Missbrauch im Internat »Eine regelrechte Theokratie«
Ein Gespräch mit Miguel Abrantes Ostrowski, der 2004 einen Roman über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg geschrieben hat.
Der 37-jährige Schauspieler Miguel Abrantes Ostrowski, der bis 1993 das Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg besuchte, beschrieb schon 2004 in seinem Roman »Sacro-Pop – Ein Schuljungenreport«, wie Schüler in einem Jesuiteninternat von einem Pater sexuell belästigt wurden. Das Buch blieb unbeachtet. Seit die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg diskutiert werden, ist allerdings auch das Aloisiuskolleg (AKO) in den Blick geraten.
Die ZEIT: Wieso ging Ihr Buch »Sacro-Pop« 2004 in der Öffentlichkeit unter?
Miguel Abrantes Ostrowski: Das liegt zum einen daran, dass es nicht gut geschrieben ist. Innerhalb des AKOs hat man es totgeschwiegen und nur einen Brief im Bonner Generalanzeiger drucken lassen, in dem sich das AKO von den »Fiktionen des Herrn Ostrowski« distanziert.
ZEIT: Jetzt aber bestätigen Sie, dass Ihre »Fiktionen« tatsächlich Internatsalltag waren?
Abrantes Ostrowski: Auch ich realisiere erst jetzt, wie viele Schüler das Gleiche erlebten: Der Pater interessierte sich besonders für Unterstufenschüler. Ich würde mal sagen, als die Schamhaare kamen, war sein Interesse erloschen. Aber die Kleinen mussten jeden Morgen duschen, während er im Raum saß und nur mit einem Bademantel bekleidet war, den er leicht offen trug. Am Ende des Duschens spritzte er uns persönlich alle mit eiskaltem Wasser aus einem grünen Schlauch ab. Wir hassten den kalten Strahl, ihm aber schien das Freude zu bereiten. Ebenso bekam man alleine mit ihm in einem Raum Fieber gemessen – im nackten Po, sieben Minuten lang, bei verschlossener Tür, bäuchlings auf einer schwarzen Liege. Es wurde nicht gesprochen. Da hatte ich schon Angst. Ein andermal allerdings war ich sogar fast froh darüber, nicht ins Silentium zu müssen, um Hausaufgaben zu machen: Mein bester Kumpel und ich strichen ein Garagentor. Als wir danach duschten, forderte der Pater uns auf, noch mit Farbe am Bein und Shampoo im Haar nackt durch den Park zu laufen und auf einem Stein, an einem Baum zu posieren: Dabei fotografierte er uns.
ZEIT: Was ist mit den Fotos geschehen?
Abrantes Ostrowski: Er hat sie wohl archiviert. Dass dem so war, kam über mein Buch 2004 heraus, als Frau R. als Mediatorin eingeschaltet wurde.
ZEIT: Um die Vorwürfe aufzuarbeiten?
Abrantes Ostrowski: Offiziell hieß es Mediationsverfahren, aber sie war im Auftrag des Jesuitenordens tätig. Sie hat allerdings die Fotos aufgespürt. In der Folge wurde ein einziger Brief geschrieben, an meinen Freund. Darin bittet das Aloisiuskolleg um Entschuldigung.
ZEIT: Gibt es den Brief noch? Warum ist man damit nicht zur Polizei oder an die Öffentlichkeit gegangen?
Abrantes Ostrowski: Für meinen Schulfreund ist das nicht so einfach, er wollte in Ruhe gelassen werden und möchte mir den Brief auch heute nicht geben. Ich dränge ihn auch nicht. Er nahm die Entschuldigung an, schrieb aber zurück, dass er die Fotos haben wolle. In ihrer Antwort versicherte ihm Frau R., dass sie die Fotos der Schulleitung übergeben habe, die für ihre Verbrennung gesorgt habe.
- Datum 26.02.2010 - 15:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Und jetzt geht es in den Niederlanden los:
http://www.nrc.nl/binnenl...
