Eheroman Einbruch, Ehebruch, Beinbruch
Arno Geiger untersucht in seinem Roman »Alles über Sally« die Niederungen des modernen Ehelebens
Der Fortschritt ist weiblich. Das zeigt sich mit aller Deutlichkeit an Alfreds Füßen. Im Urlaub legt er gern die Beine hoch und ergötzt sich als hypochondrischer Narziss an seinen von einem Stützstrumpf gebändigten Krampfadern. Sally hingegen gehen solche Zeichen körperlicher Hinfälligkeit auf die Nerven. Das ist der Knatsch, mit dem diese Geschichte einer Ehe nicht gerade animierend, doch immerhin vielsagend beginnt. Arno Geiger hat festgestellt, dass sich bei den Frauen, ihrer Rolle, ihrem Selbstbewusstsein, ihrer sozialen Stellung einiges getan hat. Und er hat beobachtet, dass damit ein topfittes Auftreten auch jenseits der Fünfzig einhergeht, das früher als Privileg der Männer im besten Alter galt.
Ganz neu ist das nicht, aber vielleicht ist Mann ja vorher nicht zu Wort gekommen, weil die topfitten Frauen ihre heißesten Themen erst mal selber angepackt haben. Jedenfalls hat sich nun Arno Geiger, Träger des Deutschen Buchpreises von 2005, in die propere Fünfzigerin Sally eingefühlt und ein wenig auch in den angeschlagenen Alfred. Und zugleich forscht er den Kräften nach, die in der Ehe des Paares walten, den bindenden ebenso wie den trennenden. Herausgekommen ist dabei Alles über Sally, der Roman über eine Ehe, darüber, wie sie in die Krise gerät und schließlich dennoch auf schwankendem Boden mit einiger Stabilität weiterbestehen kann.
Unverhofft und plötzlich muss der Urlaub in England abgebrochen werden, und das nicht wegen der Krampfadern-Kontroverse, die Alfred zu dem Seufzer veranlasst: »Mein Gott, wie schroff du bist, Sally!« Es kommt schlimmer, verletzender, aufwühlender. In das Wiener Vorstadthaus der Familie ist eingebrochen worden, und nicht nur das. Das Haus wurde verwüstet, nichts Teures, Notwendiges, Geliebtes, nichts Intimes blieb verschont.
Was damit gesagt werden soll, ist klar: Das Leben der fünfköpfigen Familie, von Frau, Mann, Tochter, Tochter, Sohn, die ganze Lebenskonstruktion wird infrage gestellt. Und kaum wurde wieder halbwegs Ordnung geschaffen, gefällt es Sally, eine Affäre anzufangen. Es ist das Jahr der großen Krise: Einbruch, Ehebruch, Beinbruch. Doch von Letzterem später.
Der Roman entfaltet eine konzentrierte Handlung, die sich vom Sommer bis zum Winter eines Jahres erstreckt. Der Horizont der zahlreich eingeschalteten Rückblicke aber, der Reminiszenzen, Vorgeschichten und Erinnerungen, umfasst die ganzen dreißig Ehejahre und reicht bis in jene Zeit zurück, als sich Sally und Alfred bei einem beruflichen Aufenthalt in Kairo kennenlernten. Der Clou der Geschichte liegt jedoch, wie es sich für Ehedramen gehört, in den gegensätzlichen Charakteren von Sally und Alfred. Er ist ein schwacher Mann, kein heutiger Zeittypus schlechthin, aber doch so etwas wie eine Verkörperung herabgestufter Männlichkeit. Sie ist eine starke Frau, zupackend, lebensfroh, abenteuerlustig, attraktiv.
Außer dem Stützstrumpf gibt es noch ein paar weniger muffige Kennzeichen für Alfreds Selbstbezogenheit. Er ist ein unermüdlicher Tagebuchschreiber, und darüberhinaus hat ihm seine Neigung zur bewahrenden Betrachtung den Beruf des Museumskurators eingebracht. Insofern hat er das Zeug dazu, den Bedeutungsverlust seines Geschlechts zu protokollieren und die verschlissenen Kostümreste des männlichen Rollenspiels in der Museumsvitrine einzusargen. Während Sally, die Lehrerin, munter die weibliche Selbstverwirklichung vorantreibt.
Zweifellos hat diese Roman-Familie zahlreiche Züge, die sich ohne Weiteres auf aktuelle Verhältnisse hin entziffern lassen. Doch Geiger hat sich vor einer allzu eindimensionalen Typisierung gehütet. Ihm kommt es auf das Feingewebe der Gefühle an, auf die Affekte, Triebkräfte, Sehnsüchte und Loyalitäten, die bewirken, dass Sally und Alfred nach ihrem Jahr der Krise zusammenbleiben. Es stecken also eine Menge vielversprechender Ideen, überlegter Ansätze und ein schlüssiger Grundriss in diesem Roman.
- Datum 25.02.2010 - 11:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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