Familientherapeut Jesper Juul"Ich kämpfe täglich mit deutschen Müttern"

Eltern, die viel zu höflich sind. Kinder, die süchtig nach Lob werden. Und Familien, die das Glück erzwingen wollen. Der dänische Therapeut und Bestsellerautor Jesper Juul kennt sie alle von Matthias Kalle und

ZEITmagazin: Ist es heute eine gute Zeit, um ein Kind zu sein, Herr Juul?

Jesper Juul: Eigentlich müsste man die Kinder selbst fragen, nur werden sie ja leider ohne Geschichte geboren – sie wissen nicht, wie es früher war. Ich selbst denke: ja und nein. Es ist eine gute Zeit, denn die individuelle Freiheit der Kinder hat sich vergrößert. Gleichzeitig sind wir allerdings dabei, das Leben von Kindern mehr und mehr zu begrenzen.

ZEITmagazin: Inwiefern?

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Juul: In Skandinavien verbringen 95 Prozent der Kinder zwischen dem ersten und dem 14. Lebensjahr insgesamt unglaubliche 26.000 Stunden in pädagogischen Einrichtungen, in denen sie ein vorgegebenes Programm absolvieren müssen. Wie Kinder wohnen, wie sie sich durch die Stadt bewegen, das alles hat sich verändert, die Grenzen um die Kinder herum waren nie enger als jetzt. Es ist übrigens interessant, dass die Leute ausgerechnet heute immer sagen: »Kinder brauchen Grenzen.«

ZEITmagazin: Eine Maxime, die man später belächeln, vielleicht sogar verurteilen wird?

Juul: Ganz sicher. Die armen Kinder haben ja heute kaum noch Zeit für sich, sie haben keinen erwachsenenfreien Raum, wie meine Generation ihn noch hatte. Auf der Straße, im Hof, im Wald – da haben wir früher soziale Kompetenz erworben, nicht in der Schule oder zu Hause, wo wir allenfalls gelernt haben, wie man sich korrekt und höflich verhält.

ZEITmagazin: Und trotzdem können Kinder heute stärker über sich selbst bestimmen als früher?

Juul: Die Kinder sind geistig freier – das ist ein Gewinn, aber es führt auch zu Konflikten. Es gibt da interessante Parallelen zur Reaktion auf die Emanzipation der Frauen. Im Grunde sind die Frauen ja ähnlich befreit worden wie die Kinder. Als sie sagten, jetzt wollen wir ran, hieß es, jetzt ist die Familie tot. Und nachdem damals die Männer Macht abgeben mussten, müssen das heute die Erwachsenen tun. Das ist für sie schwer zu ertragen. Sie müssen sich stärker mit den Kindern auseinandersetzen.

ZEITmagazin: Die Erkenntnis trifft die Erwachsenen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen?

Juul: Bis neun, zehn machen die Kinder alles mit. Sie glauben, sie hätten die besten Eltern der Welt. Ab zwölf, dreizehn sagen manche: Fuck you, ich mache das nicht. In Deutschland haben wir unglücklicherweise auch noch diese verdammte Schule, in der schon nach der vierten Klasse selektiert wird. Dieses System passte am Anfang der Industriegesellschaft, wo man eine kleine Gruppe brauchte, die führen musste, und eine große Gruppe, die sich führen lassen musste. Aber heute setzt das System bloß Eltern unter einen massiven Druck, den sie an die Kinder weitergeben. Meine Güte, die sind sieben, acht, neun, und ihnen wird gesagt, wenn du nicht gut genug bist, kannst du nicht an die Uni gehen. Die können sich überhaupt nichts vorstellen unter einer Uni.

ZEITmagazin: Bildung ist wichtig, das wissen die Eltern – und sorgen sich.

Juul: Vor allem die Politiker reden, als ob Bildung alle Probleme lösen könnte – und als ob unsere Gesellschaft keine Kellner oder Köche brauchte, sondern nur Akademiker. Viel eher sollte man sich mal die Frage stellen, welche Kinder die Eltern haben wollen – und welche Kinder unsere Gesellschaft haben will. Man sollte aufhören, Kinder als reine Ressource anzusehen.

ZEITmagazin: Janusz Korczak, der berühmte Pädagoge, postulierte das Recht des Kindes auf den heutigen Tag. Das Verharren in der Gegenwart war mal das Privileg der Kindheit – gilt das heute nicht mehr, weil wir immerzu daran denken, was aus dem Kind mal werden soll?

Juul: Die heutigen Kinder haben unglaublich viel Stress – daher rühren viele Probleme, die sie gerade haben. Hier und jetzt sein zu dürfen, das vermissen Kinder. Wenn ich heute Abend nach diesem Interview heimkomme, wird mein Enkel unter Garantie sagen: Ich will mit dir aufs Trampolin. Und wenn ich sage, nein, das ist jetzt zu spät, dann ist das brutal. Das Kind sagt ja nur: Ich habe dich vermisst, ich möchte mit dir spielen – und spielen ist immer sofort. Die Leichtigkeit, darauf einzugehen, fehlt oft im Alltag. Kinder können von ihren Eltern nicht mehr lernen, wie man sich entspannt.

Leserkommentare
    • TDU
    • 25. Februar 2010 21:22 Uhr

    Endlich mal Aussagen und Erkenntnisse, die nicht der Logik der Idee (Ideologisch) folgen, sondern Nachdenkenswertes vorstellen und einen Überblick über die Entwicklung im Verhältnis von Eltern und Kindern geben.

  1. Es gibt doch noch vernünftige kenntnisreiche Menschen.

    • M.M.
    • 26. Februar 2010 11:43 Uhr

    Kinder als Ressourcen ??!!
    Wenn es wirklich so sein sollte, dann ist das höchst bedenklich.
    Über diesen Mann und seine Antworten sollte alle Eltern nachdenken !!!

