Gesellschaftskritik : Über exotische Vornamen

Die Namensgebung unterliegt einem ebenso kurzlebigen Trend wie manchen Moden. Ausgefallene Variationen haben jedoch den Vorteil, dass sie flexibel interpretierbar sind.

Vornamen sind ein eigentümliches Kulturphänomen. Obwohl sie für ein langes Leben halten müssen, folgen sie Moden, die mindestens so kurzlebig und vergänglich sind wie die Rocklänge, die Absatzhöhe und die Farbe von Latzhosen – ganz zu schweigen von der Latzhose selber, die nach kurzer, hitziger Konjunktur, wenn nicht alles täuscht, für immer verschwunden ist. Man muss also für die kleine Nayla Alessandra, die Tochter von Oliver Pocher und Sandy Meyer-Wölden (hier sind auch die Nachnamen ein Phänomen), sehr hoffen, dass sich Nayla nicht als die Latzhose unter den Vornamen herausstellen wird. Der Name wäre dann zwar ein Unikat, würde aber die Trägerin unverrückbar auf das Jahr 2010 datieren, als in Deutschland die Mode der exotischen Vornamen umging.

Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen. © Frazer Harrison/Getty Images

Im Gegensatz zu einem banalen Vornamen wie Anna, der nur eine, unverhandelbare Bedeutung hat (nämlich hebräisch "Gnade"), ist bei Nayla schon die Ursprungssprache strittig. Ist sie Arabisch ("Erfüllung") oder Indianisch ("Ich liebe dich") oder gar Hawaiianisch ("Das Mädchen aus dem Paradies")? Eine Frau namens Nayla, obwohl sie niemals mit ihrem Geburtsjahr wird schummeln können, kann also andererseits je nach Lebensphase flexibel mit der Botschaft ihres Namens umgehen. Wenn sie sich dann noch durch Heirat einen Doppelnamen zulegt, steht einer Karriere als FDP-Politikerin oder Tennisluder nichts mehr im Weg.

Das ist mit Silke oder Tanja, um zwei Modenamen längst vergessener Jahrzehnte ins Gedächtnis zu rufen, ganz anders gewesen. Die arme Tanja wurde niemals FDP-Politikerin, und auch die erotische Ausstrahlung von Silke hielt sich immer in ziemlich eng umschriebenen Grenzen.

Insofern ist es vielleicht ungerecht, ausgerechnet Oliver Pocher und Sandy Meyer-Wölden, weil sie sich durch ihre sogenannte Medienpräsenz aufdrängen, stellvertretend für die Masse der originalitätswütigen Eltern zu kritisieren. Sie haben alles richtig gemacht.

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Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Namensgebung

Es gibt schöne und weniger schöne Vornamen für den Menschen und dass sie dem vielzitierten Zeitgeist unterliegen ist eben so.
Höchst albern und nachgerade verwerflich ist m.E. die Namensgebung dann, wenn überkandidelte Eltern mit dem Anspruch "besonders" zu sein und auch etwas "Besonderes" zu benennen, ihrem Nachwuchs Namen (besser: Namensungetüme) verpassen, die geeignet sind, den Träger ein Leben lang darunter leiden zu lassen.
Drangsaliert werden Kinder dieser Eltern heute schon genung. Da muss man ihnen nicht noch die allerdämlichsten Vornamen verpassen.

Alles Ansichtssache

"Die arme Tanja wurde niemals FDP-Politikerin" Da würde ich hingegen sagen, dass das derzeit ein triftiger Grund ist, seine Tochter Tanja zu nennen. Es ist ja nicht gerade besonders schön, derzeit mit dem Ruf eines FDP Politikers umherzuziehen.
Ansonsten sind Namen natürlich eine Mode, aber das sind sie immer schon gewesen. Als die Leute in Deutschland noch an den "Weihnachtsmann glaubten der sich dann als Gasmann herausstellte" (Zitat aus dem Film die Blechtrommel, das Buch von Günther Grass habe ich nie gelesen) hießen plötzlich alle wie der Gasmann. Das nahm auch ab und an absurdeste Formen an, so kenne ich eine Frau, die "Adolfine" heißt, was ja auch nicht gerade umwerfend ist und ziemlich gezwungen zusammengestuckelt klingt.
Nayhla ist da schon noch besser, auch wenn ich mein Kind nicht unbedingt so nennen würde.
Da würde mir "Appolonia" schon besser gefallen, das klingt nach Römischem Mittelmeer Sonneuntergang.

Deutsche Vornamen

Mir ist schleierhaft, warum traditionelle/deutsche Vornamen immer seltener vorkommen. Besonders in der Unterschicht scheint man seinen Kleinen lieber Justin oder Mike nennen zu wollen als Hans oder Felix. Wahrscheinlich ist das der Einfluss von Hollywood und die Einbildung, man hätte jetzt sein Kind quasi per Namen zum Weltbürger gemacht. In meinen Augen ist das kontraproduktiv. Ich finde der Name sollte auch mit der Herkunft im Einklang stehen. Schließlich dürften wir schon leicht irritiert schauen, wenn sich ein Chinese mit dem Namen Detlef vorstellte. Das würde uns irgendwie falsch vorkommen.

Ich glaube Sie verwechseln da etwas

nämlich das mein Einwand in keinster Weise "rumgetrolle" ist, nur weil er Sie auf Ihre seltsame Weltsicht aufmerksam macht. Für Ihre Annahme, dass insbesondere in der "Unterschicht" irgendwelche "undeutschen" Namen vorhanden sind, hätte ich gerne mal ein paar Belege/Quellen.

Vielmehr scheint es, als stützten Sie sich auf irgendwelche Vermutungen, die in IHRE Sicht der sog. "Unterschicht" passen und darauf wollte ich Sie hinweisen. Denn wenn jemand aus der "Ober- oder Mittelschicht" aufgrund irgendwelcher Gründe in die "Unterschicht" rutscht und dann dieser angehört (wobei hier sowieso die Frage zu klären wäre, was/wann man überhaupt in eine der "Schichten" etc. fällt), sollte man ja davon ausgehen können, dass hier andere Namen vergeben werden und so wiederum von Ihnen anscheinend als "angemessen" erachtete Namen in die "Unterschicht" eingehen (würden).

Im Übrigen würde ich auch in Frage stellen, ob ihr Beispielname "Felix" wirklich deutsch ist bzw. warum gerade "Felix" oder "Hans" "bessere" oder "schlechtere" Namen für einen Menschen sein sollen. Dadurch dass Sie mit bestimmten Namen eine Wertung verknüpfen und sie irgendwelchen_wie_auch_immer gearteten bzw. definierten "Schichten" zuorden stecken Sie doch nur Leute in IHRE Schubladen und werten diese automatisch ab, wenn sie das Pech haben, in eine Ihrer negativ-besetzten Schubladen gesteckt zu werden.