Familientherapeut Jesper Juul "Ich kämpfe täglich mit deutschen Müttern"Seite 5/5
ZEITmagazin: Welche Folgen hat der Glücksdruck?
Juul: Die Kinder glauben, dass es in ihrer Familie verboten ist, nicht glücklich zu sein. Vielen dieser Kinder geht es in der Pubertät sehr schlecht. Sie haben keine Ahnung, wie man auf Enttäuschungen reagiert.
ZEITmagazin: Auch weil die Eltern Enttäuschungen von ihnen fernhalten?
Juul: Ja. Das sind diese Wattekinder. Die sind immer eingepackt und dürfen keiner Gefahr ausgesetzt werden.
ZEITmagazin: Dabei brauchen Kinder Erfahrungen, auch negative?
Juul: Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und sie brauchen Eltern, die sie führen. Es gibt so viele pädagogische Eltern. Neoromantiker, die nie Nein sagen und deswegen unheimlich viel reden müssen. Das macht die Kinder wahnsinnig, irgendwann sagen sie: Ich tue, was ich will. Du kannst mich nicht begleiten.
ZEITmagazin: Soll man Eltern zu mehr Haltung erziehen?
Juul: Ich habe meinen täglichen Kampf mit deutschen Müttern, um ihnen beizubringen, zu sagen: Ich will. Dieses verdammte »Ich möchte« funktioniert beim Bäcker und im Restaurant, es ist eine soziale Sprache. Aber in einer Liebesbeziehung, wie wir sie zu unseren Kindern haben, funktioniert es überhaupt nicht.
ZEITmagazin: »Ich will, dass du zum Essen kommst« anstatt »Ich möchte, dass du zum Essen kommst«?
Juul: Wenn sich ein Problem verselbstständigt hat, wird das Kind sein Verhalten nicht ändern, bloß weil die Eltern sagen, »wir wollen«. Sie müssen beginnen, zu reflektieren, was sie tun: Wollen wir wirklich, dass das Kind jetzt zu Tisch kommt, oder glauben wir nur, dass es so sein muss? Es ist ja keine Katastrophe, wenn ein Kind lieber mit seinem neuen Auto spielt, als zu essen. Aber es stört unser Bild von einem Familienessen. Bis ein Kind lernt, wann es Hunger hat, dauert es sieben, acht Jahre.
ZEITmagazin: Soll man etwa so lange warten, bis man es schafft, gemeinsam am Tisch zu sitzen?
Juul: Ja, und wenn die Eltern einfach zu essen beginnen und für eine gute Stimmung sorgen, werden sie in aller Regel nicht lange auf ihr Kind warten. Das Problem ist ja, dass Kinder heute viel zu viel Aufmerksamkeit bekommen. Der Fokus ist stets auf sie gerichtet, das ist für sie sehr unangenehm. Deswegen wollen die meisten nicht mit den Eltern am Tisch sitzen. Wir Erwachsenen haben vergessen, wie sich das anfühlt. Ich erfahre das jetzt selbst als Großvater: Als mein Enkel ein Jahr alt war, hatten wir ihn zum ersten Mal für drei Tage bei uns. Meine Frau und ich haben genau diesen Fehler begangen. Wir haben dann vor dem Essen verabredet, worüber wir bei Tisch reden wollen – damit wir nicht ständig das Kind angucken.
ZEITmagazin: Ein generelles Problem unserer Zeit: Wir schauen zu sehr auf die Kinder?
Juul: Es gibt zwei Sätze, die sehr wichtig sind. Der erste lautet: Wenn man im Zentrum steht, ist man immer einsam – das gilt nicht nur für Chefs, sondern auch für Kinder. Der zweite: Kinder fordern viel Aufmerksamkeit, aber sie brauchen nicht so viel, wie sie fordern. Junge Eltern glauben wirklich, sie müssten ihren Kindern immer zur Verfügung stehen. Und darüber werden sie wahnsinnig. Die Lösung heißt: weniger Aufmerksamkeit auf das Kind richten, mehr auf sich selbst.
