In Deutschland stürzt sich die Presse auf Missbrauchsskandale im katholischen Erziehungsmilieu. Medien wie Kirche betonen das moralisch Verwerfliche der Taten. Empörung allerorten. Wenn man freilich die Diskussion auf Grundsätzliches hin reflektiert, stellt sich eine ganz andere Frage: Entspringt das Verhalten der vorgesetzten kirchlichen Instanzen, ihnen bekannt gewordene Straftaten nicht den Staatsanwaltschaften zu melden, sondern sie interner Behandlung vorzubehalten, womöglich der religiösen Grundüberzeugung, dass die katholische Kirche über ein Recht verfügt, welches sie auch gegenüber dem säkularen Rechtsstaat in eigener Souveränität praktiziert?

Die Kirche hat eine eigene, jahrhundertealte Strafgerichtsbarkeit; Höchststrafe ist die Exkommunikation. Das Problem pädophiler Priester ist in diesem Corpus allerdings nicht angemessen berücksichtigt. Im Codex des kanonischen Rechts von 1917 war eindeutig geregelt, dass Kleriker prinzipiell der weltlichen Gerichtsbarkeit entzogen sein sollten. Im Codex von 1983 wird dieser Anspruch, das sogenannte Klerikerprivileg, nicht mehr ausdrücklich erhoben. In theologischer Sicht können Gnade und Vergebung auch nicht einfach an die Stelle der Gerechtigkeit treten. Gleichwohl muss man als Bürger, aus der Sicht des säkularen Rechts, den Eindruck gewinnen, die kirchlichen Autoritäten handelten fallweise immer wieder nach der Maxime »Gnade vor Recht«. Der Außenstehende hat Anlass, zu fragen, ob die Vorstellung der Kirche, von Jesus Christus ermächtigt zu sein, Vergebung zu gewähren oder vorzuenthalten, zu einer unaufhebbaren Spannung zwischen kirchlicher Gnadenkompetenz (»göttlichem« Recht) und säkularem Recht führt. Anders formuliert: Ist und bleibt das Verhältnis der katholischen Kirche zum neuzeitlichen säkularen Rechtsstaat und zu seinem individualistischen Freiheits- und Rechtsverständnis notgedrungen problematisch?

Das Geltendmachen des kirchlichen Rechts hat während der vergangenen 100 Jahre immer wieder zu gravierenden Kollisionen mit dem modernen Verständnis von Rechten und Rechtspflichten geführt. Man kann vermuten: In bestimmten Konstellationen sind die normativen Imperative eines weltanschaulich neutralen freiheitlichen Rechtsstaates für die katholische Kirche von nachrangiger Bedeutung. Aufgrund der Überzeugung eines kirchlich verwalteten »Gnadenschatzes« fühlen sich gegebenenfalls die Repräsentanten der Kirche zu einem Agieren ermächtigt, das ganz bewusst die Mechanismen des Rechtsstaates unterläuft. Aus Geschichte und Gegenwart führe ich einige Beispiele an.

Das heikle Problem pädophiler Priester ist weltweit verbreitet. In Irland, den USA, Australien, auf den Philippinen gibt es Tausende von Opfern, deren Schadensersatzansprüche regional die Diözesen in die Insolvenz treiben. (Die katholische Kirche in den USA hat inzwischen mehr als zwei Milliarden Dollar an die Opfer gezahlt.) Überall versucht die Kirche so lange wie möglich, die rechtliche Sanktionierung dieser Straftaten durch säkulare Gerichte zu umgehen und sie der internen Disziplinierung vorzubehalten. Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2002 angeordnet, Missbräuche an interne Stellen zu melden. Bestätigt sich der Verdacht sexuellen Missbrauchs, werden nach einem Strafurteil durch das kirchliche Gericht oder einem Strafdekret der Glaubenskongregation Strafmaßnahmen eingeleitet. Unter Punkt 7 wird dem Täter auch zur »Selbstanzeige« bei der Staatsanwaltschaft »geraten«.

Dass man nicht zögerte, die Opfer dieser Praktiken sich selbst zu überlassen, und die eigenen Priester davor bewahrte, sich vor einem ordentlichen Gericht verantworten zu müssen, ist nicht allein aus der Bemühung um eine »anständige« Corporate Identity zu erklären. Diese Eigenmächtigkeit im Umgang mit geltendem Recht und mit Schuldigen in den eigenen Reihen entsteht vielmehr aus einer Haltung, die sich dem weltlichen Recht überlegen glaubt. Wie sich zeigt, lässt sich eine solche Strategie heutzutage nur schwer durchhalten. Das belegt ein Beispiel aus Frankreich. 2001 wurde der Bischof von Bayeux-Lisieux wegen »unterlassener Erstattung der Anzeige von Sexualstraftaten an Minderjährigen« zu einer Bewährungsstrafe von drei Monaten verurteilt. Der Geistliche, den der Bischof geschützt hatte, erhielt eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren.

Dass Menschen, die sich verpflichtet haben, zölibatär zu leben, »schwach« werden und »sündigen«, ist nur allzu verständlich. Dass eine Institution, die darauf dringt, moralische Standards hochzuhalten, bei der Aufdeckung von Einzelfällen zunächst versucht, die Dinge stillschweigend zu regeln, um Imageschäden abzuwenden, ist unter dem institutionenpolitischen Gesichtspunkt nachvollziehbar. Doch die katholische Kirche scheint in der Praxis das profane Recht als Medium zur Bewältigung solcher Straftaten grundsätzlich im Verhältnis zur kirchenrechtlichen Eigenkompetenz als nachrangig zu betrachten. Grund dafür ist, so darf man annehmen, die sakramental verbürgte Vollmacht, im Namen Gottes Sünden vergeben und gebeichtete Straftaten – Stichwort Beichtgeheimnis – in der Verborgenheit belassen zu dürfen. Da ist es bemerkenswert, dass die Französische Bischofskonferenz anlässlich der erwähnten Affäre im November 2000 sich genötigt gesehen hat, hervorzuheben, das Wohl und der Schutz der Kinder seien über ein »eventuelles Beichtgeheimnis« zu stellen.

In einem Land wie Irland mit seiner enormen Dominanz der katholischen Kirche ist es dem Klerus über Jahrzehnte hinweg gelungen, pädophile Priester der Verfolgung durch die Justizbehörden zu entziehen – nicht zuletzt, weil diese Behörden auch gar kein Interesse an einer solchen Verfolgung hatten. Indem Papst Benedikt in einem Appell an die irischen Bischöfe nicht mehr nur von »Sünde«, sondern von »Verbrechen« gesprochen hat, scheint er durch diese Wortwahl klargemacht zu haben, dass mit der Bewältigung solcher Vergehen von Anfang an die säkularen Gerichte zu befassen sind. In den Untersuchungsberichten ist von einer »Kultur der Vertuschung und des Schweigens« die Rede. Die Bischöfe Irlands haben 2009 eingeräumt, man habe den Schutz des guten Rufes von Einzelnen und der gesamten Kirche für vorrangig gehalten gegenüber der Sicherheit und dem Wohlergehen der anvertrauten Kinder.