Die Ansprüche der katholischen Kirche hinsichtlich des Sexuallebens und Sexualverhaltens insbesondere an ihre Amtsträger sind nicht realistisch und letztlich nicht lebbar. Wie erregt auch immer die Abwehrreaktionen gegen die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen Kinderschändung durch Geistliche und genannten Ansprüchen sein mögen, so sind diese Abwehrreaktionen eher ein Indiz für eine der verborgenen Ursachen für nun bekannt gewordenes Fehlverhalten. Die Einrichtung einer kirchlichen Kommission ist erfreulich, doch führt sie lediglich zu einer eher als Oberflächenreparatur sich auswirkenden Maßnahme.
[Falls von Belang: Unterzeichnender ist katholisch getauft]
Insbesondere frage ich mich, wieso in erster Linie Jungen die Opfer sind. Ist das nur der besseren Gelegenheit willen oder steckt da mehr dahinter. Immerhin hat man ja formal das Zölibat eingehalten. Man hat keine Frau und keine Ehe geführt.
Übrigens sind trotz Zölibat wenig Übergriffe von Priestern oder Ordensleuten an Frauen bekannt, selbst wenn diese dem Keuschheitsgelübde nicht entsprechen.
Da besteht m. E. dringender Untersuchungsbedarf.
Und ob der Zölibat lebbar ist?. Er galt ja nicht von Anfang an. Vielleicht war er gedacht zu verhindern, dass einer schlechte Arbeit macht und trotzdem die Mittel der Kirche erhält. Die war ja reich und mit irgendwas sollte man halt bezahlen.
Ich häng nicht dran. Aber die Begründung: Nicht mehr zeitgemäß oder in Bezug auf die Vorfälle wäre mir zu dünn.
Insbesondere frage ich mich, wieso in erster Linie Jungen die Opfer sind. Ist das nur der besseren Gelegenheit willen oder steckt da mehr dahinter. Immerhin hat man ja formal das Zölibat eingehalten. Man hat keine Frau und keine Ehe geführt.
Übrigens sind trotz Zölibat wenig Übergriffe von Priestern oder Ordensleuten an Frauen bekannt, selbst wenn diese dem Keuschheitsgelübde nicht entsprechen.
Da besteht m. E. dringender Untersuchungsbedarf.
Und ob der Zölibat lebbar ist?. Er galt ja nicht von Anfang an. Vielleicht war er gedacht zu verhindern, dass einer schlechte Arbeit macht und trotzdem die Mittel der Kirche erhält. Die war ja reich und mit irgendwas sollte man halt bezahlen.
Ich häng nicht dran. Aber die Begründung: Nicht mehr zeitgemäß oder in Bezug auf die Vorfälle wäre mir zu dünn.
Warum ist in Deutschland die Forderung der Schweizer Bischofskonferenz nicht möglich? Anders als man es in Deutschland sich angewöhnt hat äußert sich der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz in der Schweiz, Bischof Norbert Brunner doch deutlichst:
"Ich halte es für möglich, den Pflichtzölibat für Priester abzuschaffen. Denn es gibt keine Wesens-Verbindung zwischen dem Zölibat und dem Priestertum. … In der Geschichte der Kirche wurde der Zölibat von Beginn weg als die privilegierte Form des priesterlichen Seins betrachtet. Daneben sollte es aber auch die Möglichkeit geben, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. ... Ja, und ich habe es auch mehrmals in Rom vorgebracht. Das Problem ist jedoch, dass ein solcher Schritt nicht für eine Region oder ein Land gesondert vollzogen werden kann. Diese Frage muss für die Gesamtkirche geregelt werden. ... Ich glaube, dass die Bischofskonferenz ziemlich einhellig der Meinung ist, dass es in der Schweiz möglich sein sollte, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. [Gibt es Anzeichen, dass sich auch Rom in dieser Frage bewegen könnte?] Im Moment nicht."