ZEITmagazin: Eltern sollen mehr an sich selbst denken?
Juul: Das ist ein bisschen gefährlich formuliert, denn es soll ja nicht heißen, dass man sich nicht engagieren soll, es heißt nur: Geht ein Stück zurück, guckt dem Kind zu, und bietet eure Begleitung an, wenn es aussieht, als könnte es die jetzt brauchen. Kinder können sehr viel selbst, aber sie können fast nichts allein.
ZEITmagazin: Was ist Ihr wichtigster Rat an die Eltern von heute?
Juul: Seid nicht so perfektionistisch. Bis man wirklich gut ist im Erziehen, muss man mindestens vier Kinder haben. Aber glücklicherweise brauchen und wollen Kinder keine fix und fertigen Eltern. Kinder haben viel Verständnis für Fehler – sie machen ja selbst den ganzen Tag welche und lernen daraus. Eltern fragen mich ständig: Ist es erlaubt, Kindern gegenüber laut zu werden? Natürlich ist es das, man darf heulen, schreien, alles Mögliche. Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen.
Das Gespräch führten Matthias Kalle und Tanja Stelzer
- Datum 26.02.2010 - 12:29 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 25.02.2010 Nr. 09
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Endlich mal Aussagen und Erkenntnisse, die nicht der Logik der Idee (Ideologisch) folgen, sondern Nachdenkenswertes vorstellen und einen Überblick über die Entwicklung im Verhältnis von Eltern und Kindern geben.
Es gibt doch noch vernünftige kenntnisreiche Menschen.
Kinder als Ressourcen ??!!
Wenn es wirklich so sein sollte, dann ist das höchst bedenklich.
Über diesen Mann und seine Antworten sollte alle Eltern nachdenken !!!
Es mag vieles von dem einleuchten, was hier gesagt wurde. Was mir aber noch mehr einleuchtet ist, dass Erziehung über tausende von Jahren ein Problem war und blieb, für das es keine endgültige Lösung gab. Seit Jahrhunderten werden laufend neue Erziehungskonzepte vorgestellt und neue Erziehungsratgeber geschrieben. Es wird so weiter gehen, weil es kein Rezept geben kann, das eine erfolgreiche Erziehung garantiert, trotz weiterer Erkenntnisse der Gehirnforschung. Kinder und deren Erziehung wird immer ein Wagnis bleiben, auf das man sich einlassen muss.
Dazu bedarf es Eltern und Erzieher, die selbst Wertevorstellungen haben und vorleben. Und es bedarf der Liebe zum Kind, die ein unbedingtes Zutrauen mit dem Respekt vor der eigenen Persönlichkeit der Kindes verbindet. Hierbei müssen Eltern, Erzieher und Kinder unterstützt und nicht bevormundent werden.
Ob Erziehung einmal gelungen ist? Fragen sie zur gegebenen Zeit die Eltern und fragen sie die Kinder. Werden sie übereinstimmende Antworten erhalten?
Sie schreiben (und Sie haben Recht: "Es mag vieles von dem einleuchten, was hier gesagt wurde. Was mir aber noch mehr einleuchtet ist, dass Erziehung über tausende von Jahren ein Problem war und blieb, für das es keine endgültige Lösung gab."
Doch, die Lösung ist ganz einfach: Aufhören, zu erziehen. Aufhören damit, Kinder belehren, aus Kindern etwas machen zu wollen, kleine Heilige oder zukünftige Nobelpreisträger. Einfach mit den Kindern zusammen leben wie mit dem Ehegatten auch und sie daraus lernen lassen. Das tun sie, und das funktioniert. Hundertprozentig. Und wenn man dann noch seine Kinder gerne um sich hat, ist sowieso alles geritzt.
Sie schreiben (und Sie haben Recht: "Es mag vieles von dem einleuchten, was hier gesagt wurde. Was mir aber noch mehr einleuchtet ist, dass Erziehung über tausende von Jahren ein Problem war und blieb, für das es keine endgültige Lösung gab."
