Roman von Moritz Rinke Es riecht nach Torf
Moritz Rinke hat einen dezidierten Non-Berlin-Roman über die norddeutsche Kunstprovinz geschrieben
© Ralph Orlowski/Getty Images

Moritz Rinke
Eine ganze Reihe von Romanen jüngerer Autoren schickt ihre Helden derzeit in Gegenden fern der Metropolen, aufs Land, in die obligate kleine Stadt irgendwo in Deutschland oder auch nur in Quartiere, in denen noch etwas anders gelebt wird. Oft genug geht die Reise nach dorthin, wo man geboren wurde, aber nicht sterben will, das heißt in die Heimat, so exotisch und tröstend und fürchterlich, wie sie nun einmal ist. Gelegentlich bedeutet das auch die Reise in eine andere Zeit, in eine Art Jenseits der eigenen Moderne. Und die eigene Moderne ist für den durchschnittlichen jungen deutschen Autor und seinen Helden heute fast immer das Leben in Berlin. Berlin indessen, das hat sich auch literarisch herumgesprochen, ist heute nicht mehr die Fantasie- und Erwartungsstadt von vor zehn, fünfzehn Jahren. Wie bei Helene Hegemann: gesampelte Avantgarde. Viele Lesungen, aber kein Ort mehr von Geschichten. Vor allem ist Berlin die neue Heimat all der Knilche geworden, die das Leben mit einem Bildungsroman verwechseln, in Wirklichkeit und in den Büchern. Die Projektionen haben die Stadt ausgehöhlt. Der deutsche Gegenwartsroman ist ein dezidierter Non-Berlin-Roman.
So ist auch der Held von Moritz Rinkes Buch ein enthusiastischer, aber glückloser Bewohner der leeren Mitte. Dort, am falschen Ende der Brunnenstraße, wo es schon gefährlich in Richtung Wedding geht, betreibt er eine Galerie. Er heißt Paul, ist das Produkt einer kurzlebigen 68er-Ehe, und seine Freundin orientiert sich gerade von ihm weg. Das sind ein paar gute, wenn auch ziemlich klischeehafte Gründe, unruhig zu sein und nach irgendwohin aufzubrechen. Vermutlich ist schon der Aufbruch ein Klischee, aber mit solchen Klischees bringt sich dieses Buch auf fast 500 Seiten. Wer den Titel seines Romans mit dem Wort »Jahrhundert« beschwert, muss beim Blick zurück schrecklich vereinfachen. Der Leser kann also damit rechnen, dass Karikaturen und Zerrbilder auftreten. Das Historische, das Biografische, ebenso wie die Heimat als solche sind die Produkte unvollkommener Gemüter und ihrer begrenzten konstruktiven Vermögen. Aber was Moritz Rinke in diesem Buch doch immerhin schafft, das ist, diese Klischees zu einem beseelten Reigen zusammenzuführen, eine amüsante Klischee-Choreografie zu entwerfen und ein Spiel mit ehrgeizigen Selbstbildern und grundlosen Vergangenheitsprojektionen aufzuführen. Es geht um die Familie und den obligaten Nationalsozialismus, um die Kunst und den seltsamen Kunst-Ort Worpswede, ums Vergessen und Erinnern. Rinkes Spiel ist weder therapeutisch noch bloß komödiantisch. Es endet mit dem Verlust von Illusionen, und zwar ganz aussichtslos und mit allen Folgen. Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel, ist am Schluss auch durch sich selbst gefallen.
Paul Wendland erfährt, dass in Worpswede das Familienanwesen im Teufelsmoor versinkt, und er wird von seiner auf Lanzarote lebenden, mental schrecklich starken Mutter aufgefordert, sich um den Fall zu kümmern. So kommt er in die Heimat zurück. Dort lebt keiner mehr außer einem pfiffigen, geistig leicht behinderten Verwandten aus der Künstler-Dynastie der Kücks. Am Anfang sieht das alles noch einfach aus, es müssen ja nur Baumaßnahmen organisiert werden, doch dann wird das Vorhaben schnell kostspielig und kompliziert. Paul bleibt. Wer einmal im Moor war, dem hat man erzählt, dass der Sumpf die Dinge nicht nur verschluckt, sondern in Gestalt von Moorleichen gelegentlich auch wieder auswürgt. Genau das tut das Moor, und das ist der Inhalt dieses Romans. Die Familiengeschichte blubbert herauf, bis der Leser nasse Füße bekommt, die Geschichte der Eltern und des Großvaters, des großen Bildhauers Paul Kück, die Geschichte vieler, zeitgeschichtliches Kolorit beitragender Nebengestalten, die Vorgeschichte eines noch von Rainer Maria Rilke gestifteten Dampfkochtopfes sowie eines angeblich von Willy Brandt angebissenen Stückes Butterkuchen, das über Jahrzehnte im Gefrierschrank verwahrt wird. Aber auch die Angelegenheit einer geheimnisvoll durch die familiären Annalen geisternden Marie, die – so will die Legende – kurz vor Kriegsende von der Gestapo abgeholt worden war und dann verschwunden blieb…
