Staatskrise in Griechenland Operation Quittungsblock
Weil Griechenland fast bankrott ist, will die Regierung die Bürger nun zu aufrechten Steuerzahlern erziehen. Die wehren sich.
© LOUISA GOULIAMAKI/AFP/Getty Images

Generalstreik: Athen am Mittwoch
Der gegrillte Fisch ist die Verführung schlechthin. Schneeweiß liegt er auf dem Salatbett, hungrig beugt sich die Gruppe über ihn. Weißwein wird ausgeschenkt, jemand spielt Gitarre. Eleni feiert ihren Geburtstag, Sotiris, der Dorfwirt, hat seine Taverne zur Verfügung gestellt. Draußen fließt der Axios vorbei, ein Landregen weicht seine grünen Ufer auf. Aus der Taverne sehen wir direkt auf eine Brücke. Sie ist vor einigen Jahren mit Brüsseler Geld renoviert worden und bald wieder eingestürzt – zu wenig Stahl, zu viel Sand in den Pfeilern. Die Behörden gelobten den Wiederaufbau, es blieb beim Versprechen. Seither liegt das nordgriechische Dorf Vrachia weitgehend abgeschottet.
Eleni tanzt auf dem Tisch. Die 62-Jährige ist Frührentnerin und bezieht seit vier Jahren eine gute Rente. Griechen, die in Behörden oder Staatsbetrieben arbeiten, können mitunter schon mit 50 in Pension gehen. Ein bisschen früh, möchte man meinen, aber ein solcher Einwand eines ausländischen Gastes könnte die Feierstimmung trüben. Mit der Aussicht auf einen gut gepolsterten, langen Lebensabend haben sich Politiker jahrelang die Loyalität ihrer Wähler erkauft. »Wir lieben Geld«, ruft Eleni. »Aber wir pfeifen drauf! Sollen die Gläubiger uns doch hart anfassen!« Sie schenkt die Gläser voll, die Lieder füllen den Saal. Ein schöner Abend am Axios. Am Ende weinen einige, aber das liegt eher an der Wirkung des Weines als an der Lage des Landes.
Vrachia, Kommune Axios, Nordgriechenland, die Zahl der Einwohner dürfte kaum größer sein als die von Elenis Gästen. Hier beginnt die Reise aus dem verregneten Norden ins ewig sonnige Athen. Hier beginnt die Suche nach den Wurzeln der Misere Griechenlands. Bislang hat das Land den Rest Europas nur sporadisch beschäftigt: Immer wieder Waldbrände im Sommer, zwischendurch mal eine Schülerrebellion und ansonsten Streit um Zypern mit dem türkischen Nachbarn.
Aber nun stürzen Spekulanten den Euro und Europa in die Krise, weil Griechenland in Schulden ertrinkt, weil es in Brüssel frisierte Haushaltsbilanzen vorgelegt und maßlos über seine Verhältnisse gelebt hat. Wo sind wir denn hier?
»In einem Land, in dem seit den achtziger Jahren die Einstellung herrscht: Hauptsache, mir geht’s gut, auch wenn das Land zugrunde geht.« Petros Markaris lässt sich vom Kellner eines Straßencafés Filterkaffee servieren und die Rechnung unter den Aschenbecher klemmen. Markaris ist einer der bekanntesten Schriftsteller des Landes, Autor mehrerer Kriminalromane, seine Helden sagen Sätze wie: »Gegen zwei Dinge im Leben habe ich eine unüberwindliche Abneigung: Gegen Rassismus und Schwarze.« Markaris, 73 Jahre alt, schlohweißes, lichtes Haar, heisere Stimme, seziert die Mentalität seiner Landsleute. Viele hätten sich gegriffen, was greifbar war. Doch angesichts leerer Kassen fühlten sich nun alle als Opfer. »Dabei sind die Griechen Täter und Opfer zugleich. Alle sind mitschuldig!«
Plötzlich merken wir, dass unsere Rechnungszettel für den Kaffee verschwunden sind. Bezahlen müssen wir natürlich trotzdem, aber jemand anders hat sich die Quittungen geschnappt. Kaufbelege sind seit Kurzem das Symbol der griechischen Krise. Mit Quittungen will die sozialistische Regierung von Premier Giorgios Papandreou ihre Bürger zu besserer Zahlungsmoral erziehen, die gigantischen Steuerlöcher stopfen und die Ehrlichen belohnen. Wer beim Finanzamt Belege in Höhe von mehr als 4000 Euro im Jahr einreichen kann, bekommt einen kräftigen Steuernachlass. Die Sammelwut hat das Land erfasst, jeder hortet Belege. Aber keiner will sie ausstellen.