Doch, die Lösung ist ganz einfach: Aufhören, zu erziehen. Aufhören damit, Kinder belehren, aus Kindern etwas machen zu wollen, kleine Heilige oder zukünftige Nobelpreisträger. Einfach mit den Kindern zusammen leben wie mit dem Ehegatten auch und sie daraus lernen lassen. Das tun sie, und das funktioniert. Hundertprozentig. Und wenn man dann noch seine Kinder gerne um sich hat, ist sowieso alles geritzt.
Tausende Erzieher/innen wissen es geht um Vertrauen, um Freude und Entdecken können. Wenn man zu sich selbst ehrlich ist und über sich lachen kann, dann geht es nur noch darum, das richtige zum rechten Zeitpunkt zu machen. Ob man dabei streng sein muss? Man kann ja fragen, Kinder antworten ehrlicher als man gemeinhin denkt.
Ich denke besonders bei uns in D wird bzgl. Kinder viel zu viel über jedes Detail "nachgedacht. Es wird ewig reflektiert, hinterfragt, geplant usw... Es ist einfach Vieles eine "Kopfgeburt".
M.E. tut ein bisschen mehr Gelassen- und Natürlichkeit not. Wenn ich z.B. meine Kinder nun auch mal etwas lauter anmotze, wenn sie streiten oder mich wirklich nerven, habe ich nicht automatisch gleich ein schlechtes Gewissen (Keine Sorge "Jugendamt" - ich schreie nicht laut & täglich.
Es fängt doch schon beim Sielzeug an; welches ist nun besonders pädagogisch wertvoll, altersgerecht, öko, antiallergisch und bringt gleichzeitig Glücksgarantie(Nutzen!)für Kind und Eltern. Aber dann sieht man oft, wie Kinder teuersten Spielzeugkrempel liegen lassen und lieber mit einer alten Puppe spielen oder sich draußen ewig mit einem Kieselstein beschäftigen.
Ja, und ich bin der Meinung Elten dürfen auch egoistsich sein, sollten nicht alles hinterfragen und "strategisch" planen. Wenn ich mit meinem Sohn eine Radtour mache oder Fußball spiele, dann doch meist nicht, weil es nun für das Kind gut ist(z.B. Bewegung/Motorik usw.), sondern einfach, weil es mir eben auch mal Spaß macht herumzutollen. Ich denke Kinder merken schnell, wenn Erwachsene keine Motivation haben.
Früher wurde Kinder, wenn Sie nervten oder Eltern mal ihre Ruhe haben wollten gesagt, geht mal ab in den Wald. Das war sicher für Kinder und Eltern nicht das Schlechteste und v.a. hatten da auch Kinder mal Ruhe vor Erwachsenen.
Und wenn wir eine Gesellschaft haben, die gerne 100% Akademiker als Ergebnis der Erziehung sehen würde, dann ist das Scheitern vorprogrammiert.
meistens antworte ich still im Geiste darauf "un capullo integral", wenn ich diese Mitteilung aus dem Radio oder dem Fernsehgerät hören.
Eine ganze Generation, die geistig, seelisch und emotional so zerstört wurde, wie die Generation Doof, hat es nach meiner Kenntnis in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben.
Ein wenig erinnert sie an die Geschichte des dystopischen Romans "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury.
Deutschland 2010 - Eine ganze Generation von Feuerwehrmen-schen. Eine Generation welche die Ausgeburt der wahnhaften geistig-moralischen Wende der sich selbst menschlich, geistig und moralisch befruchtenden Elitarier der Gruppe Kohl-Genscher gewesen ist, und die durch die zynisch-faschistoide Philosophie der Gruppe Schröder-Fischer gänzlich über den Jordan, den Rubikon und den Styx getrieben wurde.
Wir werden noch an den Grabstätten dieser Generation sitzen und unserer Tränenmeer wird kein Ende haben.
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