem Club abholen?
Bloß nicht. Aus drei Gründen. Der Satz »Meine Tochter ist da drin« wird keinen Türsteher beeindrucken, weil er wie ein dummer Trick klingt. Selbst wenn Sie drin sind, würden Sie Ihr Kind nie finden, sondern in den zuckenden Lichtblitzen herumtappen wie ein Maulwurf. Und sollten Sie – wider alle Wahrscheinlichkeit – Ihr Kind doch aufspüren, wäre die Stimmung für mindestens drei Wochen katastrophal. Zu Recht. Sie hätten Ihren Sohn oder Ihre Tochter übel blamiert und sich selbst lächerlich gemacht. Das heißt nicht, dass es für minderjährige Szenegänger nicht ein paar Regeln geben sollte, was Alkohol und Heimkehrzeit betrifft. Ist Verhandlungssache. Die Aussicht auf Beachtung der Regeln ist höher, wenn sie mit den Eltern der Freunde abgestimmt werden. Selbst wenn das einigermaßen klappt, sollten Sie damit rechnen, ab und an nachts mit klopfendem Herzen wach zu liegen und sich grässliche Dinge auszumalen. Das geht vorbei. Anna von Münchhausen
49. Was tue ich, wenn mein 16-Jähriger Sohn Behindertenwitze erzählt?
Ist der Witz gut? Ich glaube, dass man, im Grundsatz, über fast alles Witze machen darf, der Witz ist ein Überlaufventil für unsere Seele, wie das Weinen, wie das Schreien. Es gibt natürlich solche und solche Witze. Das Verhalten meines Sohnes gegenüber Behinderten wäre mir, in jedem Fall, tausendmal wichtiger als die Witze, die er erzählt. Sechzehn, das ist ein grausames Alter, ein Alter der Frustrationen und des halben Erwachsenseins, der Ohnmacht und der Wut. Es ist schwierig, einem 16-Jährigen zu zeigen, dass man ihn liebt. Und wenn man über einen schlechten Witz lacht? Harald Martenstein
50. Darf ich der Facebook-Freund meines Kindes sein?
Gegen eine Facebook-Freundschaft von Eltern und Kindern ist grundsätzlich wenig einzuwenden – heikel ist eher die Frage, wie sie angebahnt wird. Ergreife ich als Mutter die Initiative, provoziere ich einen Gewissenskonflikt – das Kind muss abwägen, was ihm wichtiger ist: mein Wohlwollen oder die Intimität seines sozialen Netzwerkes. Denn Freundschaftsanfragen von Eltern lassen sich nicht so einfach wegklicken wie jene von unliebsamen Bekannten. Statt also mein Kind durch eine Anfrage in Verlegenheit zu bringen, warte ich lieber, ob es von sich aus den Kontakt sucht. Tut es das, dann habe ich mich als Mutter bewährt: Offenbar bin ich meinem Kind nicht peinlich. Und offenbar muss es das, was sich auf seiner Facebook-Seite abspielt, nicht vor mir verbergen. Die Facebook-Freundschaft ist ein Vertrauensbeweis. Ilka Piepgras
51. Soll man Kindern von eigenen Drogenerfahrungen erzählen?
Ja und nein. Es geht nicht darum, ob man vom eigenen Drogenkonsum erzählt, sondern wie, in welchem Moment und mit welcher Intention. Angeberei ist ebenso zu vermeiden wie Horrifizierung. Sinnvoll hingegen, dem Kind zu veranschaulichen, dass es nicht von einem Marsmenschen erzogen wird, sondern von einer Person, die etwas Ahnung hat vom Leben, von Schulhöfen und Discos. Ursula März
52. Darf ich meiner Tochter verbieten, in der Schule zu viel Dekolleté zu zeigen?
Die Dekolleté-Frage ist natürlich mit äußerster Delikatesse zu behandeln. In meiner Zeit wurden Schülerinnen ja noch zum Umziehen nach Hause geschickt, wenn die Bluse zu durchsichtig war. Das fanden wir spießig. Wir waren damals ja auch der Ansicht, dass Büstenhalter kleinbürgerlich sind, und dachten uns nichts dabei, nach Schulschluss im Wannsee vor den Augen der Ausflugdampfergäste nackt baden zu gehen. Und nun sitzen wir am Frühstückstisch und fragen die Tochter, ob sie sich über diesen megatiefen Ausschnitt nicht mal einen schönen Schal machen könnte, und schämen uns ein bisschen dabei. So weit ist es mit uns gekommen.