  2. Es mag vieles von dem einleuchten, was hier gesagt wurde. Was mir aber noch mehr einleuchtet ist, dass Erziehung über tausende von Jahren ein Problem war und blieb, für das es keine endgültige Lösung gab. Seit Jahrhunderten werden laufend neue Erziehungskonzepte vorgestellt und neue Erziehungsratgeber geschrieben. Es wird so weiter gehen, weil es kein Rezept geben kann, das eine erfolgreiche Erziehung garantiert, trotz weiterer Erkenntnisse der Gehirnforschung. Kinder und deren Erziehung wird immer ein Wagnis bleiben, auf das man sich einlassen muss.
    Dazu bedarf es Eltern und Erzieher, die selbst Wertevorstellungen haben und vorleben. Und es bedarf der Liebe zum Kind, die ein unbedingtes Zutrauen mit dem Respekt vor der eigenen Persönlichkeit der Kindes verbindet. Hierbei müssen Eltern, Erzieher und Kinder unterstützt und nicht bevormundent werden.
    Ob Erziehung einmal gelungen ist? Fragen sie zur gegebenen Zeit die Eltern und fragen sie die Kinder. Werden sie übereinstimmende Antworten erhalten?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie schreiben (und Sie haben Recht: "Es mag vieles von dem einleuchten, was hier gesagt wurde. Was mir aber noch mehr einleuchtet ist, dass Erziehung über tausende von Jahren ein Problem war und blieb, für das es keine endgültige Lösung gab."

    Doch, die Lösung ist ganz einfach: Aufhören, zu erziehen. Aufhören damit, Kinder belehren, aus Kindern etwas machen zu wollen, kleine Heilige oder zukünftige Nobelpreisträger. Einfach mit den Kindern zusammen leben wie mit dem Ehegatten auch und sie daraus lernen lassen. Das tun sie, und das funktioniert. Hundertprozentig. Und wenn man dann noch seine Kinder gerne um sich hat, ist sowieso alles geritzt.

    • remail
    • 26. Februar 2010 12:23 Uhr

    Tausende Erzieher/innen wissen es geht um Vertrauen, um Freude und Entdecken können. Wenn man zu sich selbst ehrlich ist und über sich lachen kann, dann geht es nur noch darum, das richtige zum rechten Zeitpunkt zu machen. Ob man dabei streng sein muss? Man kann ja fragen, Kinder antworten ehrlicher als man gemeinhin denkt.

  3. Ich denke besonders bei uns in D wird bzgl. Kinder viel zu viel über jedes Detail "nachgedacht. Es wird ewig reflektiert, hinterfragt, geplant usw... Es ist einfach Vieles eine "Kopfgeburt".

    M.E. tut ein bisschen mehr Gelassen- und Natürlichkeit not. Wenn ich z.B. meine Kinder nun auch mal etwas lauter anmotze, wenn sie streiten oder mich wirklich nerven, habe ich nicht automatisch gleich ein schlechtes Gewissen (Keine Sorge "Jugendamt" - ich schreie nicht laut & täglich.

    Es fängt doch schon beim Sielzeug an; welches ist nun besonders pädagogisch wertvoll, altersgerecht, öko, antiallergisch und bringt gleichzeitig Glücksgarantie(Nutzen!)für Kind und Eltern. Aber dann sieht man oft, wie Kinder teuersten Spielzeugkrempel liegen lassen und lieber mit einer alten Puppe spielen oder sich draußen ewig mit einem Kieselstein beschäftigen.

    Ja, und ich bin der Meinung Elten dürfen auch egoistsich sein, sollten nicht alles hinterfragen und "strategisch" planen. Wenn ich mit meinem Sohn eine Radtour mache oder Fußball spiele, dann doch meist nicht, weil es nun für das Kind gut ist(z.B. Bewegung/Motorik usw.), sondern einfach, weil es mir eben auch mal Spaß macht herumzutollen. Ich denke Kinder merken schnell, wenn Erwachsene keine Motivation haben.
    Früher wurde Kinder, wenn Sie nervten oder Eltern mal ihre Ruhe haben wollten gesagt, geht mal ab in den Wald. Das war sicher für Kinder und Eltern nicht das Schlechteste und v.a. hatten da auch Kinder mal Ruhe vor Erwachsenen.

    • Timo K
    • 26. Februar 2010 13:18 Uhr

    Und wenn wir eine Gesellschaft haben, die gerne 100% Akademiker als Ergebnis der Erziehung sehen würde, dann ist das Scheitern vorprogrammiert.

    • hamkon1
    • 26. Februar 2010 13:31 Uhr

    meistens antworte ich still im Geiste darauf "un capullo integral", wenn ich diese Mitteilung aus dem Radio oder dem Fernsehgerät hören.

    Eine ganze Generation, die geistig, seelisch und emotional so zerstört wurde, wie die Generation Doof, hat es nach meiner Kenntnis in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben.

    Ein wenig erinnert sie an die Geschichte des dystopischen Romans "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury.

    Deutschland 2010 - Eine ganze Generation von Feuerwehrmen-schen. Eine Generation welche die Ausgeburt der wahnhaften geistig-moralischen Wende der sich selbst menschlich, geistig und moralisch befruchtenden Elitarier der Gruppe Kohl-Genscher gewesen ist, und die durch die zynisch-faschistoide Philosophie der Gruppe Schröder-Fischer gänzlich über den Jordan, den Rubikon und den Styx getrieben wurde.

    Wir werden noch an den Grabstätten dieser Generation sitzen und unserer Tränenmeer wird kein Ende haben.

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