Urlaub auf Hiddensee Bleiches Land

Ein Spaziergang über Hiddensee, die Insel, die wie keine andere von der Kältewelle erfasst wurde.

Der vereiste Hafen von Vitte auf Hiddensee

Der vereiste Hafen von Vitte auf Hiddensee

Ist Rügen eine Insel? Eine Frage der Perspektive. An der Westflanke von Rügen streckt sich lang und dünn, in der Form eines Seepferdchens, das viel beseufzte und besungene Eiland Hiddensee. Aus Hiddenseer Perspektive ist das fünf Kilometer entfernte Rügen schon der Anfang vom Festland. Ist Rügen eine Insel, ist Hiddensee eine Inselinsel. In diesem kalten, ewigen Winter gefror der Schaproder Bodden, das Wasser zwischen Rügen und Hiddensee. Irgendwann scheiterte die Fähre, eine Antriebswelle verbog sich, das Schiff saß fest. Seit Silvester ist das "söte Länneken", wie die Insulaner sagen, ist ihr süßes Ländchen fast vollkommen abgetrennt von der Welt. Ein Graus für Touristen. Ärgerlich für die Einheimischen. Dem wahren Inselsüchtigen ist Hiddensee jedoch gerade jetzt ein Magnet.

Ich stapfe durch den Schnee. Auf dem Deich geht das, da weht genug Wind. Sonst sinkt man bis zu den Knien ein. Die Lampen der Fahrräder tragen pampelmusengroße Schneehauben. Auf den wenigen Straßen zwischen Kloster und Neuendorf weiß der Räumdienst nicht mehr, wohin mit der Pracht. Ich bleibe stehen. Was für einen Lärm ein einzelner Schneestapfer macht! Jetzt herrscht Stille. Im Birkenwald von Neuendorf, den sich in dieser entfärbten Landschaft auch die wildeste Fantasie nicht grün denken kann, treffe ich einen Mann und eine Frau. Sie wandern schweigend. Ich frage, woher sie kommen. Sie wirken mürrisch. Dann erklärt er mir, nicht böse, aber klar, dass meine Fragerei die Ruhe gestört hat. So viel verraten sie mir: Sie kommen vom Weg übers Eis.

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Auch Sehnsuchtsorte wie Hiddensee versteht man am besten von ihren Rändern her. An den Schnittstellen. Eine Schnittstelle zur übrigen Welt ist der Hubschrauberlandeplatz mitten im Hafen von Vitte. Vitte ist das größte Hiddenseer Dorf, hier bin ich eingeflogen. Seit das Eis gekommen ist, erreicht man Hiddensee regulär nur noch mit dem Hubschrauber. Das Spezialschiff, das sich einmal in der Woche einen Weg durchs Eis bricht, transportiert nur Baumaterial und Nahrungsmittel. Und Bier.

Bei der Ankunft in Schaprode auf Rügen flappte mir gleich der Lärm der Rotoren ins Ohr. Ich bin, weil das im Fernsehen so gemacht wird, geduckt zum Helikopter gerannt. Robinson heißt der Hersteller – wie passend! 50 Euro habe ich bezahlt. Das Gerät hat vibriert, ist aufgestiegen und übers schneebedeckte Eis geflogen. Im Vitter Hafen waren die Fischerboote und Ausflugsdampfer festgefroren. Alles war strahlend weiß, bis auf die blauen Müllfässer. Und gelbe Schilder: "Fahrradverleih".

Der irreguläre Inselzugang befindet sich im Neuendorfer Hafen. Denn man kann über das Eis kommen und gehen. Fischer im Blauzeug lehnen an der Imbissbude und starren in die Ferne. Sie beobachten zwei Gestalten, die sich übers Eis nähern. Schon immer hatten die Fischer im Winter sichere Routen über den gefrorenen Bodden. Sie haben weit draußen Löcher gebohrt und unter dem Eis gefischt. Heutzutage ist ihnen das zu anstrengend. Doch den Fußweg übers Eis, von Neuendorf nach Schaprode, den stecken sie immer noch mit Reisig ab. Die Alten auf Hiddensee – und die meisten, die hier leben, sind Alte – erzählen gern, was hier früher los war im Winter. Mit Pferdekutschen sind sie rüber, mit Motorrädern, an denen Schlitten hingen, mit dem Traktor. An manchen Tagen wanderten Heerscharen übers Eis. Dann wurden die Winter wärmer.

Zuletzt trug das Eis im Winter 1996/97 zuverlässig. Wieder brach die Anarchie aus. Die Leute kamen sogar mit dem Auto von Rügen auf das autofreie Hiddensee. Inselparkplatz war das Hafenbecken. Die Polizei war natürlich dagegen, konnte aber nicht einschreiten – der Schaproder Bodden ist juristisch eine Bundeswasserstraße. Vor drei Wochen schien es wieder loszugehen mit der winterlichen Anarchie. Ein jugendlicher Insulaner ohne Führerschein hatte sich vom Schrottplatz einen stillgelegten Wagen geholt und beförderte Interessierte gegen Geld nach Rügen und zurück. Das waren der Inselpolizei dann doch zu viele Verstöße auf einmal; sie beschlagnahmte das Auto.