Andererseits: Soll denn jeder Kerl der Tochter auf den Busen starren? Das Kind ist damit womöglich überfordert und der Busen größer als der Verstand? Also doch lieber der Brustverhüllungsvorschlag. Was bei den einen das Kopftuch, ist bei uns inzwischen das Brusttuch. Ganz ohne Tuch geht in der Töchtererziehung offenbar nichts. Was ganz zwanglos zur nächsten Frage führt. Iris Radisch
53. Darf man nackt vor seinem Kind aus dem Bad kommen?
Hier gehen Eltern- und Kinderinteressen weit auseinander. Grundsätzlich möchte man sich doch in seiner eigenen Wohnung so tuchlos wie nur möglich aufhalten dürfen. Zumal man ja diese Nacktbadevergangenheit im Wannsee hat. Im heutigen Familienleben ist es jedoch so, dass die Töchter sich zwar tief dekolletiert, aber niemals hüllenlos ins Bad begeben und überhaupt bei den jungen Leuten alles wieder ein bisschen so zugeht wie in der Zeit, als die Frau dem Mann erst bei der Totenwäsche zum ersten Mal die Hosen runterzog. Ein neuer Generationenkonflikt zeichnet sich ab. Den Töchtern ist die Badetuchlosigkeit der Mutter ein Dorn im Auge. Die Mutter fürchtet um ihre freikörperkulturellen Veteranenfreuden. Hier ist guter Rat gefragt. Meiner wäre: hart, also nackt bleiben. Tuch und Tuchlosigkeit müssen sich in der Töchtererziehung abwechseln. Iris Radisch
54. Muss ich mein Kind ins Ausland treiben?
Im Zweifelsfall: ja! Denn bei einem Kind, das nicht freiwillig ins Ausland gehen will, wenn seine Eltern ihm das ermöglichen, muss man annehmen, dass etwas mit der Erziehung zu Selbstständigkeit und Neugierde nicht funktioniert hat. Dann ist es höchste Zeit für einen Schubs in aller Liebe.
Für die ganz Zögerlichen, für die »Mal schaun«- und die »Weiß nicht«-Typen übrigens empfehle ich Afrika: Freiwilligenarbeit in einem kenianischen Waisenhaus zum Beispiel oder in einem Aids-Projekt in Swasiland.
Da reifen Jugendliche blitzschnell nach. Und wissen plötzlich genau, was sie vom Leben wollen und dass sie selbst etwas dafür tun müssen. Wolfgang Lechner
55. Darf ich mich in die Studienfachwahl meines Kindes einmischen?
Ehemals studierten die Kinder (die Söhne) das, was die Väter für sie vorgesehen hatten. Später studierten die Kinder (jetzt waren auch schon Töchter dabei) das, was den Vorstellungen ihrer Väter am schärfsten widersprach. Heute studieren die Kinder (und in der Mehrzahl sind es Töchter) das, was ihnen der Numerus clausus erlaubt. Und wenn sie eine Wahl haben und wenn elterlicher Rat überhaupt noch gefragt ist, dann sollte man ihnen auf jeden Fall raten, ihren Neigungen zu folgen und nicht den Irrlichtern des Arbeitsmarktes. Ulrich Greiner
- Datum 09.03.2010 - 14:47 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 25.02.2010 Nr. 09
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... an die versammelte Autorenschaft.
Ich weiß zwar kein bisschen mehr als vorher über Erziehung, habe mich aber köstlich amüsiert :-)
Werde fleißig für die Weiterverbreitung des Knigge sorgen ...
Ihre Fragen sind schön und gut, aber einige Fragen vermisse ich, die mir aktueller und am Allerwichtigsten erscheinen, vermisse ich sehr.
1. Wie soll ich meinem Kind erklären, dass ein katholischer Pfarrer, der Kinder (sexuell) missbraucht hat, die Beichten abnimmt, die Absolution erteilt, und im Namen Gottes handelt?
2. Wie soll ich meinem Kind erklären, dass es Pfarrer gibt, die sich in ihrem Reich wie Götter verhalten, und wenn sie wegen Kindesmissbrauch zur Rede gestellt werden, sagen: "Wir sind nur Menschen".
3. Wie soll ich meinem Kind erklären, dass es in Sachen Kindesmissbrauch "Menschen" gibt, die weder einschreiten, noch die Sache verhindern?
4. Wie soll ich meinem Kind erklären, dass die menschliche Justiz für solche Verbrechen eine Verjährungsfrist (in der Regel 10 Jahre) vorgesehen hat?
5. Wie soll ich meinem Kind erklären, dass es doch noch an das Gute in den Menschen glauben soll?
Mich interessieren diese Fragen viel mehr als die Frage, ob mein Kind DSDS gucken darf.