Ein Testlauf am nächsten Morgen. Der Zeitungsverkäufer im Athener Café-Viertel Kolonaiki wühlt unter seinem Tisch nach dem Quittungsblock. »Heute leider nicht«, sagt er demonstrativ zerknirscht. Eine kurze Recherche rund um das Krankenhaus Evangelismos im selben Viertel ergibt: Wer nicht im Wartezimmer versauern möchte, der lässt einen Briefumschlag mit Geld unauffällig neben das Stethoskop fallen. Garantiert belegfreier Zahlungsverkehr. Der Arzt findet daran nichts Verwerfliches.
Wer die griechische Krise untersucht, braucht gutes Sitz- und Trinkvermögen
Und wie läuft es in der freien Wirtschaft? Auf deren Quittungskrise hat sich ein griechischer Journalist spezialisiert. Seinen Namen möchte er nicht gedruckt sehen, also nennen wir ihn einfach Mikis. Mikis schlägt zur Sicherheit ein paar Haken durch Nebenstraßen und befindet schließlich ein nahegelegenes Café für sicher. Dort packt er einen Aktenordner voller Anwaltsbriefe und Ermittlungsberichte über Zahlungen deutscher Unternehmen an griechische Firmen aus. Das Geld floss in den vergangenen Jahren reichlich, vor allem vor den Olympischen Spielen 2004. Griechenland brauchte Busse, Bahnen und Sicherheitsausrüstungen. Deutsche Firmen gewannen erstaunlich viele Ausschreibungen, erstaunlich viele griechische Verhandlungspartner in entscheidenden Positionen erhielten, so sagt Mikis, ein deutsches Auto oder einen Schuhkarton voller Euros. Natürlich ohne Quittung.
Haben sich also alle Griechen samt der Ausländer gegen den armen Staat verschworen? Braucht es nur Belege und Bürgerehrlichkeit – und schon wäre die Krise vorbei?
Auch der nächste Gesprächspartner will anonym bleiben. Wieder ist der Treffpunkt ein Café. Wer dieser Tage die griechische Krise untersucht, braucht gutes Sitz- und Trinkvermögen. Der Mann betreibt eine kleine Dienstleistungsfirma in Athen. Die Versuchung, Steuern zu unterschlagen, sagt er, sei groß, denn den zuständigen Steuerinspektor kenne er persönlich. Ein kleiner Umschlag für den Inspektor – und er könne den Staat straffrei hintergehen. Doch jetzt sei er standhaft, bezahle seine Abgaben, weswegen ihn der verärgerte Inspektor unlängst einer Steuerprüfung unterzog. Nachdem er nichts gefunden habe und die Prüfung abzeichnen wollte, habe er sich einen Kugelschreiber vom Tisch genommen und gefragt: »Wo ist die Quittung für den Stift hier?« Es gab keine. Der Beamte habe eine Strafe von 2000 Euro festgelegt – und sie gegen ein Schmiergeld an Ort und Stelle wieder aufgehoben.
»Es gibt drei Sorten von Steuerzahlern in Griechenland«, sagt Mikis, der Journalist. Jene, die wenig zahlen, jene, die nichts zahlen, und die, die gemolken werden. »Viele Griechen haben drei Jobs und leben dennoch am Existenzminimum.« Die Sekretärin eines Großhändlers zahle volle Steuern von einem sehr kleinen Gehalt; ihr Chef bekomme Sozialhilfe, weil er sein ganzes Einkommen über die Firma laufen lasse. »Die Ungerechtigkeit lässt die Menschen kochen.«
Und streiken. Ein Generalstreik legt Athen gerade weitgehend lahm, auch die Taxifahrer haben die Arbeit niedergelegt, weil sie keine Quittungen ausstellen wollen. Immerhin fährt die Straßenbahn in die Nähe des Hafens von Piräus, wo gerade die Zöllner gegen Gehaltskürzungen streiken. Im Frachthafen herrscht gespenstische Stille. Auch die Dockarbeiter, die mit rund 50000 Euro im Jahr etwa doppelt so viel wie griechische Lehrer verdienen, verweigern die Arbeit. Es geht gegen die Investition einer staatseigenen chinesischen Reederei im Containerhafen. »Lohndumping machen die«, sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft. »Eine globale Attacke auf die Arbeiter, um sich hier billig einen Brückenkopf in Europa aufzubauen.« Er blickt auf den menschenleeren Hafen. »Haben Sie schon gegessen?«
»Das ist unser Metzgertisch, an dem wird gekürzt«
Wir kehren ein in die Taverne Zur griechischen Kriegsmarine. Wein, dazu geschmorter Tintenfisch, Wildgemüse in Olivenöl, Kartoffeln, Bohnen. Noch Fragen?