Moritz Rinke verknüpft seine erfundene Familiengeschichte auf geschickte Weise mit der Historie des realen Kunst-Worpswede. 1889 gründete Fritz Mackensen in diesem Dorf seine Künstlerkolonie, mit einer beträchtlichen Anziehungskraft für junge Maler, deren Bilder noch heute nach Torf und kaltem Wasser riechen. Rilke schaute vorbei, Heinrich Vogeler radierte Mädchengesichter in Birkenhainen und entwarf unbequeme Jugendstilmöbel. Genial war nur Paula Becker, verheiratete Modersohn, aber sie war unglücklich dort und wollte nach Paris zu den wirklichen Artisten. Rinkes Familienpatriarch Paul Kück gehört bereits zur zweiten Generation der Uphoffs und Oelzes, ein Bronzegießer, der noch die große künstlerische Geste beherrschte und sich nach dem Krieg mit einer Art sozialdemokratischer Regionalkunst über Wasser hielt. Nach ihm kamen die namenlosen Grafiker und Aquarellisten: ein Verfall. Und Rinke, selbst aus Worpswede gebürtig, zeichnet nicht unbedingt ein verklärendes Porträt seiner Heimat: ein Ort voller Talentlosigkeit und Langeweile, alten Ambitionen wie unter einer Lasur aus Sepia, selbstmitleidiger Melancholie. Irgendwie scheinen alle in aufgeweichten Illusionen zu versacken.
Währenddessen droht das Kücksche Anwesen buchstäblich entzweizubrechen. Grabungen, die Stützpfeilern Raum schaffen sollen, fördern Überraschendes zutage. Die übermannsgroße Statue des NS-Reichsbauernführers Richard Walther Darré taucht auf, danach eine weitere seines Amtsnachfolgers Herbert Ernst Backe. Zwei handfeste Beweise liegen auf dem Rasen, dass Grand Old Kück tief im System der Nazikunst steckte, das Worpswede seinerzeit ohne nennenswerten Widerstand eingemeindet hatte. Die Sippe: schäbige Mitläufer, keine Ästheten im Widerstand. Erzählt hatte es Paul Kück senior anders, und entsprechend war das vom Rest der Familie all die Jahre kommunikativ beschwiegen worden.
Jetzt wittert ein alter Feind der Kücks Morgenluft, er will die Kücks insgesamt entlarven, entzaubern, will die Historie im Geist von 68 noch einmal richtig aufgraben – und sollte sie doch besser ruhen lassen. Rinke bestreitet einen Großteil seines Romans mit dieser unzeitgemäßen und lächerlichen Suche nach der Wahrheit. Sie ist eine Form der persönlichen Rache, wenn der Wind der Geschichte nicht mehr in ihre Segel bläst. Ohne dass die Beteiligten es wollen, kommen dabei ganz andere Wahrheiten ans Licht. Hier sind sie haarsträubend. Die historische Aufklärung verfehlt ihr Ziel, dafür findet sie das Unerwartete, und das freut den Romanschreiber.
- Datum 05.03.2010 - 14:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Sehr geehrter Herr Schmidt,
Danke für die Orientierungshilfe: dass der deutsche Gegenwartsroman ein dezidierter Non-Berlin-Roman ist, ist für uns hilfreich. So sparen wir uns, was künftig seinen Schauplatz in dieser Stadt hat. Wir sind jetzt nach der Hegemann-Verunsicherung besonders auf solche Hilfen angewiesen. Dass z.B. ein Aufbruch ein Klischee ist,war mir neu,und ich kann mir eine weitere Menge von Literatur sparen. Sind auch Leben und Sterben Klischees? Oder Wahrheitssuche und würdevolles Leben wie bei Rinke? Auf Ihren„Brücken zwischen zwei Szenen“scheinen Sie vieles an großer Erzählkunst verpasst zu haben. Z.B. die feine Bildersprache, die das, was Sie als Klischees und Verzerrungen sehen, ausdifferenziert. Und dass es um Kunstschaffen, Kunstrezeption und sogar um Klischees geht.Und die konstruktive Ironie im Roman - ist Ihnen die nicht aufgefallen ? Sie sprechen von Verdoppelungen u. „Berlin-Redundanz“im 1.Drittel. Dort geht es aber nur auf ca.15 Seiten um Berlin, und hier werden– universale-Leitmotive des Romans angeschlagen. Vielleicht verfassten Sie da schon Ihre Leser-Hilfen, um dann schnell durch die letzten 450 Seiten zu hetzen ? Sie berufen Sie sich etwas hilflos auf „die Verfehlung als ästhetisches Prinzip“. Vorsicht: das könnte inzwischen so out sein wie ein Berlin-Roman ! Und wenn für Sie alles „ganz aussichtslos“ ist und nur noch die Frage bleibt, wer Paul ist, sollten Sie das Buch vielleicht einmal wirklich lesen.
MfG, Michaela Reinhardt
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