Denn Sie würden ja auch nicht vor Mördern und Räubern warnen, wenn ihr Kind mal allein unter andere Menschen geht. Ich würde mir allerdings den Pfarrer mal ansehen und das Thema ansprechen, wenn es für mich wichtig wäre, ohne meiner Tochter oder meinem Sohn was davon zu sagen.
Genauso wie ich Klassenpflegschaftssitzungen und ähnliches besuche. Würden mein Sohn oder meine Tochter in eine bestimmte Schule in meiner Region gehen, hätte ich auch, ohne ihm/ihr was davon zu sagen, bereits ein Netzwerk widerstandsbereiter Eltern gegründet, mit denen ich im Fall von Raub und Erpressung einschreiten würde.
Denn Sie würden ja auch nicht vor Mördern und Räubern warnen, wenn ihr Kind mal allein unter andere Menschen geht. Ich würde mir allerdings den Pfarrer mal ansehen und das Thema ansprechen, wenn es für mich wichtig wäre, ohne meiner Tochter oder meinem Sohn was davon zu sagen.
Genauso wie ich Klassenpflegschaftssitzungen und ähnliches besuche. Würden mein Sohn oder meine Tochter in eine bestimmte Schule in meiner Region gehen, hätte ich auch, ohne ihm/ihr was davon zu sagen, bereits ein Netzwerk widerstandsbereiter Eltern gegründet, mit denen ich im Fall von Raub und Erpressung einschreiten würde.
... also unsere tochter hat immer gut geschlafen auf festen, die wir besuchten - erst bei zwei kindern haben wir das aufgegeben.
Ich hab's schon oft verprügelt, doch auch davon wurd's nicht besser.
Nachdem ich in den vergangenen Wochen und Monaten unüblich viele Menschen getroffen habe für die Kinder lästig sind, möchte ich zu der Sammlung noch folgende Frage hinzufügen:
Sollte man Menschen für die Kinder nicht selbstverständlich sind einen Behindertenausweis ausstellen?
Ich sehe gar nicht ein mich für Kinder rechtfertigen zu müssen, auch nicht auf Partys. Ich verlange eine Umkehr der Beweislast: Leute die keine Lust auf Kinder haben sollen sich doch bitteschön dafür rechtfertigen, dass Sie mit den Ansprüchen des Lebens nicht zurechtkommen.
Nur neigen Menschen mit (kleinen) Kindern meiner Beobachtung nach deutlich dazu, sich selbst ein solches Dokument auszustellen. Inschrift: "Die InhaberIn dieses Ausweises hat sich nachweislich in den Dienst der Fortpflanzung gestellt und ist somit auf unabsehbare Zeit von jeglicher Pflicht zur Umsicht und Rücksichtnahme in Alltagssituationen jeder Art befreit. Sollten die eigenen Kinder sich selbst und/oder andere durch ihr Verhalten gefährden, hat die TrägerIn mit betonter Gleichgültigkeit, ersatzweise verstärktem Handy-Einsatz, zu reagieren. Etwaige Kritik durch Dritte ist durch sofortigen Hinweis auf die durch die eigenen selbstlosen Einsatz gesicherten Renten des Sprechers abzuwehren. Achtung: dieser Ausweis verfällt, sollten Sie nicht sofort mit Strafanzeige drohen, sofern jemand anders mäßigend auf Ihre lieben Kleinen einzuwirken versucht! - Die Genderministerin oder der Genderminister der ehemals Freien und Hansestadt Hamburg"
Ich habe dieses Land und vor allem mein berufliches und privates Umfeld als sehr kinderfreundlich kennen lernen dürfen, bin allerdings wie die meisten Menschen nicht tolerant, wenn man mir ein Restaurantessen mit Rumtoben, Schreien und ähnlichem zu "versüßen" meint. Für mich habe ich es als Maxime gelebt und auch von anderen als gut gangbaren Weg erlebt, wenn von beiden Seiten Toleranz und Rücksichtnahme erfolgt und Kinder nicht per se einen Terrorfreischein bekamen.
Partys mit Kindern nennt man gemeinhin Kindergeburtstag und sie haben einen gänzlich anderen Charakter als familienorientierte Feste oder Feiern, die ich mit meinen erwachsenen Freunden als Spass für Erwachsene feiere und auf denen Kinder keinen Raum haben.
Alles dort, wo es hin paßt und Kinder bitte nicht überall und nicht in jeder Form sich grenzenlos ausagierend. Dann kommt für alle ein guter Alltag raus.