Ja. Griechenland kämpft verzweifelt um seine fiskalische Unabhängigkeit angesichts der drohenden Pleite: Warum unterstützt die Gewerkschaft in dieser Notlage nicht den Sparkurs der Regierung der sozialistischen Pasok-Partei? »Es sind immer wir, die die Opfer bringen sollen«, sagt der Vorsitzende. Wenn die Regierung jemals die 14. Monatsgehälter für die Staatsangestellten streichen wollte, gäbe es weitere Streiks. Die Arbeiter hätten längst das Vertrauen in Gerichte, Regierung und Verwaltung verloren. »Das Geld ist da. Man muss es nur finden.«
Man verlässt mit gut gefülltem Magen und wachsenden Zweifeln an den Aussagen griechischer Dockarbeiter den Hafen und macht sich auf den Weg zur viel gescholtenen Regierung. Ein seelenloser Kasten in der Zalokosta-Straße. Es geht hinauf in den sechsten Stock. Kein Empfang, nur ein Nummerncode-Kasten und eine Klingel. Die Sekretärin öffnet, schon steht man im Büro von Vizepremierminister Theodoros Pangalos. Der 71-Jährige hat eine Statur wie Helmut Kohl und hat als alter Haudegen der Pasok-Partei schon manche Krise durchgestanden. Die EU hat den Griechen Zeit bis zum 16. März für ein eisernes Sparprogramm gewährt. »Wir haben noch nie unter solchen Fristen gearbeitet«, seufzt Pangalos. »Wir wollen kein Geld von der EU, wir wollen Solidarität.« Was gibt Griechenland dafür? Gehaltskürzung bei allen Staatsangestellten, Zusammenlegung von Behörden, weitgehender Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Erhöhung und besseres Eintreiben der Steuern. Der Vizepremier zeigt auf einen Ebenholztisch, um ihn herum acht gelbe Lederstühle. »Das ist unser Metzgertisch, an dem wird gekürzt.«
Aber haben nicht gerade streikende Beamte im Finanzministerium den Minister tagelang aus seinem Büro ausgesperrt. »Diese Streiks scheitern«, sagt Pangalos ganz ruhig. »Nur die wenigsten beteiligen sich daran.« Die Umfragewerte für die Pasok lägen bei fast 50 Prozent, das sei Rekord für eine Sparregierung. »Die Menschen fühlen unsere Hand in ihren Taschen und unterstützen uns trotzdem.«
Durch das Gewühl der Gewerkschaftsdemos geht es zurück zum Schriftsteller Petros Markaris. Das Café ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Krise wirkt hier wie ein tiefschwarzes Unwetter am Horizont, während gerade noch mal ausgiebig die Sonne scheint. Markaris ruft nach einer Rosskur für sein Land. Griechenland müsse sich neu erfinden. Es werde seine einfache Schönheit, die anmutige Kargheit neu entdecken müssen. »Wenn die Griechen in der Katastrophe stecken, werden sie agil, erfinderisch, beweglich.« So waren sie in den fünfziger Jahren nach dem Bürgerkrieg, in den siebziger Jahren nach der Diktatur. Markaris erinnert sich noch gut daran.
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- Datum 25.02.2010 - 17:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Allein die ordnungsgemäße Erfassung und Abführung der Umsatzsteuer würde ausreichen, dass Griechenland binnen einer Dekade fast schuldenfrei wäre. Eine entsprechende Herangehensweise bei der Einkommenssteuer täte ihr Übriges. Aber das werden sie nicht tun.
Gewählt werden Politiker von Wählern und nicht von schuldenfreien Staaten. Also wird Griechenland formal ein armes, hochverschuldetes Land bleiben, in dem die Bürger recht gute Einkommen beziehen. Weiterhin sorgt ein Verweilen im unteren Einkommenssektor innerhalb der EU dafür, dass weiterhin Transferzahlungen aus den Regional- und Strukturhilfefonds ihren Weg zu den Hellenen finden werden. Die Yachthäfen werden auch im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung mitfinanziert – gibt es auch in Deutschland, dort nennt man sie Wasserwanderwege.
Unter den jetzigen Umständen: Auf nach Griechenland!
Die dummen Deutschen springen ja bereitwillig ein.
kallewestrich: Statt Steuern zu zahlen wird betrogen und gemauschelt, und zwar enorm: Der Geschäftsführer bezieht Sozialhilfe!!! In solch einem Milieu bleibt nur noch die Einstellung von Alexis Sorbas übrig... einstürzen lassen und weitermachen. Aber mit unserem Geld?
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