Staatskrise in Griechenland Operation Quittungsblock

Weil Griechenland fast bankrott ist, will die Regierung die Bürger nun zu aufrechten Steuerzahlern erziehen. Die wehren sich.

Generalstreik: Athen am Mittwoch

Generalstreik: Athen am Mittwoch

Der gegrillte Fisch ist die Verführung schlechthin. Schneeweiß liegt er auf dem Salatbett, hungrig beugt sich die Gruppe über ihn. Weißwein wird ausgeschenkt, jemand spielt Gitarre. Eleni feiert ihren Geburtstag, Sotiris, der Dorfwirt, hat seine Taverne zur Verfügung gestellt. Draußen fließt der Axios vorbei, ein Landregen weicht seine grünen Ufer auf. Aus der Taverne sehen wir direkt auf eine Brücke. Sie ist vor einigen Jahren mit Brüsseler Geld renoviert worden und bald wieder eingestürzt – zu wenig Stahl, zu viel Sand in den Pfeilern. Die Behörden gelobten den Wiederaufbau, es blieb beim Versprechen. Seither liegt das nordgriechische Dorf Vrachia weitgehend abgeschottet.

Eleni tanzt auf dem Tisch. Die 62-Jährige ist Frührentnerin und bezieht seit vier Jahren eine gute Rente. Griechen, die in Behörden oder Staatsbetrieben arbeiten, können mitunter schon mit 50 in Pension gehen. Ein bisschen früh, möchte man meinen, aber ein solcher Einwand eines ausländischen Gastes könnte die Feierstimmung trüben. Mit der Aussicht auf einen gut gepolsterten, langen Lebensabend haben sich Politiker jahrelang die Loyalität ihrer Wähler erkauft. »Wir lieben Geld«, ruft Eleni. »Aber wir pfeifen drauf! Sollen die Gläubiger uns doch hart anfassen!« Sie schenkt die Gläser voll, die Lieder füllen den Saal. Ein schöner Abend am Axios. Am Ende weinen einige, aber das liegt eher an der Wirkung des Weines als an der Lage des Landes.

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Vrachia, Kommune Axios, Nordgriechenland, die Zahl der Einwohner dürfte kaum größer sein als die von Elenis Gästen. Hier beginnt die Reise aus dem verregneten Norden ins ewig sonnige Athen. Hier beginnt die Suche nach den Wurzeln der Misere Griechenlands. Bislang hat das Land den Rest Europas nur sporadisch beschäftigt: Immer wieder Waldbrände im Sommer, zwischendurch mal eine Schülerrebellion und ansonsten Streit um Zypern mit dem türkischen Nachbarn.

Aber nun stürzen Spekulanten den Euro und Europa in die Krise, weil Griechenland in Schulden ertrinkt, weil es in Brüssel frisierte Haushaltsbilanzen vorgelegt und maßlos über seine Verhältnisse gelebt hat. Wo sind wir denn hier?

»In einem Land, in dem seit den achtziger Jahren die Einstellung herrscht: Hauptsache, mir geht’s gut, auch wenn das Land zugrunde geht.« Petros Markaris lässt sich vom Kellner eines Straßencafés Filterkaffee servieren und die Rechnung unter den Aschenbecher klemmen. Markaris ist einer der bekanntesten Schriftsteller des Landes, Autor mehrerer Kriminalromane, seine Helden sagen Sätze wie: »Gegen zwei Dinge im Leben habe ich eine unüberwindliche Abneigung: Gegen Rassismus und Schwarze.« Markaris, 73 Jahre alt, schlohweißes, lichtes Haar, heisere Stimme, seziert die Mentalität seiner Landsleute. Viele hätten sich gegriffen, was greifbar war. Doch angesichts leerer Kassen fühlten sich nun alle als Opfer. »Dabei sind die Griechen Täter und Opfer zugleich. Alle sind mitschuldig!«

Plötzlich merken wir, dass unsere Rechnungszettel für den Kaffee verschwunden sind. Bezahlen müssen wir natürlich trotzdem, aber jemand anders hat sich die Quittungen geschnappt. Kaufbelege sind seit Kurzem das Symbol der griechischen Krise. Mit Quittungen will die sozialistische Regierung von Premier Giorgios Papandreou ihre Bürger zu besserer Zahlungsmoral erziehen, die gigantischen Steuerlöcher stopfen und die Ehrlichen belohnen. Wer beim Finanzamt Belege in Höhe von mehr als 4000 Euro im Jahr einreichen kann, bekommt einen kräftigen Steuernachlass. Die Sammelwut hat das Land erfasst, jeder hortet Belege. Aber keiner will sie ausstellen.

Ein Testlauf am nächsten Morgen. Der Zeitungsverkäufer im Athener Café-Viertel Kolonaiki wühlt unter seinem Tisch nach dem Quittungsblock. »Heute leider nicht«, sagt er demonstrativ zerknirscht. Eine kurze Recherche rund um das Krankenhaus Evangelismos im selben Viertel ergibt: Wer nicht im Wartezimmer versauern möchte, der lässt einen Briefumschlag mit Geld unauffällig neben das Stethoskop fallen. Garantiert belegfreier Zahlungsverkehr. Der Arzt findet daran nichts Verwerfliches.

Leser-Kommentare
    • ADoria
    • 25.02.2010 um 19:47 Uhr

    Allein die ordnungsgemäße Erfassung und Abführung der Umsatzsteuer würde ausreichen, dass Griechenland binnen einer Dekade fast schuldenfrei wäre. Eine entsprechende Herangehensweise bei der Einkommenssteuer täte ihr Übriges. Aber das werden sie nicht tun.
    Gewählt werden Politiker von Wählern und nicht von schuldenfreien Staaten. Also wird Griechenland formal ein armes, hochverschuldetes Land bleiben, in dem die Bürger recht gute Einkommen beziehen. Weiterhin sorgt ein Verweilen im unteren Einkommenssektor innerhalb der EU dafür, dass weiterhin Transferzahlungen aus den Regional- und Strukturhilfefonds ihren Weg zu den Hellenen finden werden. Die Yachthäfen werden auch im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung mitfinanziert – gibt es auch in Deutschland, dort nennt man sie Wasserwanderwege.
    Unter den jetzigen Umständen: Auf nach Griechenland!

    • wp
    • 25.02.2010 um 20:48 Uhr

    Die dummen Deutschen springen ja bereitwillig ein.

  1. kallewestrich: Statt Steuern zu zahlen wird betrogen und gemauschelt, und zwar enorm: Der Geschäftsführer bezieht Sozialhilfe!!! In solch einem Milieu bleibt nur noch die Einstellung von Alexis Sorbas übrig... einstürzen lassen und weitermachen. Aber mit unserem Geld?

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