Draußen, vor der Balkontür im obersten Stock des Neubaus, türmt sich der Schnee, dahinter liegt eine weiße Stadt – es ist bitterkalt an diesem Wintertag in Frankfurt-Bornheim. Drinnen ist es hell und warm. Die Thalmanns – sie, 31, Architektin, er, 34, Portfoliomanager einer Immobilienfirma, und der zweijährige Sohn Noah – haben all das, was man sich vorstellt, wenn man an eine moderne Wohnung denkt: große Fenster, schlichte Einbauküche, eckiges Sofa, Gästetoilette, Flachbildschirm.

Alles, nur die Heizung fehlt.

Kein Ofen, kein Nachtspeicher, keine Öl- oder Zentralheizung. Nichts. Wenn es im Winter draußen friert, heizen die Thalmanns mit der Wärme ihrer Körper und derjenigen, die Lampen, Waschmaschine, Föhn oder Fernseher abstrahlen. Jeder Haushalt, nicht nur der Thalmannsche, produziert genug Wärme für eine Raumtemperatur von durchschnittlich 21 Grad – in den meisten Fällen geht sie jedoch verloren durch Ritzen, Mauerwerk, Glasfronten und schlecht isolierte Böden. Wenn die Thalmanns ihre Fenster schließen, bleibt die Wärme drin: Sie bewohnen ein Passivhaus, das ähnlich dicht isoliert ist wie eine Thermoskanne oder ein guter Schlafsack. Die Familie ist eine von 17 Parteien, mitten in Frankfurt am Main.

Der kleine Noah krabbelt am Boden und spielt mit seinen Modellautos, sein Vater sitzt in Jeans und T-Shirt auf dem Sofa. Thalmann ist kein Typ, der gern verzichtet oder sich übermäßig für die Natur aufopfert. Er sei da nur so reingeraten, die Miete sei nicht höher als bei den anderen Wohnungen, die sie sich angeschaut hätten, erklärt er. Wegen der Lage haben sich die Thalmanns schließlich für diese Wohnung entschieden. Auf der Straße spazieren gut gekleidete Menschen an kleinen Cafés vorbei, junge Eltern schieben teure Kinderwägen.

Als sie vor einem Jahr einzogen, herrschten draußen minus 15 Grad. Die Schwiegereltern brachten Wolljacken, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein Haus ohne Heizung warm genug wird. Und dann hatten die Thalmanns auch noch das Baby. Doch als alle Kisten in der Wohnung standen, war die Temperatur bereits angenehm.

Über jeder Zimmertür ist ein kleines Gitter in die Wand eingelassen, eine Klimaanlage, durch die frische Luft hereinströmt. Der sogenannte Wärmetauscher führt die verbrauchte Luft aus der Wohnung in dünnen, verschachtelten Kanälen an der Außenluft vorbei – ohne sie zu vermischen. Dabei gibt die Luft von innen 80 Prozent ihrer Wärme an die von außen ab, sodass die neue Luft bereits angewärmt hereinkommt. Der Rest heizt sich schnell auf: Etwa 100 Watt strahlt ein Mensch ab, so viel wie zehn Teelichter und etwas mehr als eine Glühbirne, die nur drei Prozent der verbrauchten Energie in Licht umwandelt. Herd und Laptop helfen zusätzlich, sodass die Thalmanns nicht frieren.

Der einzige bemerkbare Unterschied, sagt Kai Thalmann, sei die Nebenkostenabrechnung. Der Strom für die Lüftung kostet monatlich etwa sieben Euro – nichts ist das im Vergleich zu regulären Heizkosten. "Um das als Vorteil zu sehen, muss man sich nicht mal für Ökologie interessieren", sagt Thalmann.