Roman von Justine Lévy Das Liebeskarussell

Im sechsten Pariser Arrondissement hocken Boulevard, Intelligenz und Politik eng aufeinander: In ihrem Roman »Schlechte Tochter« erzählt Justine Lévy von ihrer Familie, die ein Teil davon ist

Die Schriftstellerin Justine Lévy

Die Schriftstellerin Justine Lévy

Justine Lévy kleidet sich so, als wollte sie klarstellen, dass sie mit der Flamboyanz ihrer Eltern nichts zu schaffen hat. Sie hat den Porzellanteint eines Mädchens aus gutem Hause, ansonsten trägt sie einen Wollpulli und Jeans, die so weit geschnitten sind, dass sie die schweren Stiefel fast verdecken. Sie arbeitet halbtags als Lektorin bei dem Pariser Verlag Stock, der auch ihre Romane verlegt, und wie sie auf dem Büroflur mit den Verlagsmitarbeitern plaudert, verrät nichts an ihr ihre Herkunft, die ihr doch als Schriftstellerin eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration zu sein scheint. Ihr dritter Roman, Schlechte Tochter, der dieser Tage auf Deutsch erscheint ( aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Kunstmann Verlag, München 2010, 176 S., 17,90 Euro ) erzählt vom Tod ihrer Mutter, die monatelang vergeblich gegen den Brustkrebs kämpfte, während sie, die Tochter, in dieser Zeit ihr erstes Kind erwartete.

Isabelle Doutreluigne war, als sie im Dezember 2004 starb, mehrmals auf dem Cover der Vogue gewesen und hatte zahlreiche Liebschaften mit Männern und Frauen gehabt. Mit Lévys Vater, dem französischen Großintellektuellen Bernard-Henri Lévy, war sie in den siebziger Jahren zusammen gewesen. Die beiden trennten sich, als Justine vier Jahre alt war. Justine lebte erst bei der Mutter, die aber von den Alimenten nicht die Miete bezahlte, sondern Runden im Grand Hôtel de Clermont schmiss, Drogen kaufte oder das Geld an Obdachlose verschenkte. Sie vergaß, die Tochter von der Schule abzuholen, und verlor jeden ihrer Jobs schnell wieder. Bernard-Henri Lévy, BHL, wie die Franzosen ihn nennen, nahm Justine zu sich, die seitdem das Gefühl nicht mehr loswurde, ihre Mutter allein gelassen zu haben.

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»Ich schreibe über mein Leben, weil es das Einzige ist, was ich kann«, sagt Lévy. »Man will entweder wie Duras oder wie Flaubert schreiben: über das eigene Leben oder über das Gegenteil des eigenen Lebens.« Im Gegensatz zu Gustave Flaubert muss Lévy zu ihrem Leben nicht viel hinzuerfinden, um ihre Leser in Atem zu halten. Sie wurde in das Netzwerk ihres Vaters hineingeboren, zu dem unter anderem François Mitterrand, François Pinault und Yves Saint Laurent gehörten. Ihr letzter Roman, Nicht so tragisch, 2004 erschienen, verkaufte sich in Frankreich über 300.000-mal. Lévy erzählt darin vom Ende ihrer Ehe, und selbst die Pariser staunten, wie eng im sechsten Arrondissement Boulevard, Intelligenz und Politik offenbar aufeinander hocken: Lévys Mann Raphaël Enthoven, TV-Philosoph und Sohn des bekannten Publizisten Jean-Paul Enthoven, der wiederum ein alter Freund von BHL ist, verlässt Justine für die Geliebte des eigenen Vaters, Carla Bruni, ehemaliges Supermodel, Industriellenerbin, Chansonsängerin. Als der französische Präsident auf dieses Liebeskarussell aufspringt, hat Justine Lévy ihr Buch schon abgeschlossen. War es eine Genugtuung für sie, dass ihr Exmann, der sie für ein Supermodel hatte sitzen lassen, von diesem Supermodel schließlich für niemand anderen als den Staatspräsidenten sitzen gelassen wurde? – »Ich will einen Mann mit Nuklearmacht«, soll Carla Bruni damals verkündet haben. »Ich hatte das alles hinter mir gelassen«, sagt Lévy. »Ich habe dem Spektakel zugesehen, wie alle anderen auch: Ich fand diese Geschichte völlig irre.«

In diesem Genre vermischt sich das Wahre mit dem Erfundenen

Sie raucht eine Zigarette und kaut dazu Kaugummi. Sie redet viel und schnell, mit fester Stimme, ihr Lachen ist tief und nicht leise. Sie wirkt nicht so verletzlich wie ihr Alter Ego Louise, Erzählerin und Protagonistin ihrer drei Romane. »Louise ist nur ein Teil von mir. Sie ist durchgeknallter als ich.«

Erst im dritten Monat versteht Louise, dass sie schwanger ist, und will sich auch dann nicht dem Zustand angemessen verhalten: Sie raucht, trinkt spanischen Schnaps, nimmt Prozac. Lange verschweigt sie ihrer Mutter, dass sie ein Kind erwartet, denn die liegt im Krankenhaus, das sie nicht mehr verlassen wird. »Ich bin so lebendig, ich verhöhne sie geradezu mit diesem zweiten, diesem offensichtlichen Leben«, schreibt Lévy.

Einiges von dem, was Lévy erzählt, ist wahr, einiges nicht. Die sogenannte autofiction , die literarische Fiktionalisierung eigener Erfahrungen, erlebte zuletzt in den neunziger Jahren mit Christine Angot und Catherine Millet eine Hausse. Diese Erzählform, die im Gegensatz zu gängigen Formen der Autobiografik von scheinbar belanglosen Geschehnissen des eigenen Lebens erzählt, geriet in Verruf, weil sich ihrer bald vor allem solche Autoren bedienten, denen es an Erzähltalent mangelte. Heute gilt die autofiction als ähnlich interessant wie Twitter.

Lévy aber verhilft dem Genre zu neuem Glanz. Zum einen lässt sie ihre Louise mit weltgewandter, feiner Selbstironie sprechen, zum anderen macht sie eine Erfahrung zum zentralen Motiv, die literarisch selten verhandelt wird: die Schwangerschaft. Wegen ihrer Schuldgefühle gegenüber der Mutter und weil diese jegliche Regeln der Elternschaft ignorierte, wird Louise das Muttersein zur angstvollen Vorstellung. Sie findet den Umstand, dass eine fremde Person in ihrem Bauch heranwächst, beängstigend. »Gäbe es einen Führerschein, bevor man Kinder bekommt, ich hätte ihn aus schierer Nervosität nicht bestanden«, sagt sie.

Leser-Kommentare
  1. 1. paris

    es stimmt, in paris kann man wie an keinem anderen ort der welt erkennen, dass weltpolitik nicht "da oben" gemacht wird, sondern "nebenan". es braucht nur ein paar grau melierte maenner mit darstellungsdrang, halboffenen sommerhemden und starken ellbogen, ein gemeinsames studium an einer grande ecole und ein paar aufregende und raffinierte groupies aus gutem hause. die erkenntnis ist erschreckend und gleichzeitig antrieb fuer viele junge pariser(innen).

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