ZEITmagazin: Ist es heute eine gute Zeit, um ein Kind zu sein, Herr Juul?

Jesper Juul: Eigentlich müsste man die Kinder selbst fragen, nur werden sie ja leider ohne Geschichte geboren – sie wissen nicht, wie es früher war. Ich selbst denke: ja und nein. Es ist eine gute Zeit, denn die individuelle Freiheit der Kinder hat sich vergrößert. Gleichzeitig sind wir allerdings dabei, das Leben von Kindern mehr und mehr zu begrenzen.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Juul: In Skandinavien verbringen 95 Prozent der Kinder zwischen dem ersten und dem 14. Lebensjahr insgesamt unglaubliche 26.000 Stunden in pädagogischen Einrichtungen, in denen sie ein vorgegebenes Programm absolvieren müssen. Wie Kinder wohnen, wie sie sich durch die Stadt bewegen, das alles hat sich verändert, die Grenzen um die Kinder herum waren nie enger als jetzt. Es ist übrigens interessant, dass die Leute ausgerechnet heute immer sagen: »Kinder brauchen Grenzen.«

ZEITmagazin: Eine Maxime, die man später belächeln, vielleicht sogar verurteilen wird?

Juul: Ganz sicher. Die armen Kinder haben ja heute kaum noch Zeit für sich, sie haben keinen erwachsenenfreien Raum, wie meine Generation ihn noch hatte. Auf der Straße, im Hof, im Wald – da haben wir früher soziale Kompetenz erworben, nicht in der Schule oder zu Hause, wo wir allenfalls gelernt haben, wie man sich korrekt und höflich verhält.

ZEITmagazin: Und trotzdem können Kinder heute stärker über sich selbst bestimmen als früher?

Juul: Die Kinder sind geistig freier – das ist ein Gewinn, aber es führt auch zu Konflikten. Es gibt da interessante Parallelen zur Reaktion auf die Emanzipation der Frauen. Im Grunde sind die Frauen ja ähnlich befreit worden wie die Kinder. Als sie sagten, jetzt wollen wir ran, hieß es, jetzt ist die Familie tot. Und nachdem damals die Männer Macht abgeben mussten, müssen das heute die Erwachsenen tun. Das ist für sie schwer zu ertragen. Sie müssen sich stärker mit den Kindern auseinandersetzen.

ZEITmagazin: Die Erkenntnis trifft die Erwachsenen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen?

Juul: Bis neun, zehn machen die Kinder alles mit. Sie glauben, sie hätten die besten Eltern der Welt. Ab zwölf, dreizehn sagen manche: Fuck you, ich mache das nicht. In Deutschland haben wir unglücklicherweise auch noch diese verdammte Schule, in der schon nach der vierten Klasse selektiert wird. Dieses System passte am Anfang der Industriegesellschaft, wo man eine kleine Gruppe brauchte, die führen musste, und eine große Gruppe, die sich führen lassen musste. Aber heute setzt das System bloß Eltern unter einen massiven Druck, den sie an die Kinder weitergeben. Meine Güte, die sind sieben, acht, neun, und ihnen wird gesagt, wenn du nicht gut genug bist, kannst du nicht an die Uni gehen. Die können sich überhaupt nichts vorstellen unter einer Uni.

ZEITmagazin: Bildung ist wichtig, das wissen die Eltern – und sorgen sich.

Juul: Vor allem die Politiker reden, als ob Bildung alle Probleme lösen könnte – und als ob unsere Gesellschaft keine Kellner oder Köche brauchte, sondern nur Akademiker. Viel eher sollte man sich mal die Frage stellen, welche Kinder die Eltern haben wollen – und welche Kinder unsere Gesellschaft haben will. Man sollte aufhören, Kinder als reine Ressource anzusehen.

ZEITmagazin: Janusz Korczak, der berühmte Pädagoge, postulierte das Recht des Kindes auf den heutigen Tag. Das Verharren in der Gegenwart war mal das Privileg der Kindheit – gilt das heute nicht mehr, weil wir immerzu daran denken, was aus dem Kind mal werden soll?

Juul: Die heutigen Kinder haben unglaublich viel Stress – daher rühren viele Probleme, die sie gerade haben. Hier und jetzt sein zu dürfen, das vermissen Kinder. Wenn ich heute Abend nach diesem Interview heimkomme, wird mein Enkel unter Garantie sagen: Ich will mit dir aufs Trampolin. Und wenn ich sage, nein, das ist jetzt zu spät, dann ist das brutal. Das Kind sagt ja nur: Ich habe dich vermisst, ich möchte mit dir spielen – und spielen ist immer sofort. Die Leichtigkeit, darauf einzugehen, fehlt oft im Alltag. Kinder können von ihren Eltern nicht mehr lernen, wie man sich entspannt.