Nur neigen Menschen mit (kleinen) Kindern meiner Beobachtung nach deutlich dazu, sich selbst ein solches Dokument auszustellen. Inschrift: "Die InhaberIn dieses Ausweises hat sich nachweislich in den Dienst der Fortpflanzung gestellt und ist somit auf unabsehbare Zeit von jeglicher Pflicht zur Umsicht und Rücksichtnahme in Alltagssituationen jeder Art befreit. Sollten die eigenen Kinder sich selbst und/oder andere durch ihr Verhalten gefährden, hat die TrägerIn mit betonter Gleichgültigkeit, ersatzweise verstärktem Handy-Einsatz, zu reagieren. Etwaige Kritik durch Dritte ist durch sofortigen Hinweis auf die durch die eigenen selbstlosen Einsatz gesicherten Renten des Sprechers abzuwehren. Achtung: dieser Ausweis verfällt, sollten Sie nicht sofort mit Strafanzeige drohen, sofern jemand anders mäßigend auf Ihre lieben Kleinen einzuwirken versucht! - Die Genderministerin oder der Genderminister der ehemals Freien und Hansestadt Hamburg"
Ich habe dieses Land und vor allem mein berufliches und privates Umfeld als sehr kinderfreundlich kennen lernen dürfen, bin allerdings wie die meisten Menschen nicht tolerant, wenn man mir ein Restaurantessen mit Rumtoben, Schreien und ähnlichem zu "versüßen" meint. Für mich habe ich es als Maxime gelebt und auch von anderen als gut gangbaren Weg erlebt, wenn von beiden Seiten Toleranz und Rücksichtnahme erfolgt und Kinder nicht per se einen Terrorfreischein bekamen.
Partys mit Kindern nennt man gemeinhin Kindergeburtstag und sie haben einen gänzlich anderen Charakter als familienorientierte Feste oder Feiern, die ich mit meinen erwachsenen Freunden als Spass für Erwachsene feiere und auf denen Kinder keinen Raum haben.
Alles dort, wo es hin paßt und Kinder bitte nicht überall und nicht in jeder Form sich grenzenlos ausagierend. Dann kommt für alle ein guter Alltag raus.
...mir sehnlichst, es gäbe viel, viel auf diese angenehme Art weiser Eltern, wie ie obigen Verfasser des Artikels. Wer es schafft ein Kind mit der mich dort anlächelnden Weitsicht und Großmut zu erziehen hat schon eine ganze Menge grundlegend richtig gemacht. Danke für diese schönen Tips.
Nur neigen Menschen mit (kleinen) Kindern meiner Beobachtung nach deutlich dazu, sich selbst ein solches Dokument auszustellen. Inschrift: "Die InhaberIn dieses Ausweises hat sich nachweislich in den Dienst der Fortpflanzung gestellt und ist somit auf unabsehbare Zeit von jeglicher Pflicht zur Umsicht und Rücksichtnahme in Alltagssituationen jeder Art befreit. Sollten die eigenen Kinder sich selbst und/oder andere durch ihr Verhalten gefährden, hat die TrägerIn mit betonter Gleichgültigkeit, ersatzweise verstärktem Handy-Einsatz, zu reagieren. Etwaige Kritik durch Dritte ist durch sofortigen Hinweis auf die durch die eigenen selbstlosen Einsatz gesicherten Renten des Sprechers abzuwehren. Achtung: dieser Ausweis verfällt, sollten Sie nicht sofort mit Strafanzeige drohen, sofern jemand anders mäßigend auf Ihre lieben Kleinen einzuwirken versucht! - Die Genderministerin oder der Genderminister der ehemals Freien und Hansestadt Hamburg"
Ich habe dieses Land und vor allem mein berufliches und privates Umfeld als sehr kinderfreundlich kennen lernen dürfen, bin allerdings wie die meisten Menschen nicht tolerant, wenn man mir ein Restaurantessen mit Rumtoben, Schreien und ähnlichem zu "versüßen" meint. Für mich habe ich es als Maxime gelebt und auch von anderen als gut gangbaren Weg erlebt, wenn von beiden Seiten Toleranz und Rücksichtnahme erfolgt und Kinder nicht per se einen Terrorfreischein bekamen.
Partys mit Kindern nennt man gemeinhin Kindergeburtstag und sie haben einen gänzlich anderen Charakter als familienorientierte Feste oder Feiern, die ich mit meinen erwachsenen Freunden als Spass für Erwachsene feiere und auf denen Kinder keinen Raum haben.
Alles dort, wo es hin paßt und Kinder bitte nicht überall und nicht in jeder Form sich grenzenlos ausagierend. Dann kommt für alle ein guter Alltag raus.
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