Quelle:
Interview mit dem Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz Norbert Brunner:
«Den Pflichtzölibat abschaffen»
http://www.nzz.ch/nachric...
29. November 2009, NZZ am Sonntag
Danke für den Link. Ein interessantes und auch offensives "Statement" und Interview.
Man könnte annehmen, die deutschen Bischöfe seien besonders an Rom orientiert, und auch wenn man gerade manche deutsche kritischen Katholiken hört, richten sich deren Gedanken und Forderungen reflexhaft immer an behauptete römische Kategorien. Die Beschäftigung mit dem Glauben und seiner Konsquenzen werden vernachlässigt zugunsten des Sozialen und "Zeitgemäßen".
Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Gedanke der Einheit der Kirche auch eine Rolle spielt. Und da müsste man z. B. mal das Ansehen der Priester in anderen Ländern überprüfen. Aber nicht an Hand der Ausnahmen und Übergriffe.
Möglicherweise erfährt das unverheiratet sein und dieser Verzicht viel mehr Anerkennung als in Deutschland, wo ja Single sein und Alleinerziehend viel normaler sind und machmal als neues Gesellschaftsmodell ausgerufen werden.
Und der Verzicht manchmal zugunsten der Staatskasse gepredigt wird, aber ansonsten im Prvatleben eher als "blöde" angesehen wir.
Die diesen Verzicht nun geübt haben, was ist mit denen. Die müssen sich, auf Deutsch gesagt, verarscht vorkommen, kennen sie nicht die deutschen oder auch schweizerischen Verhältnisse oder diese Diskussion, die dort vielleicht eben nicht so Thema ist.
Danke für den Link. Ein interessantes und auch offensives "Statement" und Interview.
Man könnte annehmen, die deutschen Bischöfe seien besonders an Rom orientiert, und auch wenn man gerade manche deutsche kritischen Katholiken hört, richten sich deren Gedanken und Forderungen reflexhaft immer an behauptete römische Kategorien. Die Beschäftigung mit dem Glauben und seiner Konsquenzen werden vernachlässigt zugunsten des Sozialen und "Zeitgemäßen".
Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Gedanke der Einheit der Kirche auch eine Rolle spielt. Und da müsste man z. B. mal das Ansehen der Priester in anderen Ländern überprüfen. Aber nicht an Hand der Ausnahmen und Übergriffe.
Möglicherweise erfährt das unverheiratet sein und dieser Verzicht viel mehr Anerkennung als in Deutschland, wo ja Single sein und Alleinerziehend viel normaler sind und machmal als neues Gesellschaftsmodell ausgerufen werden.
Und der Verzicht manchmal zugunsten der Staatskasse gepredigt wird, aber ansonsten im Prvatleben eher als "blöde" angesehen wir.
Die diesen Verzicht nun geübt haben, was ist mit denen. Die müssen sich, auf Deutsch gesagt, verarscht vorkommen, kennen sie nicht die deutschen oder auch schweizerischen Verhältnisse oder diese Diskussion, die dort vielleicht eben nicht so Thema ist.
Es geht also auch anders, als mit populistischem Marketing, die Probleme anzusprechen. Unter den Umständen sehr erfreulich. Sogar Gutes findet er grundsätzlich an Erziehung durch Jesuiten. Ich kann mich erinnern, dass durch guten Abschluss auf einer solchen Schule die Karriere geebnet war.
Danke für den Link. Ein interessantes und auch offensives "Statement" und Interview.
Man könnte annehmen, die deutschen Bischöfe seien besonders an Rom orientiert, und auch wenn man gerade manche deutsche kritischen Katholiken hört, richten sich deren Gedanken und Forderungen reflexhaft immer an behauptete römische Kategorien. Die Beschäftigung mit dem Glauben und seiner Konsquenzen werden vernachlässigt zugunsten des Sozialen und "Zeitgemäßen".
Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Gedanke der Einheit der Kirche auch eine Rolle spielt. Und da müsste man z. B. mal das Ansehen der Priester in anderen Ländern überprüfen. Aber nicht an Hand der Ausnahmen und Übergriffe.
Möglicherweise erfährt das unverheiratet sein und dieser Verzicht viel mehr Anerkennung als in Deutschland, wo ja Single sein und Alleinerziehend viel normaler sind und machmal als neues Gesellschaftsmodell ausgerufen werden.
Und der Verzicht manchmal zugunsten der Staatskasse gepredigt wird, aber ansonsten im Prvatleben eher als "blöde" angesehen wir.
Die diesen Verzicht nun geübt haben, was ist mit denen. Die müssen sich, auf Deutsch gesagt, verarscht vorkommen, kennen sie nicht die deutschen oder auch schweizerischen Verhältnisse oder diese Diskussion, die dort vielleicht eben nicht so Thema ist.
Insbesondere frage ich mich, wieso in erster Linie Jungen die Opfer sind. Ist das nur der besseren Gelegenheit willen oder steckt da mehr dahinter. Immerhin hat man ja formal das Zölibat eingehalten. Man hat keine Frau und keine Ehe geführt.
Übrigens sind trotz Zölibat wenig Übergriffe von Priestern oder Ordensleuten an Frauen bekannt, selbst wenn diese dem Keuschheitsgelübde nicht entsprechen.
Da besteht m. E. dringender Untersuchungsbedarf.
Und ob der Zölibat lebbar ist?. Er galt ja nicht von Anfang an. Vielleicht war er gedacht zu verhindern, dass einer schlechte Arbeit macht und trotzdem die Mittel der Kirche erhält. Die war ja reich und mit irgendwas sollte man halt bezahlen.
Ich häng nicht dran. Aber die Begründung: Nicht mehr zeitgemäß oder in Bezug auf die Vorfälle wäre mir zu dünn.
»Als Schweizer (u. Ex-Priester) tut es gut, aus der Schweiz zur Abwechslung auch einmal eine positive Nachricht zu lesen. Ähnliches würde ich mir auch von der deutschen Bischofskonferenz wünschen, obwohl ich glaube, dass die Zölibatsfrage bei der Diskussion der Missbrauchsfälle unter Priestern zu Unrecht so im Vordergrund steht. Aber sei's drum: die wenig befriedigende Stellungnahme der deutschen Bischofskonferenz zu den Missbrauchsfällen hängt sicher auch damit zusammen, dass sie jetzt eine neu aufflammende Diskussion um den Priesterzölibat fürchten. Damit könnten sie sich aber in Rom unbeliebt machen u. der eine oder andere könnte so auch seine Karriere gefährden.
Hier gibt es nämlich einen wichtigen Unterschied zwischen dem deutschen u. dem Schweizerischen Episkopat. In der Schweiz kann ein Bischof nicht einfach eigenmächtig von Rom ernannt werden, vielmehr ist die Zustimmung verschiedener innerkirchlicher Gremien erforderlich. Und ist einer einmal Bischof, kann er kaum mehr eine höhere Stufe erklimmen.
In Deutschland werden die Bischöfe nach einem undurchsichtigen Gemauschle mehr oder weniger eigenmächtig von Rom ernannt. Ausschlaggebend sind Unterwürfigkeit, Unauffälligkeit u. gute Beziehungen. Ist einer einmal Bischof, dann ist das noch lange nicht das Ende. Man kann auf einen wichtigeren Stuhl berufen werden, wird Erzbischof, vielleicht sogar Kardinal, wenn es Rom gefällt u. der Heilige Geist gerade nicht aufpasst. Das alles will bedacht sein.«"aram62"(25.-Martenstein)
Das obige Zitat halte ich für eine phantastisch-plausible Erklärung des Verhaltens der deutschen Bischöfe in Kontrast zu ihren Schweizer Kollegen. Zu finden ist dieser Beitrag als Kommentar-Posting Nr. 25 von "aram62" unter Martensteins aktueller Kolumne.
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