Sie schweigt, am Tag der ersten Schlagzeile, aber ihr Handy lässt sie angeschaltet. Wie konnte Ihnen das passieren? Was erfährt ein Mensch über sich und seine Lebenslage, wenn er in den Spiegel eines solchen Vorfalls blickt? Kann man dann noch oberste deutsche Bischöfin bleiben?

Und warum eigentlich hatte Sie es so eilig?

Man kann also Fragen ins Dunkle schicken, einfache Fragen, schwierige, persönliche, politische. Denn bei allen denkbaren Erklärungen bleibt doch ihre Sicht eine Leerstelle: Was war mit Margot Käßmann los in dieser Samstagnacht gegen 23 Uhr in Hannover, als die Polizei sie in ihrem VW Phaeton auf einer Straßenkreuzung stoppte und zur Blutentnahme mit aufs Revier geleitete?

Wie sie diese Situationen hasst! Und wie sie diese Sätze beherrscht! »Ich muss Klarheit schaffen in meinem Leben. Wahrhaftigkeit ist das Wichtigste.« Mit diesen Worten in der Bild- Zeitung erfährt die deutsche Öffentlichkeit 2007 von Margot Käßmanns Scheidung, der ersten einer amtierenden Bischöfin in Deutschland. »Ich musste Geduld lernen«, mit diesen Worten wird Käßmann in der Bild zitiert, als sie 2006 ihren Brustkrebs öffentlich thematisiert, »der liebe Gott testet manchmal sein Bodenpersonal«. Und jetzt, 2010: »Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe.« Via Bild bekennt sich Käßmann, inzwischen Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu ihrer nächtlichen Alkoholfahrt, bei der sie über eine rote Ampel fuhr. »Mir ist bewusst, wie gefährlich und unverantwortlich Alkohol am Steuer ist. Den rechtlichen Konsequenzen werde ich mich selbstverständlich stellen.« Und den anderen?

Ihr Weg wirkt nur im Rückblick so gerade und steil

Wie sie die Situationen hasst – und wie sie sie beherrscht: Ausgeliefert zu sein, auf das Wohlwollen der Welt angewiesen, und doch nicht aufzugeben. Darf eine Bischöfin geschieden sein? Sollte man eine Krebserkrankung verheimlichen? Ist der Afghanistan-Krieg richtig? Immer ist Margot Käßmann die Dinge frontal angegangen. Hat nach dem einfachen, treffenden Bild gesucht, dem starken Satz, und Leute erreicht, die sonst bei Pfarrern schnell weghören. Sie hat sich durch keinen Gegner beirren lassen. Am Ende standen meist die Kritiker bedröppelt da, gar nicht zwingend widerlegt, und doch wirkten sie nachträglich oft kleinlich, herablassend, gestrig. Der Befreiungsschlag war ihr Metier, selbst vor dem Boulevard ist sie nicht zurückgeschreckt, und ihre Klarheit war ihr Schutzengel. Und doch ist diesmal etwas anders. Nicht ihr ist etwas widerfahren, diesmal ist sie selbst gefahren.

Hat sie tatsächlich auf der Polizeiwache erklärt, sie habe nur ein Glas Wein getrunken? Der Bild- Bericht trifft zu, hat ein EKD-Sprecher pauschal verlauten lassen. Dass der Alkoholpegel im Blut ständig stieg, machte auch einen schlechten Eindruck: Von 1,1 Promille sprach eine EKD-Sprecherin, von 1,3 Promille zunächst die Polizei, 1,54 ergab dann der Labortest nach der Blutentnahme. Schon ab 1,1 Promille aber spricht der Staatsanwalt von einer Straftat. Vom Nachweis der »absoluten Fahruntüchtigkeit« im Straßenverkehr zum Vorwurf der relativen Führungsunfähigkeit in Kirche und Öffentlichkeit ist es nicht weit.

Am Tag vor dem Missgeschick, eine Autofahrt von Hannover entfernt, sah die Zukunft des deutschen Protestantismus denkbar hoffnungsvoll aus: In Wittenberg, wo einst Martin Luther seine Thesen an die Schlosskirche hämmerte, eröffnete das Vorzeigepaar der evangelischen Kirche ein sogenanntes Zentrum für evangelische Predigtkultur. Neben Käßmann war auch die oberste Vertreterin der Laien gekommen, Katrin Göring-Eckardt, die Grünen-Politikerin und Präses der EKD-Synode. Gewohnt temperamentvoll, konzentriert, frisch aus dem Urlaub zurück, trat die Bischöfin da auf, stiller strahlend, dabei immer intellektuell präzise, die Präses. »So einig habe ich die evangelische Kirche selten gesehen«, sagt ein Kirchenoberer. 24 Stunden später war der größte Gegner der evangelischen Kirche die Straßenverkehrsordnung.

Ihre Strategie war stets, keine Strategie zu haben, schrieb ein Beobachter über Käßmanns erste Amtsmonate. Und sie hat stets Politik gemacht mit ihrem Leben, ihrer Persönlichkeit. Viele scharfe Denker unter den Theologen haben ihr das angekreidet, weniger strenge Geister fanden, dass sie der Kirche dadurch eher nützt.