ZEITmagazin: Welche Folgen hat der Glücksdruck?

Juul: Die Kinder glauben, dass es in ihrer Familie verboten ist, nicht glücklich zu sein. Vielen dieser Kinder geht es in der Pubertät sehr schlecht. Sie haben keine Ahnung, wie man auf Enttäuschungen reagiert.

ZEITmagazin: Auch weil die Eltern Enttäuschungen von ihnen fernhalten?

Juul: Ja. Das sind diese Wattekinder. Die sind immer eingepackt und dürfen keiner Gefahr ausgesetzt werden.

ZEITmagazin: Dabei brauchen Kinder Erfahrungen, auch negative?

Juul: Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und sie brauchen Eltern, die sie führen. Es gibt so viele pädagogische Eltern. Neoromantiker, die nie Nein sagen und deswegen unheimlich viel reden müssen. Das macht die Kinder wahnsinnig, irgendwann sagen sie: Ich tue, was ich will. Du kannst mich nicht begleiten.

ZEITmagazin: Soll man Eltern zu mehr Haltung erziehen?

Juul: Ich habe meinen täglichen Kampf mit deutschen Müttern, um ihnen beizubringen, zu sagen: Ich will. Dieses verdammte »Ich möchte« funktioniert beim Bäcker und im Restaurant, es ist eine soziale Sprache. Aber in einer Liebesbeziehung, wie wir sie zu unseren Kindern haben, funktioniert es überhaupt nicht.

ZEITmagazin: »Ich will, dass du zum Essen kommst« anstatt »Ich möchte, dass du zum Essen kommst«?

Juul: Wenn sich ein Problem verselbstständigt hat, wird das Kind sein Verhalten nicht ändern, bloß weil die Eltern sagen, »wir wollen«. Sie müssen beginnen, zu reflektieren, was sie tun: Wollen wir wirklich, dass das Kind jetzt zu Tisch kommt, oder glauben wir nur, dass es so sein muss? Es ist ja keine Katastrophe, wenn ein Kind lieber mit seinem neuen Auto spielt, als zu essen. Aber es stört unser Bild von einem Familienessen. Bis ein Kind lernt, wann es Hunger hat, dauert es sieben, acht Jahre.

ZEITmagazin: Soll man etwa so lange warten, bis man es schafft, gemeinsam am Tisch zu sitzen?

Juul: Ja, und wenn die Eltern einfach zu essen beginnen und für eine gute Stimmung sorgen, werden sie in aller Regel nicht lange auf ihr Kind warten. Das Problem ist ja, dass Kinder heute viel zu viel Aufmerksamkeit bekommen. Der Fokus ist stets auf sie gerichtet, das ist für sie sehr unangenehm. Deswegen wollen die meisten nicht mit den Eltern am Tisch sitzen. Wir Erwachsenen haben vergessen, wie sich das anfühlt. Ich erfahre das jetzt selbst als Großvater: Als mein Enkel ein Jahr alt war, hatten wir ihn zum ersten Mal für drei Tage bei uns. Meine Frau und ich haben genau diesen Fehler begangen. Wir haben dann vor dem Essen verabredet, worüber wir bei Tisch reden wollen – damit wir nicht ständig das Kind angucken.

ZEITmagazin: Ein generelles Problem unserer Zeit: Wir schauen zu sehr auf die Kinder?

Juul: Es gibt zwei Sätze, die sehr wichtig sind. Der erste lautet: Wenn man im Zentrum steht, ist man immer einsam – das gilt nicht nur für Chefs, sondern auch für Kinder. Der zweite: Kinder fordern viel Aufmerksamkeit, aber sie brauchen nicht so viel, wie sie fordern. Junge Eltern glauben wirklich, sie müssten ihren Kindern immer zur Verfügung stehen. Und darüber werden sie wahnsinnig. Die Lösung heißt: weniger Aufmerksamkeit auf das Kind richten, mehr auf sich selbst.

ZEITmagazin: Eltern sollen mehr an sich selbst denken?

Juul: Das ist ein bisschen gefährlich formuliert, denn es soll ja nicht heißen, dass man sich nicht engagieren soll, es heißt nur: Geht ein Stück zurück, guckt dem Kind zu, und bietet eure Begleitung an, wenn es aussieht, als könnte es die jetzt brauchen. Kinder können sehr viel selbst, aber sie können fast nichts allein.

ZEITmagazin: Was ist Ihr wichtigster Rat an die Eltern von heute?

Juul: Seid nicht so perfektionistisch. Bis man wirklich gut ist im Erziehen, muss man mindestens vier Kinder haben. Aber glücklicherweise brauchen und wollen Kinder keine fix und fertigen Eltern. Kinder haben viel Verständnis für Fehler – sie machen ja selbst den ganzen Tag welche und lernen daraus. Eltern fragen mich ständig: Ist es erlaubt, Kindern gegenüber laut zu werden? Natürlich ist es das, man darf heulen, schreien, alles Mögliche. Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen.

Das Gespräch führten Matthias Kalle und Tanja Stelzer