Urlaub auf Hiddensee Bleiches Land
Ein Spaziergang über Hiddensee, die Insel, die wie keine andere von der Kältewelle erfasst wurde.
© Stefan Sauer dpa/lmv

Der vereiste Hafen von Vitte auf Hiddensee
Ist Rügen eine Insel? Eine Frage der Perspektive. An der Westflanke von Rügen streckt sich lang und dünn, in der Form eines Seepferdchens, das viel beseufzte und besungene Eiland Hiddensee. Aus Hiddenseer Perspektive ist das fünf Kilometer entfernte Rügen schon der Anfang vom Festland. Ist Rügen eine Insel, ist Hiddensee eine Inselinsel. In diesem kalten, ewigen Winter gefror der Schaproder Bodden, das Wasser zwischen Rügen und Hiddensee. Irgendwann scheiterte die Fähre, eine Antriebswelle verbog sich, das Schiff saß fest. Seit Silvester ist das "söte Länneken", wie die Insulaner sagen, ist ihr süßes Ländchen fast vollkommen abgetrennt von der Welt. Ein Graus für Touristen. Ärgerlich für die Einheimischen. Dem wahren Inselsüchtigen ist Hiddensee jedoch gerade jetzt ein Magnet.
Ich stapfe durch den Schnee. Auf dem Deich geht das, da weht genug Wind. Sonst sinkt man bis zu den Knien ein. Die Lampen der Fahrräder tragen pampelmusengroße Schneehauben. Auf den wenigen Straßen zwischen Kloster und Neuendorf weiß der Räumdienst nicht mehr, wohin mit der Pracht. Ich bleibe stehen. Was für einen Lärm ein einzelner Schneestapfer macht! Jetzt herrscht Stille. Im Birkenwald von Neuendorf, den sich in dieser entfärbten Landschaft auch die wildeste Fantasie nicht grün denken kann, treffe ich einen Mann und eine Frau. Sie wandern schweigend. Ich frage, woher sie kommen. Sie wirken mürrisch. Dann erklärt er mir, nicht böse, aber klar, dass meine Fragerei die Ruhe gestört hat. So viel verraten sie mir: Sie kommen vom Weg übers Eis.
Auch Sehnsuchtsorte wie Hiddensee versteht man am besten von ihren Rändern her. An den Schnittstellen. Eine Schnittstelle zur übrigen Welt ist der Hubschrauberlandeplatz mitten im Hafen von Vitte. Vitte ist das größte Hiddenseer Dorf, hier bin ich eingeflogen. Seit das Eis gekommen ist, erreicht man Hiddensee regulär nur noch mit dem Hubschrauber. Das Spezialschiff, das sich einmal in der Woche einen Weg durchs Eis bricht, transportiert nur Baumaterial und Nahrungsmittel. Und Bier.
Bei der Ankunft in Schaprode auf Rügen flappte mir gleich der Lärm der Rotoren ins Ohr. Ich bin, weil das im Fernsehen so gemacht wird, geduckt zum Helikopter gerannt. Robinson heißt der Hersteller – wie passend! 50 Euro habe ich bezahlt. Das Gerät hat vibriert, ist aufgestiegen und übers schneebedeckte Eis geflogen. Im Vitter Hafen waren die Fischerboote und Ausflugsdampfer festgefroren. Alles war strahlend weiß, bis auf die blauen Müllfässer. Und gelbe Schilder: "Fahrradverleih".
- Datum 09.03.2010 - 08:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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