Die Schrottkiste steckt jetzt am Rand vom Neuendorfer Hafenbecken im Tiefschnee und wartet auf Entsorgung. Genau hier beginnt die Passage. Die Gestalten auf dem Eis kommen langsam näher. Sie schnaufen. Junge Frauen mit schweren Rucksäcken. Zwei Stunden haben die beiden Urlauberinnen gebraucht, oft mussten sie durch Wasser stapfen. Sie sind bis zu den Knien nass. Doch zu Fuß nach Hiddensee zu gehen ist ein Traum. Jetzt müssen sie noch mal fünf Kilometer laufen, bis nach Vitte. Das Hotel Godewind ist der einzige Platz auf der Insel, wo man zurzeit abends ein Essen bekommt.

In Vitte sind die Pensionen geschlossen. Das Bernsteingeschäft schlummert im Schnee. Zu einer Fotoausstellung über den Jahrhundertwinter 1978/79 müsste man sich den Zugang graben. Ein leises Winseln nähert sich von hinten – der Elektrotransporter der Hiddenseer Logistik. Die Abwesenheit von Krach schärft die Ohren. In einem Garten legt plötzlich ein unsichtbarer, aber gewaltiger Chor von Spatzen los, als ließe sich der Winter wegzwitschern. Den Vögeln ringsum setzt die Kälte zu. Schaprodes Straßen sind belagert von lebensmüden Schwänen. Überall liegen – weißer Schwan auf weißem Schnee – tote Tiere herum. Das übliche Möwengeschrei ist fast ganz verstummt.

Im Godewind konzentriert sich im Winter das soziale Leben. Hier sitzen am Abend versponnene Eiswanderer, schmucke Hubschrauberpiloten und beinharte Stammgäste vor einem Teller mit eingeführtem Dorsch. Den Wettermann von Kachelmanns hiesigem Wetterstudio kann man hier treffen und ein junges Serviermädchen, dem auf die Frage, was junge Leute hier abends tun, nur einfällt: Karten spielen. Der Chef des Hauses heißt Meinhof. Mit ihm kann man über seine entfernte Verwandte Ulrike reden.

Der Insulaner bekämpft im Godewind seinen Inselkoller. Hiddensee ist da nicht anders als Spiekeroog oder Norderney – man sieht Leute mit roten Gesichtern, bei denen das Rot nicht von der Kälte kommt. Wer viel fragt, kriegt mehr Antworten, als einem Hiddensee-Verehrer lieb sein kann. Schnell erfahre ich, wie viel Gift in der Inselluft ist. Unüberbrückbare Klüfte tun sich auf zwischen Neuendorfern und den Bewohnern von Vitte, zwischen Einwohnern und Ureinwohnern, Insulanern und Festländern. In der tiefgefrorenen Isolation herrscht das größte Geschrei. "Es war einsam hier, tief, tief, tief", schrieb Gerhart Hauptmann, ein häufiger Gast. Und Angela Merkel notierte: "Die Ruhe, die einen erfüllt, ist förmlich zu merken." Außenansichten. Ich frage nicht weiter und gehe früh schlafen.

Tags darauf werden im Godewind die Eier knapp. Der Zahnarzt, verrät ein Aushang, öffnet nächste Woche wieder. Insulaner ziehen ihren Handwagen zum Edeka, Leergut hin, volle Bierkästen zurück. Mich zieht es mit Macht zur Ostsee. Ein Katzensprung. Hier in Vitte ist Hiddensee gerade dreihundert Meter breit. Kein Eis. Nichts. Die Ostsee schwappt wie jeden Tag an den Strand. Möwen schaukeln sanft, Kormorane schütteln ihr Gefieder. Der Blick geht in die Weite und wird klar. Die Wahrheit ist: Je länger und substanzieller der Schaproder Bodden zufriert, desto paradoxer wird die Situation von Hiddensee. Desto weniger Insel ist die Inselinsel. Schließlich ist Hiddensee Festland. Am Meer aber ist die Wahrheit einfach. Eine Insel ist Land, von Wasser umspült. Alles andere ist Spinnerei.

Anreise: Der Fährdienst ist seit einigen Tagen eingeschränkt wieder in Betrieb. Informationen bei der Reederei Hiddensee, 0180-3212150 (0,09 EUR/Min.)

Unterkunft: Hotel Godewind, Vitte, DZ ab 79 Euro, Tel. 038300/6600, www.hotelgodewind.de

Auskunft: Fremdenverkehrsamt Hiddensee, Tel. 038300/64226, www.seebad-hiddensee.de

 
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